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StartseiteKultur heuteUnvergleichliche Sprachbeherrschung16.05.2014

Zum Tod von Rolf BoysenUnvergleichliche Sprachbeherrschung

Der Schauspieler Rolf Boysen gehörte jahrelang dem Ensemble der Münchner Kammerspiele an. Er war für seine Rollen in antiken Dramen, deutschen Klassikern und als "Wallenstein" in der gleichnamigen ZDF-Verflimung bekannt. Boysen überzeugte auf der Bühne mit seiner unverwechselbaren Stimme, die er ganz in den Dienst der Autoren stellte. Der Schauspieler ist jetzt im Alter von 94 Jahren verstorben.

Von Eberhard Spreng

Schwarz-Weiß-Porträt von Rolf Boysen (picture alliance / dpa/ Ursula Düren)
Der Schauspieler Rolf Boysen ist im Alter von 94 Jahren verstorben (picture alliance / dpa/ Ursula Düren)
Weiterführende Information

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Schon früh hat Rolf Boysen - Kind einer norddeutschen Bürgersfamilie - bei Gesellschaften in der elterlichen Wohnung Gedichte rezitiert. Und obwohl er nach dem Abitur zunächst eine kaufmännische Lehre absolvierte, war sein einziges Interesse nach der Rückkehr aus dem Krieg: das Theater. Nach Schauspielausbildung und einem ersten Engagement in Dortmund 1948 und weiteren Theatern in Norddeutschland kam er an die Münchener Kammerspiele und damit in Kontakt mit dem Regisseur, der ihn mehr als andere prägen sollte.

"Der Kortner, der hat gesagt, wenn man so verkrampft auf die Bühne gekommen ist: Lassen Sie das! Machen Sie Platz für den Ausdruck. Ein fundamentaler Satz."

Als Rebell hat Rolf Boysen seinen Lehrmeister bezeichnet, als Elementarerlebnis. 1962 spielte er bei Kortner den Othello, später den Clavigo, und Jean in Strindbergs "Fräulein Julie". Unter Erwin Piscators Regie spielte er den Herzog Alba in Schillers "Don Karlos". Weitere Regisseure seiner Karriere waren Walter Felsenstein, Hans Schweikart, Hans Lietzau und August Everding. Seine Figuren waren immer unverwechselbare Schöpfungen weitab des Naturalistischen oder Lebensähnlichen.

"Man muss verhindern, dass man Menschendarsteller wird; man muss Figurenzeiger sein. Man muss versuchen, durch gedankliche Arbeit, die Figur zu erkennen. Und das, was man erkannt hat, muss man zeigen. Auch die emotionalen Erregungen der Figur müssen nicht die eigenen sein, sondern es müssen emotionale Erregungen sein, die man aufgrund des Studiums der Figur erkannt hat, und die muss man zeigen, ob man will oder nicht."

"Der Text ist die Brücke vom Schauspieler zur Figur"

Rolf Boysens Figuren hatten oft eine grandseigneurhafte Noblesse. Sehr aufrechte Haltung, unter der hohen Stirn blickten dunkle kritische Augen; ein altmodischer Schnurrbart zierte den breiten Mund. Er überzeugte auf der Bühne mit einer unvergleichlich Sprachbeherrschung und seiner unverwechselbaren Stimme, die er ganz in den Dienst der Autoren stellte.

"Der Text ist die Brücke vom Schauspieler zu der Figur. Diese Brücke über den Text zu wandeln hin zur Figur, das ist für mich das Allerwichtigste."

Eine seiner größten Rollen war der alte König in Shakespeares "King Lear", den er unter der Regie von Dieter Dorn jahrelang in München gab. An der Seite von Thomas Holtzmann, seinem Lieblingswidersacher, spielte er auch, bereits über 80-jährig und unter anderem mit dem bayerischen Theaterpreis und dem großen Bundesverdienstorden ausgezeichnet , den Shylock in "Der Kaufmann von Venedig".

"Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Und wenn ihr uns Gift gebt, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns schädigt, wollen wir nicht Rache nehmen?"

1997 erschien "Nachdenken über Theater"

Auch im Film war der Bühnenstar, wenn auch deutlich seltener, zu sehen. Zum Beispiel in der Rolle des Wallenstein in der gleichnamigen ZDF-Verfilmung von 1978. Rolf Boysen war einer jener seltenen Bühnenkünstler, die sich mit ihrer spielerischen Brillanz und ihrem Erfolg nicht begnügen, sondern das Theater als exemplarischen Versuchsraum für das Abenteuer des Menschseins reflektieren. Sein Essayband "Nachdenken über Theater" von 1997 spricht davon.

"Der Mensch lebt unter zwei schicksalhaften Bestimmungen, die ihn notgedrungen unglücklich machen: Die eine ist die Fähigkeit, denken zu können ... zu müssen; die andere ist die Unabwendbarkeit des Todes. Die erste hat aus der Welt ein Schlachthaus, die zweite hat aus den Menschen ein Angstgeschöpf gemacht."

Diese Angst zu bannen, zu verstehen und sie für Momente in großen Sprachkunstwerken aufzulösen, daran hat der eigenwillige und eigensinnige Rolf Boysen bis ins hohe Alter unermüdlich gearbeitet. Und der einzige Ort, an dem dies gelingen konnte, war die Bühne.

"Das, was hier stattfindet, ist die richtige Welt. Das, was die Leute draußen im Leben machen, ist eine verkehrte Welt. Das ist eine von Menschen gezimmerte Art und Weise, miteinander umzugehen. Und da ist ihnen alles Ursprüngliche verloren gegangen."

 

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