Montag, 23. Mai 2022

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Zurück ins Pliozän?

Klima.- Der Begriff "Pliozän" beschreibt die Epoche der Erdgeschichte vor etwa 1,5 bis fünf Millionen Jahren. Klimaforscher haben verstärktes Interesse für diese Zeit entwickelt. Der Grund: Während dieser Episode war ähnlich viel Kohlendioxid in der Atmosphäre wie heute.

Von Volker Mrasek | 03.12.2009

Um abschätzen zu können, auf welches Klima die Erde in der nahen Zukunft zusteuert, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit:

"Die Frage wäre eigentlich: Gibt es ein Zeitintervall in der Erdgeschichte, wo zum Beispiel die Temperaturen etwa drei Grad höher waren als heute und die atmosphärischen CO2-Gehalte ähnlich den heutigen? Das wäre ja ein Klimazustand, der für das Ende dieses Jahrhunderts vorausgesagt wird."

Der Geologe Ralf Tiedemann vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven kann diese Frage eindeutig beantworten:

"Ja, das gibt es. Nur: Wir müssen dazu etwa drei bis fünf Millionen Jahre in der Erdgeschichte zurückreisen. Das ist der Übergang in das Quartär hinein, wo dann die großen Eiszeiten anfangen zu beginnen."

Pliozän nennen Paläoforscher diese Epoche. Im Grunde ist sie ist noch gar nicht lange her.

"Also, für einen Geologen ist das wirklich ein Zeitraum, der erst kürzlich zu Ende ging. Die Welt sah eigentlich recht ähnlich aus wie heute."

Geologisch und geographisch betrachtet jedenfalls. Und dennoch wäre der Rückfall in Verhältnisse, wie sie in den Warmphasen des Pliozäns herrschten, eine Katastrophe:

"Der Meeresspiegel war um etwa 20 bis 25 Meter erhöht. Das waren so etwa die Rahmenbedingungen."

Der Klimarat der Vereinten Nationen hat das Pliozän in seinem jüngsten Sachstandsbericht explizit erwähnt. Und davor gewarnt, dass es eine Blaupause für die nahe Zukunft in einem wärmeren Treibhaus sein könne. Als sicher gilt: Damals sind nicht nur die Gletscher Grönlands abgeschmolzen. Auch die West-Antarktis muss während der Warmphasen eisfrei gewesen sein. Sonst könnte man einen so hohen Meeresspiegel-Anstieg nicht erklären.

In Bordeaux in Frankreich gab es jüngst die erste Fachtagung speziell zum Klima des Pliozäns. Dort wurden die Ergebnisse von Forschungsbohrungen vor dem Ross-Schelfeis in der Westantarktis vorgestellt. Der Meeresgeologe Gerhard Kuhn vom Alfred-Wegener-Institut war an der Analyse der gewonnenen Sedimentkerne aus dem Südozean beteiligt:

"Wir haben an den Sedimenten ablesen können, dass es Zeiten gab, in denen dieses Schelfeis nicht vorhanden war. Dort gab es dann offenen Ozean, in dem Kieselalgen gelebt haben. Die Ablagerungen dieser Kieselalgen haben wir in den Sedimenten gefunden. Das Ross-Schelfeis wird überwiegend durch die westantarktische Eiskappe gespeist. Also kann man rückschließen, dass in diesen Zeiten auch die westantarktische Eiskappe nicht vorhanden war. Das sind die ersten Nachweise, was die Antarktis in diesen warmen Klimaphasen wirklich gemacht hat."

Bemerkenswert auch, was zu Beginn des Pliozäns vor rund 4,5 Millionen Jahren geschah. Die Paläoforscher schließen aus ihren Daten, dass sich die Meereszirkulation im Atlantik damals abschwächte. Das muss Fernwirkungen bis in den Pazifik gehabt haben. Dort, so Ralf Tiedemann, sei es für Jahrtausende zu einem Dauer-El-Nino gekommen. Und zu Wetterextremen, wie wir sie auch heute noch von dem pazifischen Klimaschreck kennen.

"Das Interessante daran ist, dass die Modelle, die die Zirkulation für die nächsten 100 Jahre prognostiziert haben, eigentlich auch darauf hinweisen, dass wir am Ende dieses Jahrhunderts eine leicht abgeschwächte Zirkulation erwarten."

Das ist nun die große Frage: Könnte die Erde durch steigende Treibhausgas-Emissionen quasi wieder ins Pliozän zurückfallen?

Schaut man sich den CO2-Anteil in der Atmosphäre an, fehlt nicht mehr viel. Er beträgt im Moment 387 ppm oder parts per million. wie man sagt. Im warmen Pliozän lag er nach den neuesten Rekonstruktionen bei rund 400 ppm, also nur unwesentlich darüber. Dass die CO2-Konzentration diese Schwelle bald passieren wird, ahnt auch Geologe Tiedemann:

"Wenn wir den CO2-Ausstoß weiterhin erhöhen, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass wir vielleicht nicht in 100 Jahren, aber vielleicht in 500 Jahren einen solchen Zustand erreichen könnten. Ob es schneller geht oder nicht, wissen wir nicht genau. Es sind gerade die schnellen Prozesse im Klimasystem, die auch nur sehr wenig verstanden sind."