Der Sohn eines Schreibwarenhändlers beginnt 1923 in Straßburg das Studium der Philosophie. Zunächst bei Henri Bergson. In Freiburg, während der Jahre 1928/29, hört er Edmund Husserl sowie Martin Heidegger. Da seine erste Sprache russisch, seine zweite deutsch ist, muss er sich das Französische aneignen. Die Mehrsprachigkeit designiert ihn zum Wegbereiter Husserls in Frankreich, denn er wird 1930 dessen Cartesianische Meditationen ins Französische übersetzen.
Levinas‘ Freundschaft mit Maurice Blanchot besteht seit 1926, als dieser in Straßburg Philosophie und Germanistik studiert. Ideologisch gehen beide jedoch ab 1931 getrennte Wege: denn Blanchot veröffentlicht neben Literaturkritiken auch Polemiken in der Presse der extremen Rechten.
Mit einer Dissertation über Husserls Phänomenologie promoviert, läßt sich Levinas in Paris nieder und arbeitet als Studienleiter an der ENIO (École Normale Israélite Orientale) – einer Ausbildungseinrichtung für künftige jüdische Lehrer. Der Studienrat erkämpft sich die französische Staatsbürgerschaft, ehelicht seine litauische Jugendliebe, Raissa, leistet seine Wehrpflicht als Russischdolmetscher ab. Darauf zählt auch er zum illustren Kreis jener, die Alexandre Kojèves Hegel-Vorlesungen besuchen, die bis zum Kriegsbeginn währen.
Während der deutschen Besetzung Frankreichs gewährt Blanchot Levinas‘ Frau und Tochter 14 Tage lang Unterschlupf in seiner eigenen Wohnung. Fügen wir hinzu, dass es Blanchot selbst nur einer Laune des Schicksals verdankt, nicht kurz vor Kriegsende erschossen zu werden.
Über die Jahre zwischen 1940 und 1945 wird Levinas beharrlich schweigen. Denn er wird als Kriegsgefangener im Stammlager Fallingbostel bei Hannover interniert. Er muß dort als Holzfäller Zwangsarbeit leisten, bei einer in der Regel zwölfstündigen Arbeitszeit. Gleichwohl versucht er, religiöse Bräuche beizubehalten und schreibt Teile seines Buchs Vom Sein zum Seienden. Nach der Befreiung im Jahre ’45 wird Levinas abermals mit dem Entsetzen konfrontiert, als er erfahren muß, dass die Nazis seine gesamte Familie in Litauen ausgelöscht haben. Auch hierzu wird er sich nicht explizit äußern, aber bestimmte Verhaltenseigentümlichkeiten dürften Spuren der beiden kardinalen traumatischen Erlebnisse sein: So ängstigt ihn beispielsweise das Schreiben, er quält sich zum Text, arbeitet chaotisch. Telefonate versetzen ihn in Unruhe. Als Redner ist er mit dem Handikap einer schwachen Stimme, schlechter Artikulation und einem Akzent mit russischen, deutschen, hebräischen Anklängen geschlagen. Und Vorträge oder Vorlesungen werden ihm nur möglich sein, wenn seine Frau unter den Zuhörern sitzt. Als Konsequenz der großen Demütigung und Verletzung wird er niemals mehr deutschen Boden betreten, ja es sogar vermeiden, durch Deutschland zu reisen.
1946 kehrt Levinas zur ENIO zurück, an der in wechselnder Funktion, mal als Schulleiter, mal als Philosophielehrer, praktisch bis 1979 wirkt. Die Schilderung dieser Zeit gelingt Malka am farbigsten, da der Journalist ein ehemaliger Schüler an diesem Lehrerseminar war.
Auf Einladung Jean Wahls besucht Levinas dessen Collège philosophique, ein wöchentliches Forum für Philosophen, Schriftsteller und Künstler. Außerdem die Freitags-Soiréen beim christlichen Philosophen Gabriel Marcel. Obgleich er praktizierender Jude ist, vertieft er sich erst nach 1947 in Talmud-Studien. Sein persönlicher Lehrer nennt sich Schuschani – das Pseudonym eines nicht seßhaften Universalgelehrten. In diesen 50er Jahren reift Levinas‘ Hauptwerk, Totalität und Unendlichkeit, heran, mit dem er schließlich 1961 habilitiert wird. Diese sehr späte universitäre Laufbahn – mit den Stationen Poitiers, Nanterre, Paris – gehört ebenso zu den Paradoxien dieser Vita wie die Bewunderung Karol Woitylas, des künftigen Johannes Paul II., für den Philosophen. Deshalb zählt Levinas zu den Geladenen der römischen Castelli-Tagungen, wo er im Laufe der Jahre zehn Vorträge hält.
Leider verzichtet Malka auf eine Analyse des seltsam begrenzten Wirkungskreises des Philosophen: Paris – Leuwen – Chicago. Zögerlich folgt Deutschland, nach der Verleihung des Karl-Jaspers-Preises der Universität Heidelberg, 1983, mit der Übersetzung seiner Schriften. Die Rezeption in Israel tendiert bis zu Levinas' Tod gegen Null.
In seiner konfessionellen Vorurteilslosigkeit setzt Levinas das Erbe Franz Rosenzweigs fort, und gewiß verdankt sich sein Denkansatz einiges der Philosophie des Ich-und-Du Martin Bubers, mit dem er auch korrespondierte. Doch in seinem "Essay über die Äußerlichkeit", der Untertitel von Totalität und Unendlichkeit, führt Levinas den Begriff des "Anderen" ein, der mehr ist als eine bloße Bestätigung der Auffassung vom Menschen als eines dialogischen Wesens, das kommunizieren muß. Gemäß seiner Definition bleibt der Andere im Verhältnis zu mir radikale Äußerlichkeit, weil er unter anderem Gott näher ist als ich selbst. Und wenn jedes Gespräch Zwiesprache mit Gott ist, nicht ein Dialog unter Gleichen, bleibt mir der Andere definitiv unzugänglich. Der Denker sensibilisiert für die Tatsache, dass jedes Auge-in-Auge-Gespräch nur unter der Voraussetzung unblutig ausgeht, dass das biblische Tötungsverbot beachtet wird. Denn der sich mir im Gespräch öffnende Andere liefert sich potentiell meiner Macht aus. Der Anblick von Gesicht und Augen müßten ausreichen, um zum genuin menschlichen Gewaltverzicht zu führen. Im Umkehrschluß erläutert das Beispiel, warum vorzugsweise der Andere mit verbundenen Augen hingerichtet wird.-
Insofern unterscheidet sich Levinas‘ Moralphilosophie deutlich von der Rede Heideggers vom "Nebenmenschen". Mehr noch, er warf dem von ihm niemals geschmähten Meisterdenker ein Philosophieren ohne Ethik, einen fundamentalen Amoralismus vor. Zumindest verwundert er sich darüber, wie "Denker zu der Annahme gelangen könnten, der Ursprung der Metaphysik könne das Erstaunen darüber sein, dass etwas sei, anstatt, dass nichts sei. Dann fügte er hinzu", so Malka, "dass die Tatsache, dass auf einer so grausamen Welt wie der unseren etwas wie das Wunder der Güte erscheinen konnte, zu unendlich mehr Erstaunen Anlaß gebe".
In seinen Meditationen über den Anderen bei Levinas schlußfolgert Blanchot in seinem Werk Das unendliche Gespräch: "die erste Philosophie ist nicht die Ontologie, (...) die Seins-Frage (...), sondern die Ethik, die Verpflichtung gegenüber den anderen." Levinas verwerfe eine Philosophie, welche die Gerechtigkeit der Wahrheit unterordne.
Salomon Malka zitiert den Meister in einem wesentlichen Punkt, der dessen Selbstverständnis des Philosophierens ins rechte Licht rückt: zur Liebe zur Wahrheit müsse die "Weisheit der Liebe" hinzukommen.
Salomon Malka
Emmanuel Lévinas. Eine Biographie
Verlag C.H.Beck, 314 S., EUR 29,90
Levinas‘ Freundschaft mit Maurice Blanchot besteht seit 1926, als dieser in Straßburg Philosophie und Germanistik studiert. Ideologisch gehen beide jedoch ab 1931 getrennte Wege: denn Blanchot veröffentlicht neben Literaturkritiken auch Polemiken in der Presse der extremen Rechten.
Mit einer Dissertation über Husserls Phänomenologie promoviert, läßt sich Levinas in Paris nieder und arbeitet als Studienleiter an der ENIO (École Normale Israélite Orientale) – einer Ausbildungseinrichtung für künftige jüdische Lehrer. Der Studienrat erkämpft sich die französische Staatsbürgerschaft, ehelicht seine litauische Jugendliebe, Raissa, leistet seine Wehrpflicht als Russischdolmetscher ab. Darauf zählt auch er zum illustren Kreis jener, die Alexandre Kojèves Hegel-Vorlesungen besuchen, die bis zum Kriegsbeginn währen.
Während der deutschen Besetzung Frankreichs gewährt Blanchot Levinas‘ Frau und Tochter 14 Tage lang Unterschlupf in seiner eigenen Wohnung. Fügen wir hinzu, dass es Blanchot selbst nur einer Laune des Schicksals verdankt, nicht kurz vor Kriegsende erschossen zu werden.
Über die Jahre zwischen 1940 und 1945 wird Levinas beharrlich schweigen. Denn er wird als Kriegsgefangener im Stammlager Fallingbostel bei Hannover interniert. Er muß dort als Holzfäller Zwangsarbeit leisten, bei einer in der Regel zwölfstündigen Arbeitszeit. Gleichwohl versucht er, religiöse Bräuche beizubehalten und schreibt Teile seines Buchs Vom Sein zum Seienden. Nach der Befreiung im Jahre ’45 wird Levinas abermals mit dem Entsetzen konfrontiert, als er erfahren muß, dass die Nazis seine gesamte Familie in Litauen ausgelöscht haben. Auch hierzu wird er sich nicht explizit äußern, aber bestimmte Verhaltenseigentümlichkeiten dürften Spuren der beiden kardinalen traumatischen Erlebnisse sein: So ängstigt ihn beispielsweise das Schreiben, er quält sich zum Text, arbeitet chaotisch. Telefonate versetzen ihn in Unruhe. Als Redner ist er mit dem Handikap einer schwachen Stimme, schlechter Artikulation und einem Akzent mit russischen, deutschen, hebräischen Anklängen geschlagen. Und Vorträge oder Vorlesungen werden ihm nur möglich sein, wenn seine Frau unter den Zuhörern sitzt. Als Konsequenz der großen Demütigung und Verletzung wird er niemals mehr deutschen Boden betreten, ja es sogar vermeiden, durch Deutschland zu reisen.
1946 kehrt Levinas zur ENIO zurück, an der in wechselnder Funktion, mal als Schulleiter, mal als Philosophielehrer, praktisch bis 1979 wirkt. Die Schilderung dieser Zeit gelingt Malka am farbigsten, da der Journalist ein ehemaliger Schüler an diesem Lehrerseminar war.
Auf Einladung Jean Wahls besucht Levinas dessen Collège philosophique, ein wöchentliches Forum für Philosophen, Schriftsteller und Künstler. Außerdem die Freitags-Soiréen beim christlichen Philosophen Gabriel Marcel. Obgleich er praktizierender Jude ist, vertieft er sich erst nach 1947 in Talmud-Studien. Sein persönlicher Lehrer nennt sich Schuschani – das Pseudonym eines nicht seßhaften Universalgelehrten. In diesen 50er Jahren reift Levinas‘ Hauptwerk, Totalität und Unendlichkeit, heran, mit dem er schließlich 1961 habilitiert wird. Diese sehr späte universitäre Laufbahn – mit den Stationen Poitiers, Nanterre, Paris – gehört ebenso zu den Paradoxien dieser Vita wie die Bewunderung Karol Woitylas, des künftigen Johannes Paul II., für den Philosophen. Deshalb zählt Levinas zu den Geladenen der römischen Castelli-Tagungen, wo er im Laufe der Jahre zehn Vorträge hält.
Leider verzichtet Malka auf eine Analyse des seltsam begrenzten Wirkungskreises des Philosophen: Paris – Leuwen – Chicago. Zögerlich folgt Deutschland, nach der Verleihung des Karl-Jaspers-Preises der Universität Heidelberg, 1983, mit der Übersetzung seiner Schriften. Die Rezeption in Israel tendiert bis zu Levinas' Tod gegen Null.
In seiner konfessionellen Vorurteilslosigkeit setzt Levinas das Erbe Franz Rosenzweigs fort, und gewiß verdankt sich sein Denkansatz einiges der Philosophie des Ich-und-Du Martin Bubers, mit dem er auch korrespondierte. Doch in seinem "Essay über die Äußerlichkeit", der Untertitel von Totalität und Unendlichkeit, führt Levinas den Begriff des "Anderen" ein, der mehr ist als eine bloße Bestätigung der Auffassung vom Menschen als eines dialogischen Wesens, das kommunizieren muß. Gemäß seiner Definition bleibt der Andere im Verhältnis zu mir radikale Äußerlichkeit, weil er unter anderem Gott näher ist als ich selbst. Und wenn jedes Gespräch Zwiesprache mit Gott ist, nicht ein Dialog unter Gleichen, bleibt mir der Andere definitiv unzugänglich. Der Denker sensibilisiert für die Tatsache, dass jedes Auge-in-Auge-Gespräch nur unter der Voraussetzung unblutig ausgeht, dass das biblische Tötungsverbot beachtet wird. Denn der sich mir im Gespräch öffnende Andere liefert sich potentiell meiner Macht aus. Der Anblick von Gesicht und Augen müßten ausreichen, um zum genuin menschlichen Gewaltverzicht zu führen. Im Umkehrschluß erläutert das Beispiel, warum vorzugsweise der Andere mit verbundenen Augen hingerichtet wird.-
Insofern unterscheidet sich Levinas‘ Moralphilosophie deutlich von der Rede Heideggers vom "Nebenmenschen". Mehr noch, er warf dem von ihm niemals geschmähten Meisterdenker ein Philosophieren ohne Ethik, einen fundamentalen Amoralismus vor. Zumindest verwundert er sich darüber, wie "Denker zu der Annahme gelangen könnten, der Ursprung der Metaphysik könne das Erstaunen darüber sein, dass etwas sei, anstatt, dass nichts sei. Dann fügte er hinzu", so Malka, "dass die Tatsache, dass auf einer so grausamen Welt wie der unseren etwas wie das Wunder der Güte erscheinen konnte, zu unendlich mehr Erstaunen Anlaß gebe".
In seinen Meditationen über den Anderen bei Levinas schlußfolgert Blanchot in seinem Werk Das unendliche Gespräch: "die erste Philosophie ist nicht die Ontologie, (...) die Seins-Frage (...), sondern die Ethik, die Verpflichtung gegenüber den anderen." Levinas verwerfe eine Philosophie, welche die Gerechtigkeit der Wahrheit unterordne.
Salomon Malka zitiert den Meister in einem wesentlichen Punkt, der dessen Selbstverständnis des Philosophierens ins rechte Licht rückt: zur Liebe zur Wahrheit müsse die "Weisheit der Liebe" hinzukommen.
Salomon Malka
Emmanuel Lévinas. Eine Biographie
Verlag C.H.Beck, 314 S., EUR 29,90