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StartseiteSonntagsspaziergangZum Tee bei Charles Mackintosh27.01.2013

Zum Tee bei Charles Mackintosh

Glasgow und seine Jugenstilarchitektur

Freunde des Jugendstils denken bei Glasgow an die Stil gebende "Glasgow School of Art" des Architekten Charles Rennie Mackintosh. Vor über 100 Jahren errichtete er dort sein Meisterwerk der frühen Moderne. Unweit davon findet sich eine seiner charmantesten Arbeiten - die von Anne Mulhern restaurierten Willow Tea Rooms.

Von Katrin Kühne

Der Willow Tea-Room in der Sauchiehall Street in Glasgow . (Willow Tea Rooms)
Der Willow Tea-Room in der Sauchiehall Street in Glasgow . (Willow Tea Rooms)

"Um 1983 gab es in Glasgow viele Selbstbedienungsrestaurants, Fast Food. Aber ich wollte in meinem zukünftigen Restaurant weiterhin Bedienung! Und - ich liebe Charles Rennie Mackintosh! Seine Glasgow School of Art, hier gleich den Hügel rauf. Immer wieder bin ich am Gebäude der ehemaligen Willow Tea Rooms von Mackintosh vorbei. Und dann sagte ich mir, das könnte funktionieren."

Und es funktioniert seit Dezember 1983, als Anne Mulhern die Teestuben wieder eröffnete. Die Fassade von Mackintosh mit dem eleganten "Willow Tea Room" -Schild mit Glocken und Vogelfiguren von 1903 und der geschwungenen Fensterfront des Ladies Tea Room war zuvor wieder hergestellt worden.

"Die Willow Tea Rooms von Miss Cranston existierten von 1903 bis 1928. Sie wurden Willow-, also Weiden-Teestuben genannt nach der Sauciehall Street, an der sie sich befinden. Das gälische Sauchiehall bedeutet in etwa Weidenallee."

Miss Catherine Cranston war die Schwester eines Teehändlers und stammte aus einer streng antialkoholischen Hoteliersfamilie. Was lag da näher, als Teestuben einzurichten! Ladies hatten damit das erste Mal eine Möglichkeit, ohne männliche Begleitung auszugehen. Die Herren konnten übrigens in separaten Räumen Billard spielen, selbst-verständlich nur bei einer Tasse Tee.

Rund zwanzig Jahre dauerte Cranstons Zusammenarbeit mit dem Begründer des schottischen Jugendstils, des Modern oder Glasgow Style. Vier Cafés beziehungsweise Teestuben hat er für sie eingerichtet.

Mit den Willow Tea Rooms schuf Mackintosh 1903 ein Meisterstück, wobei ihm die Unternehmerin das erste Mal völlig freie Hand ließ. Unterstützt von seiner Ehefrau Margaret MacDonald Mackintosh, einer ebenfalls begnadeten Designerin, schuf er mit Räumen, Wanddekors, Möbeln, Besteck, und sogar Uniformen der Kellnerinnen eine Art "Gesamtkunstwerk".

"Mackintosh wollte die Weide als Motiv in das Gebäude bringen. In der Teegalerie mit dem Dekor 'Dame & Rose über stilisiertem Weidestrebewerk' und hier in dem De Luxe-Room mit stilisierten Weidenblättern. Das Weiße sind die Samen, das Gelbliche in den bleiverglasten Fenstern die Knospen."


Innenansicht des Room De Luxe - NUR FÜR SONNTAGSSPAZIERGANG (Willow Tea Room)Innenansicht des Room De Luxe. (Willow Tea Room)Dieser De Luxe-Ladies Tea Room - die Augen von Anne Mulhern strahlen immer noch vor Begeisterung - ist eine Symphonie in Lila, Weiß, Grau und Silber: Fenstergläser, verspiegelte Wandpaneele, Mobiliar.

Die Stühle mit extrem hohen, schmalen Lehnen sind ein Markenzeichen von Mackintosh. Sie schotten den Teegenießer vom Lärm des vollen Saals ab und schaffen eine fast private Sphäre für den High Tea mit Scones-Küchlein und Darjeeling.

Der Drawing Room im Macintosh-Haus - NUR FÜR SONNTAGSSPAZIERGANG (The Hunterian, University of Glasgow 2012)Der Drawing Room im Macintosh-Haus. (The Hunterian, University of Glasgow 2012)Wenn man bei dem Künstlerehepaar selbst sozusagen "zum Tee" vorbeischauen möchte, muss man sich in die Hunterian Art Gallery der Glasgower Universität begeben. Dort wurde 1981 die originalgetreue Replik des in den 60er-Jahren abgerissenen Mackintosh-Wohnhauses eröffnet. Die Wissenschaftler konnten das viktorianische Gebäude vor der Zerstörung vermessen. Und durch eine Schenkung erhielten sie fast das gesamte von den Mackintoshs 1906 geschaffene Interieur.

"Wir sind hier im Korridor mit der von Mackintosh gestalteten Eingangstür und Wandverkleidung. Der zum Licht hin ausgerichtete Spiegel wurde von Margaret Mackintosh, ihrer Schwester und deren Mann, beide ebenfalls Künstler, entworfen. Vor allem die Lichtgebung, in Schottland so wichtig für die Qualität der Innenräume, entspricht den Intentionen des Architekten."

Pamela Robertson ist die langjährige Kuratorin der Mackintosh-Studien der Universität. Auf drei Ebenen sind die wichtigsten Räume wieder hergestellt: Dining-Room, Schlafzimmer und vor allem:

"Wir sind jetzt im Wohnstudio im Obergeschoss. Es bildet einen starken Kontrast zu dem dunkleren Esszimmer und dem Flur unten. Das durch die hohen Südfenster einströmende Licht füllt den L-förmigen Raum mit Helligkeit. Ein Kind hat einmal gesagt, es fühlt sich an, als würde man in eine Wolke spazieren."

Der Raum mit den von Mackintosh gestalteten weißen Möbeln, dem weißen Kamin und den zarten Gipsfriesgemälden seiner Frau lassen den Besucher für einen Moment eintauchen in die Eleganz des Glasgow Style-Home von Charles Rennie und Margaret Mackintosh, in eine andere, längst vergangene Epoche der Kunst.

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