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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Der letzte Automanager, der auch Autos bauen konnte"27.08.2019

Zum Tod von Ferdinand Piëch"Der letzte Automanager, der auch Autos bauen konnte"

Es sei kein Zufall, dass der verstorbene Ferdinand Piëch einmal von einer internationalen Fachjury zum Automanager des 20. Jahrhunderts gewählt wurde, sagte Biograf Wolfgang Fürweger im Dlf. Piëch habe noch Visionen gehabt. Ein Manager mit seiner visionären Gestaltungskraft hätte heute viel zu tun.

Wolfgang Fürweger im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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Das Aufsichtsratsmitglied der Porsche SE, Ferdinand Piëch, sitzt am 30.05.2017 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei der Hauptversammlung der Porsche SE auf seinem Platz (picture alliance / Marijan Murat/dpa)
"Ferdinand Piëch hinterlässt als größte Leistung Volkswagen", sagte Biograf Wolfgang Fürweger im Dlf. "Als er den Konzern 1993 übernommen hat, war Volkswagen ein absoluter Sanierungsfall" (picture alliance / Marijan Murat/dpa)
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Jessica Sturmberg: Es ist heute schon viel gesagt worden über Ferdinand Piëch, den verstorbenen früheren Vorstandsvorsitzenden und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden von Volkswagen. Eine bedeutende Unternehmerpersönlichkeit, geboren in Wien, Enkel von Ferdinand Porsche, dem Gründer des gleichnamigen Unternehmens, das seit 2005 zum VW-Konzern gehört.

Wir wollen an dieser Stelle mit Wolfgang Fürweger sprechen, ein Kollege aus Österreich von der "Kronenzeitung", der eine Biografie über Piëch geschrieben hat.

Kaltherzig, hart, hierarchiv, autoritär auf der einen Seite, zugleich aber die Leidenschaft für das Automobil - das ist das, wie Piëch charakterisiert wird. Herr Fürweger, welches unternehmerische Erbe oder anders gesagt welche über seinen Tod hinaus wirkende Leistung hinterlässt Piëch Ihrer Einschätzung nach in der Wirtschaft?

Wolfgang Fürweger: Ferdinand Piëch hinterlässt als größte Leistung Volkswagen. Wir dürfen nicht vergessen: Als er den Konzern 1993 übernommen hat, da war Volkswagen ein absoluter Sanierungsfall. Man hat Milliarden Verluste geschrieben, die Zahlen haben nach unten gezeigt, man hat zu viele Autos produziert, die man nicht hat verkaufen können. Ferdinand Piëch hat es damals mit Peter Hartz geschafft, den Volkswagen-Konzern zu sanieren, tausende Jobs zu retten dank der Vier-Tage-Woche und dennoch den sozialen Frieden im Land zu erhalten, und damit versteht man auch, warum der VW-Betriebsrat und warum auch Gerhard Schröder den Milliardär aus Wien immer geschätzt haben, obwohl er eigentlich ideologisch gar nicht zu ihnen passen sollte.

"1999 zum Automanager des 20. Jahrhunderts gewählt"

Sturmberg: Dieser autoritäre Führungsstil, den Piëch im VW-Konzern geprägt hat, die Unternehmenskultur, die galt ja als mitverantwortlich für die Dieselkrise; aber dann auch diese Ingenieursleidenschaft. Was überwiegt für Sie jetzt in der Beurteilung?

Fürweger: Ferdinand Piëch ist ja 1999 von einer internationalen Fachjury zum Automanager des 20. Jahrhunderts gewählt worden – das nicht zufällig. Eine ganze Reihe von Innovationen gehen auf sein Konto. Legendär ist der Audi Quatro, der Quatro-Antrieb, der Vierrad-Antrieb, den er eingeführt hat, sogar hinter dem Rücken von Volkswagen. Die Plattform-Technologie, gleiche Bauteile für verschiedene Automarken gehen auch auf sein Konto. Die Turbodiesel-Technik genauso wie der Fetisch für das Spaltmaß. Er galt ja in Deutschland als Spaltmaß-Fetischist. In Österreich hat man ihn den "Fugen Ferdl" genannt. Das Spaltmaß war ein Signal dafür, dass das Auto sich insgesamt verbessert hat. Eine Karosserie brauchte früher ein großes Spaltmaß, das in sich verwunden hat, dadurch gab es Risse und die Autos waren alle nach spätestens fünf bis sieben Jahren rostanfällig. Ferdinand Piëch hat es geschafft, mit seinem technischen Verständnis, aber auch, indem er diese Technik vorangetrieben hat, dieses Spaltmaß soweit zu reduzieren und die Karosserien zu stabilisieren, dass eigentlich Rost heute beim Auto kein Problem mehr ist, und damit ist das Auto eigentlich vom Wegwerfprodukt zu einem viel haltbareren Produkt geworden. Das alles ist das technische Erbe, das Ferdinand Piëch uns hinterlässt.

"Der letzte Automanager, der auch Autos bauen konnte"

Sturmberg: Dieses technische Verständnis, von dem sie jetzt sprechen, wie viel Einfluss hat er denn als Ingenieur – er ist ja gelernter Ingenieur – auf Produktionsprozesse genommen? Ist er auch schon mal im Werk gewesen und hat auch genau kontrolliert, was da passiert und wie das alles umgesetzt wird?

Fürweger: Ferdinand Piëch war der letzte Autobauer oder Automanager, der auch Autos bauen konnte. Er hat den Porsche 917 konstruiert, einen Rennwagen. Er hat einen Motor konstruiert übrigens auch für Mercedes in einer kurzen Zeit vor der Selbstständigkeit. Er war ständig selbst in den Werkshallen. Er war ja zunächst Abteilungsleiter und dann Technikleiter bei Audi und man hat ihm nachgesagt, dass er tagelang zusieht und dann seine Anmerkungen gibt und Verbesserungsvorschläge. Er hat bei einem Mittagessen auf einer Serviette den W12-Motor skizziert, der später dann in den Audi A8 und in den VW-Phaeton eingebaut wurde. Der Mann hatte durchaus ein technisches Verständnis. Das hat er von seinem Großvater geerbt, kann man wohl sagen, dem legendären Ferdinand Porsche, und seiner Mutter, der Luise Piëch, die in Österreich das Porsche-Autohandelshaus aufgebaut hat, der größte Autohändler Europas. Von der hat er das kaufmännische Talent und das unternehmerische Talent mitbekommen.

"Ein Manager von einer Gestaltungskraft eines Ferdinand Piëchs hätte viel zu tun"

Sturmberg: Was dieses technische Know-how betrifft, gerade in der Zeit jetzt dieses Wandels im Verkehrssektor und im Besonderen in der Automobilindustrie, bräuchte es so etwas jetzt an der Spitze der Automobilindustrie-Unternehmen?

Fürweger: Ich glaube, mit Ferdinand Piëch ist ein Manager von uns gegangen, der Visionen hatte. Eine seiner größten Visionen war zum Beispiel das Ein-Liter-Auto, mit dem er seine letzte Fahrt als VW-Vorstandsvorsitzender absolviert hat. Und er hat immer ganz klar vorgegeben, in welche Richtung die Mobilität gehen soll, nämlich weniger Verbrauch, leichtere Fahrzeuge. Das gilt heute schon durchaus als "State oft the Art" oder es ist nicht mehr sehr spannend, aber damals war das eine durchaus Innovation, die nicht alle immer geteilt haben, und deswegen hat auch Ferdinand Piëch sich gnadenlos von zahlreichen Managern getrennt. Und ich denke, dass heute in den Chefetagen der Autokonzerne bisweilen die Visionen fehlen. Wenn man schaut, wie zögerlich beispielsweise Volkswagen mit der Erdgastechnik umgeht, oder auch wie zögerlich die Konzerne umgehen mit dem Elektrofahrzeug, da hätte wohl ein Manager von einer Gestaltungskraft, von einer visionären Kraft eines Ferdinand Piëchs durchaus viel zu tun.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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