Mittwoch, 18. Mai 2022

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Zum Tod von Hans-Ulrich Wehler
"Mensch von ungeheurer Liberalität und Großzügigkeit"

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Sein ehemaliger Assistent Paul Nolte beschreibt ihn bei seiner ersten Begegnung als sehr charismatisch. Wehler sei jedoch auch vorsichtig, leise und zurückhaltend gewesen, ein Eindruck, der seinem öffentlichen Bild nicht entsprach, sagte Nolte im DLF.

Paul Nolte im Gespräch mit Antje Allroggen | 07.07.2014

Antje Allroggen: Hans-Ulrich Wehler, 1931 in Freudenberg bei Siegen geboren, studierte Geschichte, Soziologie und Ökonomie an den Universitäten Köln und Bonn. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld und gehörte zu den Begründern der sogenannten Bielefelder Schule, die die Fachdisziplin einer historischen Sozialwissenschaft in entscheidendem Maße prägte. Ein streitlustiger Verfechter einer Geschichtswissenschaft, die mehr umfassen sollte als nur die Chroniken einzelner großer Männer inmitten von Kriegen. In der Nacht zum Sonntag ist Hans-Ulrich Wehler im Alter von 82 Jahren überraschend gestorben.
Paul Nolte, Jahrgang 1963, lehrt seit 2005 Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte an der FU Berlin. Er studierte Geschichtswissenschaft und Soziologie in Düsseldorf, Bielefeld und den USA und war Assistent von Hans-Ulrich Wehler. Er ist geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft", die 1975 von Hans-Ulrich Wehler mit gegründet worden war. Ich habe Paul Nolte gefragt, wie sich das kollegiale Miteinander mit seinem Doktorvater gestaltet hat, der Zeit seines Lebens für seine leidenschaftliche Streitlust bekannt war.
Paul Nolte: Zunächst mal war das ja kein kollegiales Miteinander, sondern ein sehr hierarchisches, zunächst einmal formal jedenfalls gesehen, Über- und Untereinander. Da kam ein 20-jähriger Student nach Bielefeld. Wir hatten im Geschichte-Leistungskurs schon davon gehört, dass es da in Bielefeld eine besondere Zelle gäbe von interessanter Geschichtswissenschaft. Und dann war es erst mal staunenswürdig, diese Person Hans-Ulrich Wehler dann live zu erleben, sehr charismatisch im Hörsaal in der Vorlesung zum Beispiel. Dann war ich später studentische Hilfskraft bei ihm, immer noch ein riesiger Abstand zu dem Gelehrten, aber da lernte ich ihn dann schon kennen als jemand, wie er dem öffentlichen Bild auch gar nicht so sehr entsprach, nämlich als sehr vorsichtig und leise und zurückhaltend und als einen Menschen von ungeheuerer Liberalität und Großzügigkeit, auch ein Bild, das dem öffentlichen Bild des Polarisierers, Zuspitzers Wehler gar nicht so entsprach.
"Geschichtswissenschaft raus aus dem Elfenbeinturm"
Allroggen: Erst in diesem Jahr ist Hans-Ulrich Wehler mit dem Lessing-Preis für Kritik ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede hatte er die dramatische Zuspitzung der sozialen Ungleichheit in Deutschland kritisiert. In einem Werk, im vergangenen Jahr erschienen, hat er sich mit ihr auch intensiv auseinandergesetzt, und auch Sie haben sich ja an der Debatte zur sozialen Spaltung beteiligt. Rührt diese, ja schon in die Jahre gekommene Methode, die deutsche Geschichtswissenschaft an der Sozialgeschichte auszurichten, immer noch in Deutschland an Tabus? Es gibt ja immer wieder leidenschaftliche Kritiker dieser Methode.
Nolte: Zunächst einmal gibt es ja auch Kritiker überhaupt der Vorstellung, dass Geschichtswissenschaft aus dem Elfenbeinturm herauskommen soll und jenseits der gelehrten Forschungsergebnisse auch an eine breitere Öffentlichkeit tritt, sich einmischt in laufende politische, gesellschaftliche, kulturelle Debatten, und dafür hat Hans-Ulrich Wehler immer gestanden. Und unabhängig davon, mit welchem geschichtswissenschaftlichen Thema man das jetzt verfolgt, finde ich das auch einen Ansatz, der weiterhin sehr wichtig bleibt. Das ist die Geschichtswissenschaft, finde ich, auch im Sinne von Hans-Ulrich Wehler einer Öffentlichkeit schuldig, die ja noch stärker geschichtsinteressiert im Grunde gewesen ist, als das in den 70er- oder 80er-Jahren, als er seine wissenschaftliche und auch öffentliche Karriere als Intellektueller in der Bundesrepublik begonnen hat, geworden ist. Wir gieren alle nach Geschichte, also sollen die Historiker bitte auch aus ihren Büros mal rauskommen, aus den Hörsälen und etwas dazu sagen. Und gesellschaftliche und gesellschaftskritische Debatten, ja die spielen dann immer noch eine Rolle, und dann merkt man auf einmal, es geht ja auch um die Verteilung von Vermögen und Einkommen, um harte materielle, sozialökonomische Fakten in unserer Gesellschaft.
"Eingetreten für ein spielerisch-kämpferisches Prinzip"
Allroggen: Im Historikerstreit 1986 hatte Wehler sich gegen einen Revisionismus gewandt und schon in den 1970er-Jahren geschichtswissenschaftliche Methoden erarbeitet, die sich an Gesellschaftsstrukturen orientierten. Wäre es allmählich aber nicht einmal Zeit für eine neue Debatte? Will sagen: Wie sieht es um Felder der Geschichtsforschung aus, die bei Wehler als Kind seiner Zeit noch vernachlässigt wurden, wie es im Nachruf ja auch gerade anklang? Nachbesserungen wären vielleicht bei den Debatten um unsere heutige Migrationsgesellschaft vonnöten. Wehlers Haltung auf diesem Feld war da vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß?
Nolte: Ich glaube, seit der Zeit, als er in den 70er-, 80er-Jahren angetreten ist und seine einflussreichen Werke zu erscheinen begonnen haben, hat es ja durchaus ganz fundamentale Veränderungen gegeben. Da kamen dann diejenigen, die sagten, das ist zu viel Sozialgeschichte, oder zu viel Zahlen und Daten, zu anonym und abstrakt, wo sind die Menschen. Diese Debatten hat Hans-Ulrich Wehler ja sehr stark auch mit begleitet, teilweise noch versucht, mit zu prägen auch im Sinne einer Sozialgeschichte, die nicht statisch auf ihrem Programm beharrt. Neue Themen oder neue Ansätze können dem immer zuwachsen. Ich würde sagen, das Entscheidende, was er mit anderen, aber er an erster Stelle geleistet hat für die deutsche Geschichtswissenschaft, ist klar zu machen, dass Geschichte mit allem zu tun haben kann. Dafür benutzte er den Begriff der Gesellschaft; heute würden manche andere dafür lieber Kultur sagen, oder was auch immer. Aber alles ist Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Welche Positionen man dann in einzelnen Debatten bezieht, oder ob Wehler sich belehren lassen würde, was den EU-Beitritt der Türkei, oder die Rolle des Islam in der deutschen Gesellschaft angeht, das weiß ich nicht. Da bin ich gar nicht so sicher. Meinungsunterschiede, das war auch immer sein Credo, die müssen auch bestehen bleiben und hart ausgefochten werden. Das entsprach ja seinem agonalen, also seinem spielerisch-kämpferischen Prinzip, für das er immer eingetreten ist.
Allroggen: Paul Nolte über seinen Doktorvater Hans-Ulrich Wehler.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.