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StartseiteKultur heuteOffizier, Gentleman und Exzentriker09.04.2021

Zum Tod von Prinz PhilipOffizier, Gentleman und Exzentriker

Sportlich, charismatisch, politisch nicht immer korrekt, aber am Ende doch von fast allen geliebt. Prinz Philip war über 70 Jahre mit der englischen Königin Elisabeth II. verheiratet, ging stets ein paar Schritte hinter seiner Frau und arrangierte sich mit den Konventionen auf seine Art.

Von Beatrix Novy

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Prinz Philip (www.imago-images.de/PPE)
Prinz Philipp ist kurz vor seinem 100 Geburtstag gestorben (www.imago-images.de/PPE)
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Nur weil er so sehr alt wurde, konnte Prinz Philip noch im 21. Jahrhundert das alte Europa, das des 19.Jahrhunderts, anschaulich verkörpern. Schon der Name seiner väterlichen Familie, Holstein-Sonderburg-Glücksburg, erinnert an Deutschlands zahlreiche Fürstentümer und den mittels Hin- und Herheiraten international verflochtenen Hochadel. Es war gar nicht erstaunlich, dass Philip mit seiner Frau Elizabeth urgroßmutterseits verwandt war. Auch dass er auf Korfu geboren wurde, ist nicht überraschend, schließlich war sein Vater Prinz von Dänemark und Griechenland. Ab hier wird empfohlen, die Geschichte selbst zu googeln. Nur noch ein Verweis auf die mütterliche Familie der Battenbergs: eine junge Nebenlinie der hessisch-darmstädtischen Großherzöge, von denen es einer sogar kurz auf den bulgarischen Thron schaffte. Andere, und das ist jetzt bedeutsam, gingen nach England - daher der Name Mountbatten, statt Battenberg, den später auch Philip annehmen sollte.

Attraktiver Heimatloser

Als er 1921 geboren wurde, ließen die nach dem Ersten Weltkrieg noch vorhandenen angezählten Könige schon die Operettenfürsten ahnen, für die sie die Vorlage lieferten. Aber es gab Horte feudaler Stabilität: die britische Monarchie vor allem. In diese relativ sichere Institution durfte der höchst attraktive Philip 1947 einheiraten, gegen enormen Widerstand von Nation und Familie; seine deutsche Abstammung kam nach dem Krieg nirgends gut an. Dabei konnte er Stabilität gebrauchen. Als Kleinkind mit der Familie ins Exil gebracht, die Ehe der Eltern gescheitert; seine Jugend verbrachte er bei Verwandten und in Internaten. Als er Jahre später gefragt wurde, welche Sprache in seinem dänisch-britisch-griechisch-deutschen Zuhause gängig gewesen sei, fragte er zurück: "Was meinen Sie, 'Zuhause'?" Das war, bei seinem Sinn für Ironie, womöglich Koketterie, aber mit dem Kern des Erlittenen.

Pfichtbewusster Spezialist

Eine somit glaubhaft kolportierte jugendliche Rüpelhaftigkeit war sicher kein Nachteil, als der Zweite Weltkrieg junge Männer wie ihn zur Marine rief. Philip Mountbatten wäre so ein guter Seemann geworden, hieß es in Seemannskreisen; aber als Prinzgemahl der Königin von England musste er nicht nur seine Marinelaufbahn, sondern auch seinen Namen dem Hause Windsor opfern. Churchill wollte es so. Und das zu einer Zeit, da jeder Fischverkäufer als Ernährer seiner Familie die erste Geige spielen durfte. Auch ohne "The Crown" gesehen zu haben, kann man gut bezeugten Zitaten entnehmen: Philip hat es nicht gefreut.

Sein Leben im Kontrast von faktischer Bedeutungslosigkeit und Weltbekanntheit sah er realistisch: "Jeder Depp kann einen Kranz auf irgendwas legen", erklärte er. Dabei waren seine sehr zeitgemäße Einsicht, das Königshaus als "Firma" zu sehen und sein Einsatz für diese Firma durchaus bedeutend. Eisern pflichtbewusst, gut angezogen, sportlich, Spezialist für Pferdekutschenrennen - soviel Britishness konnten auch die immer aggressiveren Medien der Promi-Industrie nicht antasten, für die gekrönte Häupter nur noch eine Teilmenge namens "Royals" sind.   

Britischer Exzentriker

Ein belebender Widerspruch in der Symbiose mit der Königin war seine berüchtigt unkorrekte Ausdrucksweise. Seine gesammelten Ausrutscher sind selten besonders geistreich, aber keineswegs immer wirklich kränkend. "Ihr seht aus wie Draculas Töchter", das dürfte rot uniformierte Schülerinnen nicht umhauen, und die Wahrheit "Dann musst du aber etwas abspecken" ist einem Jungen zuzumuten, der Astronaut werden will. Wie Helmut Kohl mit der Anrede "Herr Reichskanzler" zurecht kam, ist nicht bekannt. Berühmt wurde Philips Erkundigung bei Aborigines  "Werfen Sie immer noch mit Speeren aufeinander?" und ähnliche Sprüche, die nahelegen, dass man sich im Buckingham Palast nicht viel mit Identitätspolitik befasste.

Die Zeit verging, man verzieh ihm schlussendlich alles. Denn eigentlich gehörte er in den erlauchten Kreis britischer Exzentriker - eine Spezies, die im Königreich höchstes Ansehen genießt.

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