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StartseiteSport am WochenendeZwei Stunden Bangen22.11.2010

Zwei Stunden Bangen

Die immer kürzere Halbwertzeit von EPO und Testosteron als neue Chance für Doping-Betrüger

Lediglich 0,3 Prozent der Dopingkontrollen führten zu positiven Tests, rund 150 Mal müsse ein Athlet kontrolliert werden, um ihn einmal des Dopings zu überführen, kritisiert der Mainzer Mediziner Professor Perikles Simon. Jetzt hat er massive Rückendeckung durch den Lübecker EPO-Experten Horst Pagel bekommen.

Von Ralf Meutgens

Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)
Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)

Seit Jahren weist der Lübecker Epo-Experte Professor Horst Pagel auf Lücken beim Nachweis von Epo und bei der Weiterentwicklung des Blutmedikamentes hin. Nach dem Auslauf des Patentschutzes für Epo im Jahre 2004 seien heute geschätzte 140 Nachahmerpräparate, so genannte Biosimilars, verfügbar. Durch geschicktes Mischen dieser Präparate im Niedrigdosis-Bereich seien die derzeit akkreditierten Epo-Nachweisverfahren leicht zu unterlaufen.

Hinzu kämen Weiterentwicklungen mit völlig anderen Wirkmechanismen, die ebenso bis dato von der Dopinganalytik nicht erfasst werden können. Die Situation werde dadurch erschwert, dass auf dem Schwarzmarkt Präparate erhältlich seien, deren Herkunft nicht ohne weiteres zu klären ist.

Aber auch Doping mit anderen Medikamenten sei derzeit relativ einfach und sicher. Wer mit Wachstumshormon auffällig wird, ist nach Pagels Meinung mehr als ungeschickt. Das Zeitfenster für einen Nachweis betrage etwa 24 Stunden. Zudem gebe es aktuelle medizinische Entwicklungen von so genannten Relinen, die für eine natürliche Freisetzung des körpereigenen Wachstumshormons sorgen. Im Gegensatz zu Epo-Präparaten sieht Pagel für eine derartige Forschung keine medizinische Notwendigkeit.

Doch auch Testosteron-Doping ist nach Pagels Ansicht so gut wie nicht mehr zu entdecken. Das Verhältnis von Testosteron zu Epi-Testosteron, der so genannte T/E-Quotient, der als Indikator gilt, werde durch die neuen Dopingmethoden nicht mehr gravierend beeinflusst. Früher wurde Testosteron gespritzt, heute über Pflaster, Gels oder Sprays aufgenommen. Diese Mikrodosierungen, die auch vom Epo-Missbrauch bekannt sind, seien durch Kontrollen fast nicht mehr zu entdecken. Dazu komme die relativ kurze biologische Halbwertzeit von Testosteron. Sie betrage nur knapp zwei Stunden.

Ein neues Nachweisverfahren von Bochumer Endokrinologen könnte Abhilfe schaffen. Wenn dem Körper von Außen Testosteron zugeführt wird, regelt er die körpereigene Produktion herunter. Die dadurch auftretenden Parameter sind bekannt und messbar. Länger messbar als bei der klassischen Methode über den T/E-Quotienten. Gespannt darf man auf die Reaktion der Welt-Anti-Doping-Agentur, kurz WADA, sein. Pagel ist diesbezüglich eher skeptisch. Es käme einem Eingeständnis gleich, dass derzeit Nachweisverfahren nicht möglich oder nur unzulänglich möglich sind.

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