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StartseiteSprechstundeZweiklassenmedizin macht krank10.08.2004

Zweiklassenmedizin macht krank

Die Universität Pisa stellt dem Italienischen Gesundheitssystem schlechte Noten aus

<strong>Praxisgebühr, Medikamentenzuzahlung, höhere Beteiligungen an den Kosten für Zahnersatz. Seit der Gesundheitsreform sind die finanziellen Belastungen für Patienten hierzulande deutlich gestiegen. In Italien müssen Patienten seit Jahren schon tief in die eigene Tasche greifen, wenn Ihnen ihre Gesundheit lieb ist. Denn dort ist die medizinische Versorgung zweigeteilt: es gibt ein schlecht funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem und ein gutes aber teures privates. Die Folgen haben Forscher der Universität Turin jetzt untersucht. Die Zwei-Klassen-Medizin fördert das Fortschreiten von Krankheiten - anstatt es zu bekämpfen - so die Diagnose der Forscher. </strong>

Von Thomas Migge

Soziale Kälte in Italien (AP)
Soziale Kälte in Italien (AP)

Anna Maria Catillina, 55 Jahre, hatte Schmerzen im rechten Knie. Die Römerin suchte ihren "Medico di base", einen Kassenarzt auf. Italiens Kassenärzte verfügen in ihren Praxen über keine Diagnosegeräte. Sie können nur weiter verweisen - zu Fachärzten oder aber zu einem "Laboratorio", wie man staatliche und private Untersuchungszentren nennt. Anna Maria hatte also die Wahl: entweder ließ sie ihr Knie in einer öffentlichen Struktur röntgen - in einem Krankenhaus - oder aber in einem privaten "Laboratorio". Sie fragte erst gar nicht in einem Krankenhaus für einen Termin nach - sie wusste, dass man sie dort frühestens in einigen Wochen untersuchen würde. Eine für Italiener ganz normale Entscheidung, meint die Gesundheitsexpertin und Soziologin Carla Collicelli:

Wir sind es seit langer Zeit gewöhnt uns für private Untersuchungszentren zu entscheiden. Die kosten uns zwar viel Geld, aber die Untersuchungen werden schnell durchgeführt. In Italien muss derjenige, der staatliche Strukturen in Anspruch nimmt, um eine Krankheit zu diagnostizieren, lange warten. Unsere Medien klagen das ständig an.

Wer in Italien krank wird und wenig Geld hat muss warten. Jedes Jahr geben Sozialforschungsinstitute Tabellen heraus, in denen nachzulesen ist, wie lange die Italiener durchschnittlich warten müssen, wenn sie sich in einer staatlichen Gesundheitseinrichtung untersuchen lassen wollen. 2003 musste man in Rom rund drei Monaten warten, um eine Bauchspiegelung zu erhalten. Frauen mit Verdacht auf Brustkrebs erhielten erst nach acht Monaten einen Untersuchungstermin. Acht lange Monate, um Gewissheit zu erhalten.

Die soziologische Fakultät der Universität Turin hat nun zum ersten Mal überhaupt untersucht, inwiefern sich das dualistische Gesundheitssystems Italiens - scharf getrennt in privat und staatlich, wobei staatlich für ineffizient steht - auf die Gesundheit der Italiener auswirkt. Dabei konnten die Soziologen nachweisen, dass eine direkte Beziehung zwischen langen Wartezeiten und einer Erkrankung besteht. Eine Beziehung, die vor allem in den unteren Gehaltsklassen ermittelt wurde - bei jenen, die nicht die Hilfe privater und selbst zu bezahlender Untersuchungszentren in Anspruch nehmen können. Carlo Collicelli:

Wenn man sich diese Realität anschaut wird deutlich, dass bei uns in Italien das Gesundheitssystem Minderbemittelte nicht vor Krankheiten bewahrt, sondern diese fördert. Wer kein Geld hat muss warten und wird während dieser Wartezeit krank. Das führt zu erheblichen Kosten für das Gesundheitssystem. Für das staatliche natürlich, denn diese Bürger werden, wenn sich ihr Gesundheitszustand verschlimmert, in staatliche Krankenhäuser eingewiesen. Für private Einrichtungen haben sie kein Geld.

Einer vorsichtigen Hochrechnung der Soziologen aus Turin zufolge kosten zu spät erkannte Krankheiten infolge langer Wartezeiten für Untersuchungen das italienische Gesundheitssystem jährlich rund 250 Millionen Euro. Geld, das eingespart werden könnte, wenn der Dualismus in privat gleich schnell und staatlich gleich langsam überwunden wird. Ein Dualismus, der in Italien seit den 50er Jahren besteht. Seit christdemokratische Regierungen die Einrichtung privater Gesundheitseinrichtungen genehmigten. Anstatt das staatliche System zu verbessern und auszubauen, so die Kritik der Soziologin Carla Collicelli, werden bis heute private Einrichtungen mit staatlichen Investitionsbeihilfen gefördert:

Unsere Gesundheitspolitik fördert das soziale Gefälle und niemand begehrt dagegen auf. Auch nicht unsere linken Parteien. Über die Früherkennung von Krankheiten entscheidet in Italien nur der Geldbeutel. Ein Beispiel: findet ein 55-jähriger Mann Blut im Stuhlgang und rät ihm sein Hausarzt zu einer Endoskopie und wendet sich der Patient an eine staatliche Einrichtung muss er durchschnittlich fünf Monate auf eine Endoskopie warten. Fünf verlorene Monate im Kampf gegen ein mögliches Krebsgeschwulst.

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