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Zuviel der Ehre für die RAF

Das Gespenst der RAF beherrscht wieder die Schlagzeilen. Gewiss, es war zu erwarten gewesen, dass Brigitte Mohnhaupts Entlassung auf Bewährung und das Gnadengesuch Christian Klars öffentlich registriert werden. Auch mit Stimmen war zu rechnen, die weder Bewährung erteilen noch Gnade gewähren wollen. Mittlerweile aber erlebt die Öffentlichkeit einen leidenschaftlichen Schlagabtausch, der den Gedanken nahelegt, hier gehe es nicht nur um das Selbstverständnis der Bundesrepublik, sondern fast um deren Bestand.

Von Hans-Joachim Lenger | 20.02.2007
    Mit großem Aufwand wird da eine Vergangenheit beschworen, die offenbar keineswegs vergangen ist. Täglich kehrt sie wieder, und schrill überschlagen sich die Wortmeldungen. Doch nicht nur dies mag überraschen. Nicht weniger überraschend dürften die unbeabsichtigten Wirkungen sein, die all dies freisetzen wird. Die Bundesregierung kündigte jetzt für den kommenden Oktober eine Gedenkveranstaltung an. Doch solche Veranstaltungen werden wohl nicht nur die Opfer ehren. Unbeabsichtigt werden sie den Tätern, wenn auch rückwirkend, eine staatspolitische Bedeutung zuschreiben, die ihnen doch immer abgesprochen worden war. Gewöhnliche Kriminelle seien sie gewesen, so hieß es, eine Bande von Mördern, von Desperados, auf Mord aus und allein durch Mordtaten zusammengeschweißt. Deshalb verurteilte man sie auch als Mörder, und damit sollten sie auf ihren eigenen Begriff gebracht worden sein. Doch jetzt, im Stimmengewirr um Gedenken und Reue, um staatliche Veranstaltungen und fragliche Gnadenakte, erweist sich, wie wenig all dies geeignet war, mit dem Terrorismus der RAF abzuschließen.

    Es ist, als sei dieser Terrorismus ein Virus gewesen, der noch immer ansteckende Wirkung hat, eine Art "böser Geist", der immer neuen Exorzismen unterzogen werden muss, ohne doch jemals wirklich ausgetrieben zu werden. Ganz so, als sei die Gesellschaft der Bundesrepublik vor 30 Jahren unheilbar infiziert worden, als wäre keine Reinigung nachhaltig genug, um sie von dieser Infektion freizumachen. Und tatsächlich, darin besteht eine Art Falle, in der die öffentliche Diskussion steckt: Stets wurden die RAF und ihre Geschichte dämonisiert. Doch wie immer, wo man es mit Dämonen zu tun hat, wird man ihrer auch nie wirklich Herr. Keine Gedenkveranstaltung, keine Selbstversicherung einer festgefügten staatlichen Ordnung wird sie ein für alle Mal bannen können. Eher im Gegenteil: Je staatstragender der Gestus, mit dem das Gedenken einsetzt, desto größer die Kraft einer schwindelerregenden Herausforderung, die dem Terrorismus zugleich attestiert wird.

    Und all dies wird die Gedenkveranstaltungen begleiten wie ein Schatten, wie eine Geschichte, die weder Wort noch Name werden kann. Denn welche Bedrohung will man hier abwenden? Von den noch lebenden Mitgliedern der RAF geht reale Gefahr jedenfalls nicht mehr aus; durch jahrelange, jahrzehntelange Haft gebrochen, ringen sie, wie Christian Klar, eher nach Worten, sobald sie öffentlich sprechen. Ebenso wenig dürften sich in absehbarer Zukunft Terroristen finden, die an die Taten der RAF würden anknüpfen wollen. Das Gedenken zielt viel eher auf Fantasmen, die noch immer im öffentlichen Bewußtsein umgehen. Die Forderung nach Reuebekundungen sollen Dämonen austreiben. Aber wann wären solche Veranstaltungen jemals erfolgreich gewesen? Weit ist man noch davon entfernt, den blassen Mythos der RAF wirklich zu zerstören. Im Gegenteil: der staatstragende Ton, der jetzt angeschlagen wird, stellt ihn viel eher unfreiwillig wieder her.