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StartseiteCorsoGenie mit Wiedererkennungswert19.02.2019

Zum Tod von Karl LagerfeldGenie mit Wiedererkennungswert

Karl der Große, Modepapst, Modezar - die Huldigungen für den Designer Karl Lagerfeld waren zahlreich. Der Kreativdirektor von Chanel war omnipräsent und oft mit Sonnenbrille unterwegs. Der private Lagerfeld war kaum bekannt. "Er konnte sehr gut zuhören", sagte Modeexpertin Stephanie Schütte im Dlf.

Stefanie Schütte im Gespräch mit Susanne Luerweg

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Karl Lagerfeld winkend von hinten  (AFP/Patrick KOVARIK)
Der Mode-Schöpfer Karl Lagerfeld ist tot (AFP/Patrick KOVARIK)
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Luerweg: "Kaiser Karl", "Karl der Große" bisweilen sogar "Papst", "Modepapst" - die wertschätzenden Namen für Karl Lagerfeld, die waren zahlreich. Er gilt als einer der stilbildenden Modemacher unserer Zeit. Seit vielen Jahren arbeitete und lebte er in Paris, schien unermüdlich kreativ zu sein, schuf neben seiner Mode auch Bücher, Bilder und Fotos. Seit 1983 war er Kopf und Aushängeschild des französischen Modehauses Chanel.

Über den Tod von Karl Lagerfeld wollen wir nun mit der langjährigen DPA-Modefachfrau Stefanie Schütte sprechen, die ich nun am Telefon begrüße. Schönen guten Tag, Frau Schütte.

Stefanie Schütte: Guten Tag.

Luerweg: Frau Schütte, Sie haben zahlreiche Schauen von Karl Lagerfeld mitverfolgt, Haute Couture und Prêt-à-porter, ihn einige Male zum Interview getroffen. Ist seine Bedeutung für die Modewelt so groß, wie die Beinamen - beispielsweise "Karl der Große" - vermuten lassen?

Gespür für Zeitgeist

Schütte: Ja, das würde ich schon sagen. Also er hatte eine absolute Ausnahmestellung in der Modewelt, er war wirklich einzig. Er war eine Ausnahmebegabung, und er vereinte eben sowohl den Sinn für Kommerzialität mit einer unglaublichen Kreativität, mit einem unfassbar guten Gedächtnis, mit einem großen Gespür für Zeitgeist. Also diese Kombination, würde ich sagen, ist wirklich einmalig. Vielleicht gab es andere noch kreativere Designer wie Yves Saint Laurent, aber einfach diese Kombination aus verschiedensten Talenten, das war schon eine Ausnahmeerscheinung in Modewelt.

Luerweg: Wie hat er das eigentlich gemacht, Chanel so weit nach vorne zu bringen - in den Nachrichten hat man gehört, dass er ein milliardenschweres Unternehmen hinterlässt. Denn ketzerisch könnte man sagen, Chanel sah irgendwie immer aus wie Chanel - auch unter Karl Lagerfeld.

Wiedererkennbares Statussymbol

Schütte: Ja, das war aber tatsächlich auch eines seiner Geheimnisse. Es sah tatsächlich immer aus wie Chanel, also er kannte die sogenannte DNA des Modehauses, also eben die ureigene Handschrift dieses Hauses, die behielt er bei. Das hat er immer geschafft, dass man es wiedererkannte und es dadurch auch als Statussymbol, als wiedererkennbares Statussymbol, taugte. Und gleichzeitig hat er es auf sehr geschickte Weise immer neu und modern erscheinen lassen. Er hatte irgendwie, finde ich, wenig - sagen wir mal - Vorurteile. Er ging sehr unvoreingenommen an die Dinge und konnte sich dann, da was picken, da was picken und da was picken. Es sah immer irgendwie auch ein bisschen edgy aus, es war modern und es hat doch Chanel.

Luerweg: Und es war einfach immer "Karl Lagerfeld", es sah immer aus wie er. Und das ... schon seit Jahren hat er einen gewissen Look gepflegt - diesen gepuderten Zopf, den Stehkragen, Handschuhe,  den Handfächer hat er, glaube ich, irgendwann weggelassen. Er war auch seine eigene Marke, oder?

Schütte: Genau, und die Ringe kommen noch hinzu. In der Tat, er hat das auch sehr früh schon gemacht, als er sich so einen Look verpasst hat, der ja auch ab und zu mal etwas variierte. Sie erinnern sich sicher daran, als er so unglaublich dick geworden war und dann wieder abspeckte, aber trotzdem er war total wiedererkennbar durch genau diese Insignien, die sie eben beschrieben haben - und auch das war ein kleiner Geniestreich. Das hat ja auch Andy Warhol so gemacht, dass man eigentlich schon an den Umrissen den Menschen erkannte, und dadurch war er einmal ein unglaublich bekannter Mensch. Ich glaube fast jeder Mensch auf dieser Welt wird irgendwas schon mal von Karl Lagerfeld gehört haben, und andererseits konnte er sich auch prima dahinter verstecken, hinter diesem Kostüm.

Luerweg: Also das Kostüm als Schutz?

Schütte: Das Kostüm sicherlich auch ein bisschen als Schutz, das hat er auch selber mal so gesagt, dass er sich damit schützt. Er hatte ja dann auch manchmal diese Sonnenbrille auf. Aber das Kostüm natürlich auch als Marketinginstrument, denn er hat ja eben nicht nur - "nur" ist jetzt nicht verniedlichend gemeint - er hat ja nicht nur Chanel und Fendi gemacht, er hat ja auch immer noch x andere Projekte gemacht, für die es sehr wichtig war, dass sie eben als von Karl Lagerfeld kommend erkennbar waren.

Luerweg: Dennoch war ja immer Diener großer Häuser, seine eigene Marke, die "Karl Lagerfeld", das blieb immer so ein bisschen so im Hintergrund - bekannt wurde er als "Designer von".

"Ein sehr höflicher Mensch"

Schütte: Ganz genau, bekannt wurde er tatsächlich eigentlich erst so richtig als Designer von Chanel, er war auch vorher schon bekannt, er machte ja schon vorher Fendi, er hat Chloé sehr weit vorangebracht seinerzeit, aber ich könnte mir vorstellen, dass er spürte, dass genau das sein Talent war - etwas Vorgefundenes eigentlich umzumodellieren, zu erneuern, zu modernisieren. Aber ich glaube, wenn er wie Yves Saint Laurent ganz was Eigenes hätte erfinden müssen, das hätte er vielleicht bei Kleidern gar nicht mal so gut gekonnt, das ist jetzt etwa Spekulationen, aber ich nehme es an. Also ich glaube, dass er ein Mensch war, der genau den Dienstposten sich ausgesucht hat, der für ihn das Beste war, so dass er seine Talente bestmöglich verwirklichen konnte.

Luerweg: Frau Schütte ganz kurz zum Schluss: Sie haben ihn einige Male persönlich zum Interview getroffen - kürzlich auch noch mal bei der Schau in der Elbphilharmonie. Was ist Ihnen im Gedächtnis geblieben- außer Sonnenbrille, Handschuhe, Marke?

Schütte: Also einmal ein sehr höflicher Mensch. Dann ich bin nun selbst Hamburgerin - er kam ja auch in Hamburg -, ein irgendwie sehr hanseatischer Mensch. Er konnte ja auch wahnsinnig bissig sein, das ist ein bisschen wie Helmut Schmidt, aber das passt eben auch zu Hamburg. Dann ein extrem neugieriger Mensch: Also Lagerfeld interessierte sich wirklich für sehr, sehr, sehr viel. Und dann - man mag es kaum glauben, weil man immer denkt, er sei so egozentrisch und eitel - ein Mann, der wirklich zuhören konnte, der genau auf Fragen hörte, der nachfragte, der sich also überhaupt nicht um die eigene Achse drehte, also auch im hohen Alter nicht - und das fand ich schon bemerkenswert.

Luerweg: Die Modejournalistin Stefanie Schütte zum Tod von Karl Lagerfeld, der im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Frau Schütte, vielen Dank für das Gespräch.

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