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StartseiteKultur heuteZuschauer als Akteure, Künstler als Beobachter20.06.2011

Zuschauer als Akteure, Künstler als Beobachter

Bilanz des Festivals In Transit in Berlin

Jens Hillje arbeit als freier Kurator und als solcher hat er das Festival "In Transit 2011" in Berlin betreut. Unter dem Motto "Spectator" konnten Zuschauer und Künstler Beobachter und Akteure zugleich sein.

Von Elisabeth Nehring

Eine Frau sitzt alleine im Theater. (Stock.XCHNG / infinity_)
Eine Frau sitzt alleine im Theater. (Stock.XCHNG / infinity_)

Es sind undefinierbare Objekte – weiße Rollen, die von Anstreichern stammen könnten, aber durch dünne Streben gehalten werden, phallisch aufragende Säulen, schlanke, zu Zahlen geformte Bögen – kalkweiß, prothesenrosa, gallegrün. 'Adaptives' nennt der österreichische Künstler Franz West sie, 'Passstücke'. In den siebziger Jahren als Reaktion auf den Wiener Aktionismus produziert, sollen die beweglichen, nicht zuzuordnenden Objekte aus Gips, Pappmaschee oder Metall wie Prothesen oder Gewächse an den Körper angelegt werden und, laut Franz West, Neurosen verdeutlichen. So Ähnliches passiert tatsächlich, wenn sich der bulgarische Performer Ivo Dimchev daran abarbeitet.

Dimchev berührt, probiert, besteigt und ramponiert seine Passstücke mit Komik, aber auch einer unheimlichen Intensität, die glauben macht, sie förderten seine dunkelsten Seiten zutage. Für die gilt er als Spezialist, seit er vor zehn Jahren als völlig Unbekannter in einer erschütternden Fleisch- und Blut-Performance durch den Staub der Bukarester Straßen kroch, seine Mutter um einen Beischlaf anflehte und selbst hart gesottene rumänische Straßenkinder verängstigte. Über die Jahre hat er seine konsequent aus der eigenen Person motivierte, radikale Performance-Kunst verfeinert, aber nichts von seiner unglaublichen Präsenz verloren. Jetzt, ein Jahrzehnt später, ist er im Kunstbetrieb angekommen und einer der Höhepunkte des diesjährigen In Transit-Festivals.

Unter dem Motto 'Spectator' verschiebt die Ausgabe 2011 den Fokus von dem Blick auf das 'Fremde', ursprünglich vor allem außereuropäische Produktionen auf den Zuschauer - und dessen Blick: was sieht man, weil man es weiß, was sieht man nicht, weil man es nicht kennt? In welchem (Macht-)Verhältnis steht der Zuschauer als Einzelner und soziale Gruppe zum Performer, was macht der Blick mit dem Angeschauten? Theorie-lastige Fragen als intellektueller Überbau, die allesamt zu überprüfen waren an (Gott sei Dank) überaus präsenten Performern.
Zum Beispiel der Amerikanerin Ann Liv Young, die am letzte Abend Zuschauer mit privaten Fragen bis zur Selbstentblößung attackierte. In ihrer Cherry-Show fühlt man sich bisweilen wie in einem hell ausgeleuchteten Reality-TV-Studio: Mit nerviger, aber auch faszinierender Aggression geht Ann Liv Young auf ihr Publikum los, fragt nach intimen Details und scheut sich selbst nicht, auch optisch alles preiszugeben, was sie hat. Das ist nicht nur provokativ und von offensiver Wut, sondern zeigt auch viel über die Mechanismen des Theaters wie Scham, Schüchternheit und Schutz der Dunkelheit. Wird dies alles entgrenzt – wie von Ann Liv Young beabsichtigt – erlebt man das Theater, seine Schrecken und Schönheiten am eigenen Leibe.

Überhaupt – der Leib. Der war Thema der meisten Produktionen. Körper und Sexualität – darum ging es in der vorhersehbaren, sich auf das Naheliegendste beschränkende Performance 'Libido' des Kanadiers Dave St. Pierre, der ein nacktes Paar auf der Bühne in Babyöl rutschen und sportliche Verrenkungen miteinander veranstalten ließ, als seien sie einem Hochglanzmagazin für alleinstehende Herren entstiegen. So viel und so Bekanntes – die glänzenden nackten Brüste, weit gespreizten Beine, usw. wollte man aber gar nicht unbedingt anschauen müssen. Überraschender, geradezu verwirrend wirkte dagegen die Lecture-Performance der Koreanerin Geumhyung Jeong, die mit halb geschlossenen Augen und schüchterner Stimme am Laptop sitzt und über ihre Entscheidung referiert, sich selbst mit 27 Jahren zum Hermaphroditen zu erklären. Nach und nach teilt sie sich in zwei, gar drei Personen auf, als das aber alles nicht die gewünschte Befriedigung verschafft, entdeckt sie eines Tages ihr ultimatives Objekt der Begierde – einen Bagger. Ihre Wünsche, Sehnsüchte, Lüste beziehen sich fortan auf diese Fahrzeuge – und das, was hier, wenn man es nacherzählt, so krude und vollkommen aus der Luft gegriffen klingt, erschafft als Performance eine Merkwürdigkeit, eine Befremdung, die auch nach deren Ende noch lange nachhallt.

Damit war die Vorstellung von 'Oil Pressure Vibrator' aber auch einer der Höhepunkte des Festivals, das zwar starke Darsteller, aber wenig wirklich neue Zugänge zum Verhältnis von Performer und Zuschauer bot. Sich Gefahren auszusetzen, weil man den Kopf in eine Metallschlinge und den nackten Körper in eine Ölwanne steckt und vom Publikum bearbeiten lässt, wie es der Schweizer Performance-Künstler Yann Marussich tat (und tatsächlich dabei verletzt wurde), ist genauso wenig überraschend wie das Identitäts- und Körper-Wechselspielchen, das der Hongkonger Performer Dick Wong und die deutsche Schauspielerin Judith Rosmeier veranstalteten und das eher wie das Ergebnis eines zweitägigen Workshops, als eine ernst zu nehmende Uraufführung rüber kam.

Dennoch wird In Transit 2011 als Festival in Erinnerung bleiben, bei dem viel passierte – vor allem an Gesprächen innerhalb des Publikums. Allein räumlich haben die drei Kuratoren Jens Hilje, Irina Szodruch und Tang Fu Kuen das sonst so schwierige, weil weitläufige Haus der Kulturen der Welt gut und konzentriert bespielt und so geschickt die Möglichkeit zum Austausch untereinander gegeben. Und immerhin auf diese Weise ihr Motto, den Zuschauer in den Mittelpunkt zu stellen, eingelöst.

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