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Glaziologie. - Die gewaltigen Bergmassive rund um das Tibetische Hochplateau enthalten mehr Eis und Schnee als jede andere Weltregion außerhalb der Polargebiete. Deshalb wird dieses Gebiet oft auch als dritter Pol bezeichnet. Anders aber als in der abgelegenen Arktis und Antarktis, speisen die Gletscher dieser Region die Trinkwasservorräte von 1,4 Milliarden Menschen. Dementsprechend nervös untersuchen Forscher weltweit die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher des Himalaya.

Von Monika Seynsche | 13.09.2013

Von den Gipfeln des Nyainqêntanglha schieben sich gewaltige Gletscherzungen in die Täler des Transhimalaya. 7162 Meter ist der Berg hoch, den die Tibeter den Großen Nyain, den Gott der Himmelsebenen nennen. Shichang Kang hat ihn bestiegen - und er hat Löcher in sein Eis gebohrt. Der Forscher der chinesischen Akademie der Wissenschaften war auf der Suche nach Spuren der Atombombentests der 1950er-Jahre. Überall auf der Welt wurden damals große Mengen des Wasserstoffisotops Tritium in die Atmosphäre eingebracht. Sie legten sich auf die Gletscher und wurden in den folgenden Jahrzehnten unter immer neuen Schneemassen immer tiefer begraben.

"Interessanterweise aber finden wir dieses Tritium nicht in unseren Eisbohrkernen. Wir sind gerade dabei die Analysen fertigzustellen, und können nur die Hintergrundstrahlung sehen, aber keinen plötzlichen Anstieg des Tritiumgehalts, wie er von den Atombombentests zu erwarten wäre."

Gletscher ähneln einem natürlichen Archiv. Zuoberst liegt der neueste Schnee und je tiefer man ins Eis hineinbohrt, desto weiter geht man in der Zeit zurück. Wenn Schnee schmilzt, dann zuerst der jüngste. Ein Eisbohrkern, der kein Tritiumsignal enthält, deutet also darauf hin, dass hier schon das gesamte Eis der vergangenen 60 Jahre verschwunden ist. Die Ergebnisse der chinesischen Wissenschaftler bestätigen Untersuchungen amerikanischer Forscher, die weiter westlich im Himalaya in den Gletschern des Naimona'nyi ebenfalls keinen Tritium-Peak mehr finden konnten. Kang:

"Wir haben dann noch Eisbohrkerne an einem dritten Gletscher weiter nördlich auf dem Tibetischen Hochplateau gezogen. In einer Region, in der es noch deutlich kälter ist, als am Nyainqêntanglha und am Naimona'nyi. Hier finden wir das Tritium-Signal zwar, aber es liegt in nur fünf Meter Tiefe. Wir hätten erwartet, dass es 20 bis 30 Meter tief ist, denn seit den Atombombentests ist viel Zeit vergangen und jedes Jahr lagert sich etwa ein halber Meter Eis auf den Gletschern ab."

Einen zunehmenden Rückzug der Eismassen im Himalaya und auf dem Tibetischen Hochland beobachten Forscher schon länger. Meist aber wird dabei die räumliche Ausbreitung der Gletscher oder die Länge der Gletscherzunge untersucht, die bis in tiefe, wärmere Regionen reicht und daher leicht schmilzt. Shichang Kang aber hat seine Eisbohrkerne weit oben auf den Gletschern, in der so genannten Akkumulationszone gezogen. Dort also, wo jedes Jahr mehr Eis hinzukommt, als verloren geht. Normalerweise. Seine Ergebnisse zeigen, dass die Gletscher des Himalaya selbst dort schwinden, wo sie eigentlich wachsen sollten. Während sie sich hier stark und auf dem Tibetischen Hochplateau leicht zurückziehen, finden die Forscher gleichzeitig nordwestlich des Himalaya im angrenzenden Karakorum-Gebirge Gletscher, die wachsen. Warum sich die Gletscher dieser einen Weltregion so unterschiedlich verhalten, wollte Elisa Palazzi herausfinden. Sie und ihre Kollegen vom Institut für Atmosphärenwissenschaften und Klima im italienischen Turin nutzten dafür Niederschlagsmessungen, Satellitendaten sowie Computermodelle.

"Unsere Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass der Sommerniederschlag im Himalaya in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen hat, als Folge eines schwächeren Monsuns. Im Karakorum dagegen deuten unsere Daten auf einen Anstieg der Niederschläge hin, besonders im Winter. Gleichzeitig sind die Sommertemperaturen in dieser Region gefallen. Diese beiden Elemente, niedrigere Temperaturen im Sommer und mehr Niederschlag im Winter könnten erklären, warum einige Gletscher im Karakorum zurzeit wachsen."

Um verlässliche Aussagen über die Zukunft der Gletscher auf dem Dach der Welt zu treffen, fehlen noch zu viele Daten aus der unzugänglichen Heimstatt der Götter.