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StartseiteKultur heuteDer Revolutionär des Witzes21.12.2018

Zum Tod des Satirikers F.W. BernsteinDer Revolutionär des Witzes

Ein genialer Zeichner und Dichter, dabei hochgradig bescheiden: Der Künstler, der eigentlich Fritz Weigle hieß, gehörte zu den brillantesten Satirikern Deutschlands und den Mitbegründern der Neuen Frankfurter Schule. Am Donnerstag ist er nach langer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben.

Von Steffen Brück

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Fritz Weigle, genannt F.W. Bernstein vor einer großen Stellwand mit Karikaturen. (imago)
Fritz Weigle, genannt F.W. Bernstein ist im Alter von 80 Jahren gestorben. (imago)
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Wo er ging, saß oder stand, hat er gezeichnet. Die Skizzenbücher von F.W. Bernstein müssen Regalkilometer füllen. Und wenn er mal nicht gezeichnet hat, hat er gedichtet.

"Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche."

Der zum Sprichwort mutierte Zweizeiler von den Elchen ist berühmt, nicht aber sein Autor.

"Ich bin insgeheim stolz darauf, dass dieser Spruch Volksgut geworden ist. Ich könnte jetzt immer die Hand heben und sagen: 'Das ist aber von mir, das ist aber von mir!' Das wäre albern. Es kann eigentlich nichts Schöneres geben für einen Dichter, als das Sprachvermögen, das Sprachgut bereichert zu haben. Mit dem Nachteil dabei, dass keine Tantiemen fließen."

Fast schon kriminell bescheiden

F.W. Bernstein war ein schon fast kriminell bescheidener Mann. Er hat immer lieber andere gerühmt, als an seinem eigenen Ruhm oder Nachruhm zu arbeiten. Dementsprechend bescheiden fällt auch seine Bilanz aus:

"Hab keine Romane geschrieben, keine einzige Sinfonie. Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben, wie meine Tanz-Theorie. Nobelpreis? Nix draus geworden. Kein Kriegsheld. Konzernherr. Null Orden. Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige, Macht, Schönheit, Genie - Fehlanzeige. Nur dies kleine Gedicht. Reicht das nicht?"

Doch, natürlich reicht das. Viele der Gedichte Bernsteins, und seien sie auch noch so kurz, hätten eigentlich einen Nobelpreis oder zumindest den Büchner-Preis verdient. Aber dafür waren sie eben zu komisch. Sowohl als Zeichner wie auch als Dichter sprühte Bernstein nur so vor Einfällen, vor Verspieltheit, vor Freude am Nonsens. Und seine Reimkunst schrammte schon hart ans Geniale:

"Der Untergang des Abendlandes? Grad war es noch da. Und dann verschwand es."

Auf Sperrholzplatten im Krieg das Zeichnen gelernt

Geboren wurde F.W. Bernstein 1938 als Fritz Weigle in Göppingen. Die Freude am Zeichnen zeigte sich schon sehr früh:

"Es war noch in der Kriegszeit, also vor '45. Es gab den Verdunklungszwang. Und wir hatten, da der Vater in einer Holzfabrik arbeitete, nicht diese Rollos, sondern richtige Sperrholzplatten. Die passten so genau innen vor die Fenster, wurden da abends rangeklemmt. Und der Vater nahm mich auf den Arm und jeder von uns hatte einen Zimmermannsbleistift und wir zeichneten die großen Platten voll. Und da freut's mich heute noch, wenn ich daran denke oder meine mich zu erinnern, dass das nicht die schlechteste Zeichenstunde war."

Als  Schüler begann Weigle seine Lehrer zu karikieren. Aus dieser Zeit stammt auch sein Künstlername Bernstein, den er sich aus einer Affinität zum Jiddischen zulegte. Während des Studiums an der Stuttgarter Kunstakademie lernte er Robert Gernhardt kennen, wie er eine herausragende künstlerische Doppelbegabung. Die beiden wurden Freunde und ließen sich vom Satiremagazin "Pardon" nach Frankfurt locken. Dort taten sie sich mit dem Zeichner F.K. Waechter als Trio zusammen und revolutionierten gemeinsam das, was es bisher an Witzseiten in deutschen Zeitschriften gegeben hatte - mit Helligkeit und Schnelligkeit, mit Geist und Witz und Geistesblitz. Während die meisten Mitglieder dieser sogenannten "Neuen Frankfurter Schule" als freie Künstler arbeiteten, wurde Bernstein Lehrer:

"Ich traute mir nicht zu, wie es gerne die Weggefährten Gernhardt und Waechter machten, in die freie Wildbahn zu gehen. Also insofern bin ich eigentlich in allem, was ich mache, immer noch ein Amateur, ein Nebenberufszeichner und Gedichtemacher."

Gedichte für die Ewigkeit

Da ist sie wieder, diese maßlose Bescheidenheit. Gottseidank haben wenigstens andere seine Fähigkeiten erkannt. So wurde Bernstein auch zum ersten und einzigen Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule der Künste. Der Titel "Professor" stand ihm auch gut: Groß gewachsen, weiße Haare, weißer Schnurrbart - sah aus wie ein Herr, der Herr Bernstein, sprach leise, umso überraschender sein Witz und seine liebenswürdigen Frechheiten. Fürs Alter hatte sich F.W. Bernstein vorgenommen, "den unwürdigen Greis" zu geben. Das ist ihm nicht gelungen. Dafür aber haufenweise Gedichte für die Ewigkeit:

"Zwanzig Stückchen Käsebrot, einunddreißig Veilchen, biet ich Dir, Gevatter Tod, verschon mich noch ein Weilchen."

Leider glaubte der Tod, humorlos wie immer, auch bei F.W. Bernstein das letzte Wort haben zu müssen.

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