Donnerstag, 19. Mai 2022

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Zum Tod von Rossana Rossanda
Die letzte Kommunistin

Rossana Rossanda verstand sich als Marxistin in der Tradition Rosa Luxemburgs: Die italienische Intellektuelle war Mitbegründerin der Tageszeitung "il manifesto", prägte in den 70er-Jahren mit ihren Beiträgen und Büchern die politischen Debatten Italiens. Nun ist sie mit 96 Jahren gestorben.

Von Carl Wilhelm Macke | 20.09.2020

Die italienische Intellektuelle und Publizistin Rossana Rossanda in ihrer Wohnung in Rom (das geschätzte Aufnahmedatum ist 1987)
Die italienische Intellektuelle und Publizistin Rossana Rossanda in ihrer Wohnung in Rom Ende der 80er-Jahre (Marcello Mencarini / Leemage / imago)
Sie werde ihr Leben, so prophezeite es sich Rossana Rossanda selbst einmal, mit einer Niederlage und in persönlicher Einsamkeit beenden. Für eine Intellektuelle, die ihr ganzes Leben lang für eine solidarischere Gesellschaft kämpfte, als sie der Kapitalismus bieten kann, ist das eine sehr bittere Erkenntnis. In den 70er-, 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts fanden ihre unendlich vielen öffentlichen Kommentare zur politischen Entwicklung nicht nur in Italien, ihre Artikel und Bücher über die internationale Arbeiterbewegung, besonders aber ihre oft sehr provokativ formulierten Thesen zum "neuen Feminismus" ein zeitweise großes Echo auch jenseits der Alpen.
Sie verstand sich selbst als eine Marxistin in der Tradition von Rosa Luxemburg, und ihr Denken wurde noch stark eingerahmt von Faschismus, Krieg, Widerstand und Klassenkampf. Ihre ersten politischen Erinnerungsbilder, so schrieb Rossana Rossanda in ihrer Autobiographie "Die Tochter des 20. Jahrhunderts" gingen auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Kampfes gegen den Faschismus zurück.
In den letzten Monaten der Mussolini-Diktatur begann die aus dem istrischen Pula stammende Rossana Rossanda als Studentin in Mailand mit ihren ersten Kontakten zum kommunistischen Untergrund. Fasziniert von den Idealen der "Resistenza" versuchte sie, ihre philosophischen und kunsthistorischen Studien zu verbinden mit der Kuriertätigkeit zwischen verschiedenen kommunistischen Zellen in der Lombardei. Langsam wuchs sie so in die Kultur der italienischen Arbeiterbewegung hinein. Ihr fühlte sie sich immer verbunden, aber im Gegensatz zu vielen ihrer linken Genossen stritt sie ihre Herkunft aus der norditalienischen Bourgeoisie auch nie ab.
Gründung der Tageszeitung "il manifesto"
Geschult in jahrzehntelanger politischer Arbeit, stilistisch geschärft durch den Tagesjournalismus in den Organen der Partei, wurde Rossana Rossanda in den 60er-Jahren immer mehr zu der zentralen Figur einer Gruppe von italienischen Intellektuellen, die den kulturrevolutionären Aufbruch von 1968 mit den Idealen der traditionellen Arbeiterbewegung verbinden wollten. Sie gründeten gegen heftigen Widerstand der kommunistischen Parteiführung die Tageszeitung "il manifesto", die dann über Jahrzehnte hinweg zu einem Vorbild für die unabhängige linke Publizistik in Europa wurde.
Die italienische Journalistin Rossana Rossanda in einem Pkw mit Fidel Castro am Steuer, 1967 in Kuba
Rossana Rossanda mit Fidel Castro 1967 in Kuba. 1971 unterschrieb sie gemeinsam mit einer Gruppe von Schriftstellern - u.a. Jean-Paul Sartre, Octavio Paz, Italo Calvino, Julio Cortázar und Mario Vargas Llosa - einen Brief an Castro, der gegen die Repressalien gegen den kubanischen Lyriker Heberto Padilla protestierte.
Auch die deutsche taz hat sich in ihren Anfangsjahren immer wieder auf das "manifesto-Experiment" in Italien bezogen.
Bis hinein vielleicht in die späten 80er-Jahre hatte Rossana Rossanda noch einen eingrenzbaren Adressaten für ihre Kommentare, Polemiken und theoretischen Einmischungen in den Spalten von "il manifesto". Es war eine linke politische Szene, die zwar untereinander vielfach zerstritten und zersplittert war, aber noch über einen großen Vorrat gemeinsam erlebter Geschichte verfügte.
Diese Gemeinsamkeiten jedoch sind spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer längst zerbrochen. Jahrzehntelang hat Rossana Rossanda das Ende der stalinistischen Diktaturen mit ihren Kommentaren immer herbeigeschrieben. Trotzdem fiel es ihr aber schwer, die politischen und intellektuellen Konsequenzen des epochalen Bruchs von 1989 einzuordnen. Vor diesem Hintergrund kam es irgendwann auch zu einem spektakulären und unüberwindbaren Bruch mit der heutigen Redaktion von "il manifesto".
Fundiertes Wissen über Malerei und Literatur
Als politische Publizistin hat Rossana Rossanda weder sich selbst noch die Gegner jemals geschont - die innerhalb ihrer eigenen politischen Familie am wenigsten. Sie konnte im persönlichen Umgang schroff sein, und jedes Zugeständnis an den jeweils modischen Zeitgeist war ihr zuwider. Ihr Stil zu schreiben aber und ihr souveränes Wissen in der Geschichte der Malerei und der Literatur - so hat sie etwa Kleist ins Italienische übersetzt - fanden selbst bei politischen Gegnern immer großen Respekt.
Die promovierte Philologin Rossanda war in der Renaissance ebenso zu Hause wie in den Archiven der kommunistischen Bewegung. Sie war eine Kennerin des modernen Kinos und der Schriften von Marx, Gramsci, Marcuse und Sartre. Völlig selbstverständlich folgt in dem Band "Auch für mich" ein Essay über den Kunsthistoriker Aby Warburg einem Beitrag über die italienischen Gewerkschaften. Reflektionen über Virginia Woolf stehen hier neben einer Polemik gegen die verrottete "Classe politica" in Italien. Die Utopie des gemeinsamen Wir war genauso ihr Thema wie die Realität des oft einsamen Ich.
Politik war für sie immer auch eine "education sentimentale", die durch Leiden und Leidenschaften, durch Freundschaften und Kontroversen, durch Vertrauen und Abschied führt.
Mit dieser heute antiquiert erscheinenden Vorstellung von Politik, mit ihren Idealen, ihrem Stil zu leben und zu schreiben, ist es in den letzten Jahren um linke Intellektuelle wie Rossana Rossanda tatsächlich sehr einsam geworden. Ob ihr Leben aber mit einer Niederlage geendet ist, wird die Geschichte zeigen.