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Zurück in die Schützengräben

2002 verurteilte das spanische Parlament erstmals den Staatsstreich von General Franco von 1936. Gleichzeitig wurden die Behörden zur Mithilfe bei der Suche nach verscharrten Opfern der Diktatur aufgerufen - Opferorganisation vermuten noch 113.000 Verschwundene.

Von Hans-Günter Kellner |
    "Das war mein Schwager. Ich habe nur schwache Erinnerungen an ihn. Sie lebten am anderen Ende des Dorfs. Als die Milizen meine Großmutter mit Fußtritten aus dem Dorf trieben, fragte er sie: 'Warum schlagt ihr die Señora?' Da nahmen sie ihn auch mit. Mit meiner Großmutter. Sie erschossen beide. Dann brachten sie noch zwei von den Brüdern um. Und die Schwester von Isaac vergewaltigten sie. Alle. Dann ließen sie sie laufen. Isaac war ein Kind, 16 Jahre alt. Er hatte niemandem etwas getan. Sie töteten ihn nur, weil er sie fragte, warum sie meine Großmutter schlugen."
    Die 80-jährige Honorina García aus Pardamaza, einem kleinen Dorf in der nordspanischen Region Bierzo hat schreckliche Erinnerungen. Im Winter 1936, ein halbes Jahr nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, erlebt sie im Alter von sechs Jahren, wie Franco-Anhänger ihre Großmutter und ihren Schwager töten. Den Großvater zwingen sie, Benzin zu trinken. Auch er stirbt.
    Die Morde sind eine Repressalie, weil Honorinas Vater, Antonio García, Mitglied der Gewerkschaft der Minenarbeiter ist, und die Milizen ihn nicht finden können. Er ist rechtzeitig nach Asturien geflohen. Drei Jahre später ist der Krieg zu Ende. Honorinas Vater kehrt ins Dorf zurück, versteckt sich vor der Polizei:

    "Ich erinnere mich, als sie meinen Vater aus der Scheune holten. Die Knochen. Die Zivilgardisten zwangen mich, sie zur Scheune zu begleiten und meinen Vater zu rufen. Es war die der Scheune meiner Großmutter. Aber mein Vater wollte nicht raus. Irgendwann haben sie mich dann wieder zu meiner Mutter gebracht. Dann brannte die Scheune."
    Viele Jahrzehnte verschweigt Honorina García ihre Erlebnisse. Erst protegiert das Franco-Regime die Täter. Aber auch danach werden die Toten kaum erwähnt, obwohl jeder die Kastanie an der Straße ins Tal kennt, zu deren Füßen sie verscharrt wurden. Erst 70 Jahre nach den Ereignissen schreibt sie einen Brief an die "Vereinigung zur Wiedererlangung des Historischen Gedächtnisses", und bittet um Mithilfe bei der Suche nach den Gebeinen der Toten. Warum so spät?

    "Wir konnten doch nichts machen. Niemand hätte uns geholfen. Erst als es diesen Parlamentsbeschluss gab, entschloss ich mich, mich auf die Suche zu machen. Vorher wäre es zu gefährlich gewesen. Man konnte nicht reden. Franco war zwar tot, aber da gab es ja noch die anderen Faschisten. Dann hatte ich aber keine Angst mehr. Sollen sie mich doch ins Gefängnis werfen, dachte ich mir. Ich bin sehr zufrieden, es getan zu haben."
    Honorina García spricht von einer Resolution des spanischen Parlaments, das 2002 erstmals den Staatsstreich von General Franco von 1936 verurteilt und die lokalen Behörden zur Mithilfe bei der Suche nach verscharrten Repressionsopfern aufruft. Opferorganisation vermuten zu dieser Zeit noch rund 30.000 verschwundene Opfer. Neueren Untersuchungen zufolge sind es 113.000, fast viermal so viele.
    Das Parlament reagiert mit seiner Resolution auf eine private Initiative. Zwei Jahre zuvor hatte der Journalist Emilio Silva begonnen, nach seinem Großvater zu suchen. Auch er war in der Nähe seines Dorfs erschossen und verscharrt worden.
    Die Exhumierung macht Schlagzeilen, zahlreiche Angehörige weiterer Opfer melden sich bei Silva und bitten ihn um Hilfe. Silva gründet die "Vereinigung zur Wiedererlangung des Historischen Gedächtnisses", eine Lobby für die Angehörigen der Repressionsopfer. Die Gebeine von rund 4500 Toten konnten bisher geborgen werden. Wie auch Honorina García empfinden die meisten Angehörigen die Exhumierungen wie eine Befreiung, erklärt Silva:

    "Wir sagen manchmal: Da werden Bürger geboren. Leute, denen Grundrechte praktisch verweigert wurden, entdecken ihre eigene Geschichte über diese Suche wieder. Diese Leute sind plötzlich in den Medien, erzählen von der eigenen Geschichte. Vor einigen Jahren kam in Sevilla eine alte Frau zu uns, sehr ängstlich. Sie befürchtete, sie könnte erschossen werden, wenn sie Nachforschungen nach ihren Verwandten anstellt. Jetzt hat sie in ihrem Dorf ein Denkmal für die Repressionsopfer eingeweiht. Viele Leute leben ihre Geschichte praktisch im Verborgenen. Das liegt auch an der Regierung, die sie nicht genug unterstützt, sodass sie ihre Angst überwinden könnten."
    Die Suche nach den Verschwundenen lenkt die Aufmerksamkeit auf ein bisher unterbelichtetes Kapitel des Franco-Regimes: In zahlreichen Regionen setzten sich die Putschisten um Franco mit ihrer dank deutscher und italienischer Unterstützung drückenden militärischen Überlegenheit im Sommer 1936 schnell durch.

    Die Repression wütete schlimm, fasst Emilio Silva zusammen:

    "Der Frankismus hat 113.000 Menschen in Massengräbern verschwinden lassen. Noch nach Ende des Bürgerkriegs zwischen 1939 und 1945 wurden zudem mehr als 100.000 Menschen in Scheinverfahren zum Tode verurteilt. Republikaner oder Linke wurden von der Landkarte getilgt. Alleine in Málaga haben wir aus Massengräbern fast 2000 Leute exhumiert. 1500 weitere müssen noch exhumiert werden. Amnesty International hat Spanien nach Kambodscha zum Land mit den meisten Verschwundenen auf der ganzen Welt erklärt."

    2007 verabschiedet das spanische Parlament ein Gesetz über die Rechte der Opfer von Bürgerkrieg und Diktatur. Es ist das achte. Anders als die sieben vorherigen beschränkt es sich nicht auf Entschädigungszahlungen. Franco-Statuen oder Straßenschilder mit den Namen bedeutender Generäle der Diktatur im öffentlichen Raum sind jetzt verboten.
    Doch bei diesem Gesetz werden die Risse deutlich, die nach wie vor durch das politische Spektrum Spaniens laufen: Die konservative Volkspartei stimmt gegen das Gesetz, wirft den Sozialisten um Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero vor, in den Vergangenheit zu blicken, statt in die Zukunft. Sie wendet sich nun auch wieder gegen die Suche nach den Repressionsopfern.

    Doch auch die Angehörigen der Opfer sind nicht zufrieden. Zwei grundlegenden Forderungen kommen die Parlamentarier nur teilweise nach:
    Erstens: Die Opfer von Unrechtsurteilen der Franco-Justiz werden auch im neuen Gesetz nicht rehabilitiert. Und zweitens: Der Staat wird zwar aufgefordert, bei der Suche nach den verschwundenen Repressionsopfern zu helfen. Doch er wird nicht dazu verpflichtet, das Schicksal der Verschwundenen selbst aufzuklären. Emilio Silva:

    "Die Opfer der Franco-Diktatur werden alleine gelassen. Das hat viel mit unserem Demokratisierungsprozess zu tun, mit dem Verhalten der Linken und dem Negieren der Geschichte der Rechten. Es gibt zwar auch manchen rechten Bürgermeister, der versteht, dass er seinen Bürgern helfen muss, wenn die Familien solch dramatische Erlebnisse hatten. Aber auf nationaler Ebene sind die Angehörigen von allen verlassen."
    Somit setzt sich bis in die heutige Zeit ein Problem fort, das seine Wurzeln in der Zeit nach der Diktatur hat,dem Demokratisierungsprozess, der der sogenannten "transición", sagt Silva. Gemeinsam mit den Reformkräften innerhalb des Franco-Regimes verhandelten Kommunisten, Sozialisten und katalanische und baskische Nationalisten damals über die demokratische Zukunft Spaniens.
    Dieses friedliche Ende der Diktatur wurde lange Zeit als beispielhaft bewertet. Doch in der Debatte um die Repressionsopfer kommt auch Kritik am Demokratisierungsprozess auf.
    Denn wie kann es sein, dass die Debatte um die Verschwundenen nicht schon früher eingesetzt hat? Statt aufzuräumen hätten die demokratischen Kräfte nach Francos Tod vor den mächtigen Militärs klein beigeben, meinen Kritiker wie Silva heute. Mit dem Säbelrasseln der Generäle in den Ohren hätten sie 1977 einer Amnestie zugestimmt. Ein allgemeiner geschichtlicher Gedächtnisverlust sei die Folge gewesen, sagt Silva:

    "Diese Verfassungsväter sollten erzählen, wie es wirklich war. Ich würde gerne wissen, warum Kommunisten und Sozialisten für die Amnestie stimmten. Ein Gesetz, aufgrund dessen zwar 89 politische Gefangene freikamen, das aber auch die Straffreiheit für die Franco-Anhänger bedeutete. Sie sollten aufhören, so zu tun, als wäre das eine tolle Zeit gewesen. In Wahrheit war das ganze Land erstarrt vor Angst. Das ist keine Zeit, nach der ich mich sehne. Ich kann die Demokratie von heute bewundern, ich kann reden und muss keine Angst haben. Aber die Situation damals war sehr schwierig."
    Diese neue Sichtweise auf den spanischen Demokratisierungsprozess unterstützen inzwischen auch einige Historiker. Mirta Nuñez ist Geschichtswissenschaftlerin an der journalistischen Fakultät der Madrider Complutense Universität. Auch sie macht den Protagonisten jener Jahre schwere Vorwürfe.

    "Die 'transición' ist auf Vergessen errichtet worden. Die zerstörerische Gewalt des Frankismus, der Staatsterrorismus wurde einfach vergessen. Das ist ethisch nicht zu verantworten. Es ist aber auch selbstmörderisch für ein Land. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Zu wissen, was hinter uns liegt, ermöglicht uns, nach vorne zu schauen."
    Aber auch die "transición" ist längst Teil des "Historischen Gedächtnisses" der Spanier. Im spanischen Fernsehen folgte auf historische Dokumentationen und Reportagen 2001 die Serie "Cuentame cómo pasó" - zu Deutsch: "Erzähl mir, wie es war". Der Alltag der fiktiven Familie Alcántara in den letzten Jahren der Diktatur bis hin zu den ersten Jahren der Demokratie fesselt die Spanier bis heute an die Bildschirme.
    Santiago Carrillo war in jenen Jahren Generalsekretär der Kommunistischen Partei Spaniens. Er war einer der entscheidenden politischen Akteure jener Zeit und ein rotes Tuch für die Militärs. Er verteidigt auch heute rückblickend den friedlichen Demokratisierungsprozess gegen die Kritiker.

    "Das Leben ist viel komplizierter als jene glauben, die jetzt über die transición urteilen, aber im Grunde nichts von ihr wissen. Diese ganze Kritik ist nur wenig fundiert. Vor einigen Jahren fragte mich bei einer Podiumsdebatte ein Mann: 'Warum wart ihr damals nicht radikaler, habt nicht mehr verlangt?' Ich sagte ihm: 'Warst Du damals bereit, in diesem Moment mit einem Gewehr auf die Straße zu gehen? Zu kämpfen, um den Frankismus zu stürzen?'"
    Doch genau das wollte niemand. Es musste einen friedlichen Wandel geben, den die herrschenden Kräfte der Diktatur hinnehmen würden. Carillo erinnert daran, dass seine Partei schon 1956 von einer "Strategie der Nationalen Versöhnung" sprach, aber auch von einer Amnestie. Ziel dieser Strategie: Das Regime zu spalten, die modernen Reformkräfte vom harten Kern der alten Militärs zu trennen.

    "Das Wichtige für uns war: Der Bürgerkrieg sollte nicht mehr das trennende Element zwischen den Spaniern sein. Das mussten wir überwinden. Die Hälfte der Spanier stand im Krieg auf der Seite Francos. Entweder wir würden eine gemeinsame Ebene finden oder es hätte keine Lösung für die Diktatur gegeben. Das darf man nicht vergessen. Es gab drei Jahre lang einen Bürgerkrieg, der das Land tief gespalten hat. Und ich glaube, es war richtig, die Probleme von einer anderen Seite zu sehen: Der Krieg sollte nicht mehr spalten."
    Zumal es ja auch "auf der Seite der republikanischen Kräfte im Bürgerkrieg Exzesse gab", gibt Carillo wörtlich zu. Ein gegenseitiges Aufrechnen der Taten sollte unbedingt vermieden werden, weshalb er auch heute noch eine juristische Aufarbeitung ablehnt, wie sie der Untersuchungsrichter Baltasar Garzón am nationalen Gerichtshof anstrebt.
    Doch beginnt die kritische Aufarbeitung der Franco-Diktatur wirklich erst jetzt? Gab es in der transición wirklich den heute oft zitierten "Pakt des Schweigens"? Santos Juliá ist einer der renommiertesten spanischen Historiker. Sein ganzes Leben hat er mit der Untersuchung des 20. Jahrhunderts verbracht. Er schüttelt den Kopf. Niemals hätten historische Untersuchungen ein größeres Interesse bei der Bevölkerung gefunden als in den siebziger und achtziger Jahren, meint Juliá:

    "Diese Behauptungen machen mich wirklich zornig, es verfälscht die Geschichte einfach radikal. Damals haben viele sehr viel aufs Spiel gesetzt. Die linken Arbeiter- und Studentenbewegungen, aber auch Leute, die unter Franco nicht schlecht lebten. Natürlich gab es Angst. Da wurden 1977 Arbeiteranwälte umgebracht. Aber wie hat die Gesellschaft denn darauf geantwortet? Wir sind zu Tausenden auf die Straße gegangen. Das war gefährlich, keiner wusste, was geschehen würde. Die Kommunistische Partei wurde gegen den Rat der Militärs legalisiert. Gegen den Rat des US-Außenministeriums. Und gegen den Rat von Willy Brandt. Das soll ein Produkt der Angst sein? Ich würde es Kühnheit nennen."
    Wenn der Demokratisierungsprozess heute so sehr umstritten sei, habe dies in Wahrheit wenig mit der Geschichte, als viel mehr mit der aktuellen Politik zu tun, meint der Historiker. Denn zunehmend ist die Geschichtsschreibung zum Spielball politischer Interessen geworden.
    Die konservative Volkspartei lehnt die Exhumierungen der Repressionsopfer ab, sieht darin einen Schritt zurück in die Vergangenheit. Sie wirft den Linksparteien vor, den "Pakt der transición" zu brechen, den Beginn Spaniens moderner Demokratie nicht mehr in dem gemeinsam begonnen Weg nach Francos Tod zu sehen, sondern in der Republik der dreißiger Jahre.
    Die Republik von 1931 bis 1939 war ein Versuch, eine parlamentarische Demokratie zu etablieren und das Land zu modernisieren. Spaniens Linke blicken stets ein wenig nostalgisch darauf zurück, wenn sie bei politischen Veranstaltungen die Fahnen in Farben der Republik - Rot, Gelb und Lila - schwenken und an Errungenschaften wie Reformpädagogik, Landreformen oder das Frauenwahlrecht erinnern.
    Spaniens Konservative werden in diesem Geschichtsbild als Erben des autoritären Spaniens gesehen, das gegen diese Republik putschte und eine Diktatur installierte. Die Konservativen werfen den Linken darum vor, die Geschichte immer wieder als Waffe im politischen Disput einzusetzen, und erinnern sie daran, dass auch Anarchisten und Sozialisten gegen die Republik Umsturzversuche unternahmen. Die politische Gewalt beider Seiten habe in den Bürgerkrieg geführt. Eine gemeinsame Deutung der Vergangenheit sei deshalb undenkbar, meint Historiker Juliá:

    "Jeder rekonstruiert darum seine eigene Geschichte. Er nimmt sich daraus, was ihn interessiert. Geschichte als fundiertes Wissen der Wahrheit des Geschehens interessiert nicht. Erinnerung heißt heute, Gedenken, aber nur an das, was heute von Interesse ist. Wenn die Geschichte dermaßen öffentlich und politisch benutzt wird wie in Spanien, die Debatte über die Vergangenheit zu einer politischen Angelegenheit wird, dann wird sie in einer solchen polarisierten Situation zu einem Instrument der Konfrontation."
    Auf der Strecke bleibt dabei die politische Kultur. Denn der Streit um die Deutung der Vergangenheit setzt sich fort im politischen Lagerdenken von heute. Selbst in der heftigen Wirtschaftskrise mit fast 20 Prozent Arbeitslosen finden Konservative und Sozialisten keinen gemeinsamen Weg, um dem Land zu helfen. Das spanische Verfassungsgericht ist seit Jahren blockiert, weil sich die beiden großen Parteien nicht über seine Zusammensetzung einigen können, wie die Verfassung es vorsieht.
    Beobachter der Parlamentsdebatten sind es längst gewohnt, dass bei den Parteien noch mehr als eigene Konzepte die Herabsetzung des politischen Gegners zählt. Fast scheint es, beide Lager wären zurück in den Schützengräben. Santos Juliá:

    "Als Historiker interessiert mich das sehr. Natürlich! Das ist faszinierend. Welchen öffentlichen Gebrauch machen die Politiker von der Geschichte? Das ist ein wunderbares Studienprojekt, zu untersuchen, was gerade geschieht."