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StartseiteKultur heute"In Debatten die richtigen Stichworte gegeben"03.01.2015

Zum Tod des Soziologen Ulrich Beck "In Debatten die richtigen Stichworte gegeben"

Der Soziologe Ulrich Beck ist am 1. Januar gestorben. Der Soziologe Armin Nassehi würdigte im DLF eine von Becks Kernthesen im Buch "Risikogesellschaft" von 1986: Heute müsse jeder Mensch wesentlich mehr Entscheidungen treffen - und dadurch sei das Leben riskanter geworden. Beck habe damit kurz nach Tschernobyl den Nerv der Zeit getroffen.

Armin Nassehi im Gespräch mit Beatrix Novy

Der Soziologe Ulrich Beck auf einer Veranstaltung im Juni 2013. (imago/Metodi Popow)
Der Soziologe Ulrich Beck (imago/Metodi Popow)
Weiterführende Information

Soziologe - Ulrich Beck ist tot
(Deutschlandfunk, Aktuell, 03.01.2015)

Aus den Feuilletons - "Der Kudamm steht unter Raketenbeschuss?"
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 10.08.2014)

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"Es hätte einer deutlicheren Sprache bedurft"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 22.02.2013)

"Für uns ist Europa Realität"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 04.05.2012)

O-Ton Ulrich Beck: "Der Versuch war, die Soziologie selbst an der Spitze ihrer Reflexion nicht im Elfenbeinturm enden zu lassen, sondern die Risikogesellschaft stellt auch ein Experiment einer Soziologie dar, die den Spagat zwischen der akademischen Debatte und der öffentlichen Debatte versucht."

Beatrix Novy: Der Soziologe Ulrich Beck: Er gab seinen Zeitgenossen Begriffe und Erklärungen, die von vielen als Schlüssel zum Begreifen der Gegenwart aufgenommen wurden. Ulrich Beck ist, wie erst heute bekannt wurde, am Neujahrstag im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir würdigen ihn gleich hier an erster Stelle in dieser Sendung.

Nun hören wir noch einmal Ulrich Beck:

O-Ton Ulrich Beck: "Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, war sozusagen eine der Überraschungen, die ich erlebte, dass diese Gefahren, die gerade durch den Fortschritt der Modernisierung erzeugt werden, dass diese Gefahren sich vollständig unseren Sinnen entziehen, dass wir sozusagen blind sind. Wir können sie nicht riechen, wir können sie nicht schmecken, wir können sie nicht hören."

Novy: Ulrich Beck, der am 1. Januar plötzlich gestorben ist, der wie kein anderer weit über Wissenschaftskreise hinaus bekannt war, bekannt geworden zu einem ganz bedeutsamen Zeitpunkt der bundesrepublikanischen Geschichte, nämlich 1986, das Jahr von Tschernobyl und von Becks Buch "Risikogesellschaft. Auf dem Weg zu einer anderen Moderne", das ist der vollständige Titel. Mit Armin Nassehi, seit Jahren wie Ulrich Beck Soziologe an der Universität München, habe ich vor der Sendung darüber gesprochen, wen dieses Land mit Ulrich Beck verloren hat und wie es zu dem ersten großen Erfolg von Buch und Begriff Risikogesellschaft kam. Lag es damals wirklich auch an Tschernobyl?

Armin Nassehi: Ja es lag natürlich nicht nur an Tschernobyl. Das war eine Koinzidenz natürlich von Ereignissen. Als das Buch erschien, ist Tschernobyl gerade passiert. Es lag sicher auch daran, dass Ulrich Beck eigentlich immer den Nerv der Zeit getroffen hat, der in Debatten tatsächlich die wichtigen Stichworte gegeben hat. Dieses Buch "Risikogesellschaft" beschäftigt sich ja keineswegs nur mit diesen ökologischen Fragen. Darin wird über einen Wandel von Familie gesprochen, über Individualisierungstendenzen, darüber, wie sich unser Leben eigentlich stark verändert. Sie haben gerade gesagt, es geht um die zweite Moderne, also eine Moderne, die sich neu erfindet. Das sind die Themen von Ulrich Beck immer gewesen, da hat er immer den Nerv der Zeit eigentlich getroffen.

Novy: Und es war eben nicht nur der Begriff Risikogesellschaft, mit denen Beck seinen Zeitgenossen so ein Licht aufsteckte mit solchen prägnanten Formulierungen. Es war eben auch die erste und die zweite Moderne beziehungsweise die reflexive Modernisierung. Vielleicht sagen Sie dazu auch noch ein paar Worte.

Nassehi: Ja. Das Aha-Erlebnis bei vielen Leserinnen und Lesern besteht ja tatsächlich darin, dass unter diesem Begriff Risikogesellschaft keineswegs nur die großen ökologischen Risiken zu verstehen sind, sondern eigentlich die Risiken, die wir in unserem persönlichen täglichen Leben auch erleben, und unter reflexiver Modernisierung hat Ulrich Beck verstanden, dass die Erfolge der Moderne, die wir ja alle sehr gerne in Anspruch nehmen, gleichzeitig neue Probleme, neue Herausforderungen schaffen, und die bestehen darin, dass wir zum Beispiel viel mehr Entscheidungen treffen müssen, als wir das früher getan haben, dass jedes individuelle Leben dadurch riskanter wird. Das sind alles Themen, die man tatsächlich sehr leicht in persönliche Erfahrung übersetzen kann. Sehr leicht heißt nicht, dass die Thesen leicht sind, sondern das scheint tatsächlich etwas zu sein, was auch außerhalb der Akademia tatsächlich verstehbar war.

Novy: Die reflexive Modernisierung, also die Moderne, die sich selbst permanent infrage stellt beziehungsweise die Folgen ihrer Handlungsweise in den Blick nimmt, ist das eigentlich ein Begriff, der nur westliche oder westlich geprägte Gesellschaften betreffen kann?

Nassehi: Eine der Hauptthesen von Ulrich Beck besteht ja darin, dass die Modernisierung der Gesellschaft in unterschiedlichen Teilen der Welt ja sowohl strukturähnlich als auch sehr unterschiedlich passiert. Eine seiner Thesen ist, dass eigentlich alle Gesellschaften auf der Erde mit ähnlichen Herausforderungen zu tun haben, aber das natürlich in ganz unterschiedlichen kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen Situationen tun und es so eben unterschiedliche Pfade der Moderne gibt. Insofern ist vielleicht sein zweitwichtigstes Buch, "Die Weltrisikogesellschaft", letztlich die Übertragung dieses Risikogedankens auf eine Weltgesellschaft, die nicht Weltgesellschaft ist, weil wir überall gleiche Verhältnisse haben, sondern weil sich die Weltgesellschaft aus den unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich darstellt.

Novy: Darauf würde ich gleich noch mal gerne kommen, vorher aber doch noch mal einen Punkt der zweiten Moderne ansprechen, nämlich die Individualisierung, also das nun auch schon länger bekannte Zerfallen, aber jetzt endgültige Zerfallen von Zugehörigkeiten der alten Art, von Familie über Klasse bis zur Nation. Das war ja auch sein Thema. Und er hat sich ja dann auch mit solchen Themen wie der Veränderung der Liebe, die Liebe selbst, so ein Grundgefühl, befasst, was ihm natürlich auch viel Popularität eingebracht hat.

Nassehi: Ja. Auch gerade dieses Thema der Liebe, das ist etwas, was wir ja alle aus unseren konkreten Lebensformen auch kennen. Ulrich Beck ist es damit eigentlich gelungen zu zeigen, dass man all diese sehr persönlichen Dinge gar nicht verstehen kann, wenn man sie nicht in den Kontext einer Gesellschaft stellt. Vielleicht ist das auch das Besondere, was die Soziologie ausmacht, die kleinsten, die privatesten Dinge als Dinge darzustellen, die die Gesellschaft ausmachen. Ulrich Beck gehört noch einer Generation an, die einmal gesagt hat, das Private sei politisch. Eine seiner Thesen ist tatsächlich, dass selbst in den ganz alltäglichen Dingen gesellschaftliche Strukturen und vor allem gesellschaftliche Strukturveränderungen sich zeigen. Das kann man in Familien, in Liebesbeziehungen und in individuellen Lebensformen rekonstruieren.

Novy: Er wollte nun mal nicht im Elfenbeinturm sitzen, er wollte ja mitmischen, und weil sein Thema auch die Globalisierung war, prägte das sein praktisches Engagement auch in der europäischen Krise der letzten Jahre. Da hat er sich ja viel geäußert.

Nassehi: Ja, da hat er sich in der Tat viel geäußert, und er hatte eigentlich zwei große Themen. Das eine war, was Europa angeht, die Frage, wie eigentlich Nationalstaaten innerhalb Europas aufgehoben werden im Hegelschen Sinne, also ob sie verschwinden, oder ob sie dort eine neue Struktur bekommen. Das war theoretisch sein großes Thema. Und politisch war das große Thema, wie eigentlich die unterschiedlichen Stärken von Volkswirtschaften innerhalb von Europa so organisiert werden können, dass es so etwas wie eine gesamteuropäische Solidarität geben kann. Die Idee, dass in Nationalstaaten eine Solidarität über Schichten hinaus entsteht, wollte Ulrich Beck gerne auch auf Europa übertragen, ohne so naiv zu sein zu glauben, dass Europa ein Nationalstaat werden kann. Da war er tatsächlich mitten drin in der Diskussion, die wir in Europa nach wie vor führen und für die es noch keine eindeutigen Lösungen gibt.

Novy: Herr Nassehi, Sie waren Ulrich Becks Kollege, Sie haben eng mit ihm zusammengearbeitet, die Zeitschrift "Soziale Welt" mit ihm zusammen herausgegeben. Welches Bild von Ulrich Beck bleibt Ihnen persönlich?

Nassehi: Ja. Ulrich Beck war für uns im Institut auch eine Integrationsfigur. Ich habe eigentlich immer im Blick diese halb ironische, halb wirklich ja den Menschen zugewandte Form, auch Konflikte letztlich über ein menschliches Wort eigentlich ad acta zu legen. Ulrich Beck war schon ein großer Menschenfreund. Der war jemand, mit dem man sehr gut zusammenarbeiten konnte. Ich persönlich verdanke ihm in der Tat auch sehr viel, fast ein Role Model zu sein im Hinblick darauf, wie man innerhalb der Wissenschaft einerseits engagiert sein kann, andererseits aber auch sehr engagiert unterschiedliche Perspektiven gemeinsam diskutieren kann. Ich habe immer sehr viel gewonnen aus den Gesprächen mit Ulrich Beck und ich muss sagen, er fehlt uns im Institut bereits seit fünf Jahren, seit er emeritiert ist, und jetzt natürlich erst recht, da er gestorben ist.

Novy: Dank an Armin Nassehi für diese Würdigung von Ulrich Beck, der im Alter von nur 70 Jahren plötzlich verstorben ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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