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Zum Tod von Leonard CohenHerr, ich bin bereit

Der kanadische Sänger und Songschreiber Leonard Cohen ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Zu seinen bekanntesten Songs zählen "Hallelujah", "Suzanne" und "So long Marianne". Er schrieb auch Gedichte und Romane. Eine Hommage an den Songtexter und Poeten.

Von Florian Werner | 11.11.2016

Leonard Cohen sitzt auf einer Bank
Der kanadische Sänger und Rock-Poet Leonard Cohen am 28.04.1976 in Frankfurt am Main. (dpa / Istvan Bajzat)
Musik: "You want it darker"
If you are the dealer
I’m out of the game
If you are the healer
It means I’m broken and lame
If thine is the glory
Then mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame
Dein ist die Herrlichkeit - mein ist die Schande. Du willst es dunkler haben - dann löschen wir eben das Licht. Wenn Leonard Cohen in seinen Texten Du raunte, war oft unklar, wer eigentlich gemeint war: ein grausamer Gott - eine grausame Geliebte - oder beide gleichzeitig? In dem späten "You Want it Darker" allerdings tritt das Gegenüber klar zutage: Hier bin ich!, ruft Cohen im Refrain auf Hebräisch, und dann: Herr, ich bin bereit.
Musik: "You want it darker"
Hineni, hineni!
I’m ready, my Lord
Das Ringen mit der eigenen Sterblichkeit wurde bei Erscheinen von "You Want it Darker" im Oktober 2016 als Hinweis auf den gebrechlichen Zustand des Dichters gedeutet. Andererseits: Der Tod war in Cohens Werk schon immer präsent. Der Song "Story of Isaac" aus dem Jahr 1968 etwa erzählt die Geschichte von Abraham und Isaak, diesmal aus der Perspektive des Jungen, der geopfert werden soll. Als Gott ihm den Befehl zur Tötung seines einzigen Sohnes erteilt, antwortet der Vater in der Bibel: Hineni! Es ist die Formel, mit der sich der Gläubige in sein Schicksal fügt, sei es auch noch so schrecklich.
Musik: "Story of Isaac"
The door it opened slowly
My father, he came in
I was nine years old
"Story of Isaac" transportiert die Geschichte aus der Antike in die Gegenwart, fragt nach den Vätern, die ihre Söhne heute in den Tod schicken. Dieses Nebeneinander von Zeit- und Sprachebenen ist typisch für Cohens Dichtung: Sie changiert zwischen dem hohen Register der King-James-Bibel und zeitgenössischer Lakonik, zwischen dem Altar und dem Einkaufszentrum, zwischen Sex, Barbituraten und göttlicher Strafe. Am Deutlichsten vielleicht in dem Song "Who By Fire":
Musik: "Who by Fire"
And who in her lonely slip
Who by barbiturate
Who in these realms of love
Who by something blunt …
Das Lied basiert auf dem traditionellen Gebet "Unetaneh tokef" und steht im Wesentlichen aus einer Aufzählung von Todesarten: Feuer, Wasser, Drogen, stumpfe Gegenstände. Die Sprache ist kunstlos, formelhaft - Variation entsteht vor allem durch Brüche und Widersprüche auf der Inhaltsebene. Diese Technik kennzeichnet bereits die Dichtung des Alten Testaments, nicht zuletzt die Psalmen.
Musik: "Halleluja" von Jeff Buckley
Das griechische Wort psallein bedeutet "die Saiten spielen": Die Psalmen waren also ursprünglich nichts anderes als Texte im Sprechgesang zu gezupfter Begleitung. Gibt es eine bessere Bezeichnung für die Kunst von Leonard Cohen?
Musik: "Halleluja" von Jeff Buckley
I heard there was a secret chord
That David played and it pleased the Lord
But you don’t really care for music, do you?
It goes like this: the fourth, the fifth
The minor fall, the major lift
The baffled king composing Hallelujah …
Mit seinem "Hallelujah", hier in der Cover-Version von Jeff Buckley, schloss Cohen bewusst an die Tradition der Lobpsalmen an. Allerdings zeichnen sich Cohens Psalmen immer wieder durch überraschenden Humor aus: Ich kenne eine geheime Akkordfolge aus der Feder von König David persönlich … aber Du interessierst Dich gar nicht für Musik, Schatz, oder? Das ist ein denkbar jäher Absturz aus höchsten metaphysischen Sphären. Es ist dieser Balanceakt zwischen Komik und Melancholie, Gotteslob und Verzweiflung, Askese und Blowjobs auf dreckigen Hotellaken, die Leonard Cohens Kunst so einzigartig macht.
Musik: "You got me singing"
You got me singing
Even though it all went wrong
You got me singing
the Halleluja song
"You got me singing": Die Welt geht zu Ende - aber Du bringst mich trotzdem zum Jubilieren. Wieder die Frage: Ist Gott gemeint - eine Geliebte - beide? Egal. Entscheidend ist: Er oder sie ließ Leonard Cohen singen. Bis zuletzt.