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Zurück zum Staat

Die Privatisierung der Deutschen Bahn nimmt konkrete Formen an. Was die Einen als große Errungenschaft ansehen, stößt bei Anderen auf harsche Kritik. Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass Einwände gegen eine Privatisierung der Bahn begründet sind. Dort ist man bereits auf dem Wege der Rückverstaatlichung. Martin Zagatta berichtet aus London.

24.07.2007
    Hektik im Bahnhof von Paddington nördlich des Londoner Hydeparks. Die Züge aus dem Südwesten laufen mit großen Verspätungen ein. Für die Reisenden, vor allem Berufspendler, die jetzt zum Ausgang hetzen, nichts Neues. "Immer dasselbe" – "ein Signalversagen, was kann man da schon machen?". Einen Signalausfall bei der Einfahrt nach London bestätigt auch Richard Rowland von der "First Grand Western". Für die Verspätungen sei aber nicht die Eisenbahngesellschaft verantwortlich, sondern "Network Rail", das für das Schienennetz zuständige Unternehmen.

    Dass an den Verspätungen jeweils Andere Schuld sind, bekommen die Briten oft zu hören, seit ihre Bahn vor zehn Jahren privatisiert worden ist. Als Fehlschlag hat sich vor allem erwiesen, dass dabei der Fahr- und der Netzbetrieb getrennt worden sind, mit katastrophalen Folgen. Die private Netzgesellschaft "Railtrack" ließ die Schienen derart verrotten, dass es zu Unfällen mit zahlreichen Todesopfern gekommen ist. Die Regierung zog die Konsequenzen. Vor drei Jahren ist das Schienennetz de facto wieder verstaatlicht worden. Mit der Wartung der Gleise ist mit der "Network Rail" nun eine Art öffentlich-rechtliche Gesellschaft betraut. Seither hat es nur noch einen größeren Unfall gegeben, und Experten bescheinigen der britischen Bahn auch, auf einem guten Weg zu sein.

    "Die Züge fahren immer pünktlicher – und die Passagiere sind Umfragen zufolge zufriedener als je zuvor",

    sagt Ian McAllister, der Vorsitzende von "Network Rail".

    "Die Zahl der Fahrgäste ist um etwa 40 Prozent gestiegen in den zurückliegenden zehn Jahren. Die britische Eisenbahn – das ist jetzt eine Erfolgsgeschichte."

    Eine Meinung, die noch nicht jeder teilt angesichts häufig überfüllter Züge und ständiger Klagen über verschmutzte Sanitäranlagen. Und Bahnfahren ist auch kompliziert geworden, weil es seit der Privatisierung auf der Insel zwei Dutzend Zuggesellschaften gibt. Das hat zu einem Tarifwirrwarr geführt, und im europäischen Vergleich sind die Zugtickets dennoch besonders teuer. Trotz der hohen Preise kostet die Bahn den britischen Steuerzahler heute gut doppelt soviel wie vor der Privatisierung. So wird in London immer wieder darüber diskutiert, ob es nicht doch besser wäre, den Schienenverkehr wieder zu verstaatlichen.

    "Die Eisenbahnen müssen wieder in die öffentliche Hand zurückgebracht werden. Eine funktionierende und sichere Bahn kann nur geschaffen werden, wenn man sie wieder verstaatlicht. Der jetzige Zustand kostet den Steuerzahler doch überflüssige Milliarden, zum Fenster hinausgeworfene Mittel","

    so Bob Crow, der Chef der Gewerkschaft der Transportarbeiter.

    ""Dieses Geld hätte in ein öffentliches Zugsystem fließen können, auf das man wirklich stolz sein könnte. Was die Leute in Großbritannien doch wirklich wollen, ist eine Wiederverstaatlichung der Bahn."

    Bestätigt sehen sich die Kritiker der Bahn jetzt auch durch die Teilprivatisierung der Londoner U-Bahn "Metronet". Die größte der für die Wartung der Gleise zuständige Privatgesellschaften hat vom städtischen Verkehrsverbund zwar umgerechnet mehr als 1,2 Milliarden Euro kassiert im vergangenen Jahr. Nach einem Streit über seine unzureichenden Leistungen hat das Konsortium gerade aber Konkurs angemeldet.