Sonntag, 26. Juni 2022

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Zum Tod von Claudio Abbado
"Er war nie ein Imperator"

Kollegial und freundschaftlich habe Claudio Abbado das Musizieren aufgefasst, sagt der Musikjournalist Harald Eggebrecht. Der jetzt verstorbene Stardirigent habe aus diesem Geist heraus die Berliner Philharmoniker zu einem "kammermusikalischen Riesenensemble" geformt.

Harald Eggebrecht im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske | 20.01.2014

Doris Schäfer-Noske: "Es ist wie ein Gespräch, bei dem man nicht nur aufmerksam lauscht, sondern auf den anderen eingeht und versucht, auch das Unausgesprochene, Gefühle und Gedanken zu erfassen." Das hat der Dirigent Claudio Abbado über das Musizieren gesagt. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie war Abbados Entscheidung für die Musik schon früh gefallen. Er lernte Klavier, Cello und Orgel und begann schon mit 16 Jahren Klavier und Komposition zu studieren, später dann Orchesterleitung. Im Laufe seiner Karriere hat er viele Orchester dirigiert und beeinflusst - ob in seiner Geburtsstadt Mailand an der Scala, in London oder in Wien. Auch die Berliner Philharmoniker trauern um Claudio Abbado, den sie 1989 zum künstlerischen Leiter wählten. Zu seinem Tod sagte der Solo-Cellist Olaf Manninger:
O-Ton Olaf Manninger: ”Jeder, der ihn dirigieren gesehen hat und der die Freude hatte, mit ihm musizieren zu dürfen, wird sich natürlich an seine Hände und den Ausdruck, den er es geschafft hat, mit seinen Händen darzustellen und zu kommunizieren, sowohl mit dem Publikum als auch mit seinen Musikern, daran wird man sich immer erinnern. Er hatte unglaublich schöne Hände und unglaublich ästhetische Bewegungen und scheinbar eine ganz, ganz direkte Linie von dem Herzen bis in jede Fingerspitze, und das ist ganz einzigartig gewesen."
Schäfer-Noske: In Berlin war Claudio Abbado Nachfolger von Herbert von Karajan. Frage an meinen Kollegen Harald Eggebrecht: Herr Eggebrecht, was für ein Dirigententyp war denn Claudio Abbado, zum Beispiel im Gegensatz zu Herbert von Karajan?
Harald Eggebrecht: Er war nie ein Imperator. Er war nie ein Direktor in diesem schlichten Sinne, nämlich alle sind mir untergeben und ich bin der König, der Triumphator, der Tyrann sogar. Das war natürlich bei Karajan gegeben, das war bei dieser ganzen Generation viel eher gegeben, eine doch imperiale Auftrittsweise. Das hatte Abbado nicht. Er war von Anfang an darauf aus, kollegial, aus dem kammermusikalischen Geist heraus, mit dem er auch angefangen hat, sich mit Musik zu beschäftigen, Musik zu machen. Das hat die Berliner, die natürlich über fast drei Jahrzehnte auf diese imperatorische Weise geleitet wurden, von Karajan und davor auch schon von Furtwängler und auch von Celibidache, dem Zwischendirigenten zwischen Furtwängler und Karajan. Nach dieser langen, langen Phase war so ein Umgang für die Berliner Philharmoniker nicht gewohnt, und sie haben sich erst allmählich daran gewöhnt, wie kollegial, wie letztlich freundschaftlich Abbado das Musizieren auffasste.
Schäfer-Noske: Welche Komponisten lagen denn Abbado besonders am Herzen?
Eggebrecht: Es gibt so ein paar Schwerpunkt-Komponisten, die er immer besonders geliebt hat, darunter Gustav Mahler, natürlich Mozart – welcher Dirigent und welcher Musiker würde sich nicht für Mozart entscheiden. Auch Schubert war ihm eine sehr wichtige Person und die Moderne, tatsächlich die Moderne bis in die modernste Moderne des Aktuellen. Das hat ihn immer ungeheuer interessiert, weil er ein Mann war, der immer auch in der Gegenwart und aus dieser Gegenwart heraus musizierte und sein ganzes Musikverständnis davon herleitete. Deswegen auch seine ungeheuere Intensität in der Nachwuchsarbeit mit jungen Musikern. Deswegen gründete er ganz viele Orchester. Insgesamt sind es sechs sogar, die er gegründet hat, mit jungen Leuten, die aber zugleich immer mit den alten, mit den renommierten, den bedeutenden Solisten zusammenarbeiten sollten, um so einen Flow, eine Tradition zu bilden von Alt zu Jung und nicht es zerbrechen zu lassen, sondern diese Erfahrungen mit einzubringen in ein junges neues Ensemble.
Schäfer-Noske: Sie haben moderne Musik angesprochen. Er war ja auch mit Luigi Nono befreundet?
Eggebrecht: Eng befreundet. Man kann sagen, es gibt eine Trias: Nono, der Pianist Maurizio Pollini und Abbado waren zusammen. Man kann sagen: Das Triumvirat, das nicht nur Italien, sondern das die Musikwelt in vieler Hinsicht geprägt hat und ausprägte, auch in den Richtungen, in denen sie Musik machen wollten. Alle drei waren immer Figuren, die sie auf das Neue aus waren, die auf das Unterwegs aus waren, und nicht auf jene Situation, dass man sagt, wir wollen nur eine Tradition verwalten, eine große. Das war bei Abbado ganz fern. Und was ihn am meisten beseelte, war diese kammermusikalische Intimität, das sich unterhalten in musikalischer Weise, in dem die Musik das feinste, das intimste Gespräch darstellt, was man sich vorstellen kann.
Schäfer-Noske: Wie hat Claudio Abbado denn die Berliner Philharmoniker geprägt?
Eggebrecht: Er musste sie wegbringen von einem, ich würde mal sagen, opulenten, etwas bräsigen Selbstbewusstsein, in dem sie doch befangen waren aus der Karajan-Zeit. Man hatte so ungeheuerliche Erfolge errungen, man hatte sich so lawinenartig in Wohltönen ergossen über die Publika dieser Welt. Dass plötzlich jemand nun kam und mit relativ wenig Anweisungen, sondern mit einer gewissen Geduld und Zuneigung versuchte, den Klang des Orchesters aufzuhellen, durchsichtiger, flexibler, leichter zu machen, das missfiel manchen. Da hieß es dann, der deutsche Klang ginge verloren, eine, wie soll ich sagen, dieser hysterischen Redefiguren, die immer wieder vorkommt, wenn ein neuer Dirigent die Berliner Philharmoniker übernimmt: wo ist der deutsche Klang. Nein, das hat Abbado nicht interessiert, sondern er wollte die Philharmoniker zu einem kammermusikalischen Riesenensemble machen, und das ist ihm im Laufe der 12 Jahre oder 13 Jahre, die er dort gewesen ist, dann auch wirklich gelungen. Anfangs, wie gesagt, mit gewissen Schwierigkeiten, es gab Spannungen, aber dann hat sich doch der jüngere Teil des Orchesters vor allen Dingen sehr mit Abbados Musizieren vereinbart und sehr davon beeinflusst gezeigt und es auch dann für fortsetzungswürdig gehalten.
Schäfer-Noske: Sie haben schon angesprochen: Er hat mehrere Jugendorchester gegründet. Was ist denn sonst das Vermächtnis von Claudio Abbado?
Eggebrecht: Ja das war natürlich dieses Lucerne Festival Orchester, das entstanden ist aus zwei seiner Jungmannschaften: einmal dem Mozart-Orchester aus Bologna und dem Mahler Chamber Orchestra. Das waren die beiden Formationen aus jungen Musikern, die er zum Kern dieses Lucerne Festival Orchestra gemacht hat, und um die herum sich dann Freunde und auch berühmte Solisten gruppierten, um dann mit Abbado in ein paar Wochen jeweils im Jahr ein Programm einzustudieren auf eine Weise, die fern jeder Routine, fern jeder normalen Orchester-Einstudierung lagen, und dadurch entstanden dort einzigartige Momente, die natürlich bleiben. Aber ein Vermächtnis, mit seinem Tod – das ist nun mal so in der Musik – ist das zu Ende. Wir haben jetzt noch Aufzeichnungen, Dokumente, alles mögliche, aber das ist natürlich alles Vergangenheit. Das ist das Bittere. Wenn ein großer Musiker stirbt, dann ist die Gegenwart dahin.
Schäfer-Noske: Welches Werk verbinden Sie denn mit Claudio Abbado besonders?
Eggebrecht: Besonders eindrucksvoll Mahler 9., Bruckner 9. Das sind beides Werke, bei denen man das Gefühl hat, dass er an die Letzten Dinge rührt. Jemand, der 14 Jahre lang fast gegen den Krebs gekämpft hat, ihn ganz gut im Griff hatte, der wusste wirklich, wenn es aufs Ende zugeht und was das heißt, Ende. Das hat er wunderbar in der 9. Mahler zum Klang gebracht.
O-Ton 9. Sinfonie Gustav Mahler:
Schäfer-Noske: Zum Tod des Dirigenten Claudio Abbado hörten Sie ein Stück aus der 9. Sinfonie von Gustav Mahler. Unter der Leitung von Claudio Abbado spielten die Berliner Philharmoniker.
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