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StartseiteCampus & KarriereZwischen Lehre und Burschenschaft25.01.2013

Zwischen Lehre und Burschenschaft

Diskussion um die mögliche Berufung eines Professors an der TU Berlin

An der TU Berlin wollen Studentenvertreter verhindern, dass ein mutmaßlich rechter Burschenschaftler zum Physikprofessor berufen wird. Professor Kienberger beteuert, nur lehren zu wollen, nicht über Politik zu diskutieren. Der Asta zweifelt jedoch, dass politischer Haltung und Lehrtätigkeit sich trennen lassen.

Von Anja Nehls

Burschenschaftler aus Deutschland und Österreich beim  Deutschen Burschentag 2011 (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Burschenschaftler aus Deutschland und Österreich beim Deutschen Burschentag 2011 (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Es ging um Hochzeitauflösung, um Atomsekundenphysik, um Zeiträume, die kürzer als Milliardstel Bruchteile einer Sekunde sind. Erst gestern hatte Professor Reinhard Kienberger als Bewerber auf eine Physikprofessur an der TU Berlin eine Lehrprobe gegeben und einen wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Seine Qualifikation als Wissenschaftler ist unbestritten - seine politische Überzeugung allerdings wird derzeit heiß diskutiert. Christian Meyer vom Asta hatte die Vergangenheit des Professors recherchiert:

"Die Kritik daran ist, dass Professor Kienberger Mitglied einer extrem rechten Burschenschaft aus Österreich ist, der sich offen als deutsch-national bezeichnet und er bildet wirklich den rechten Rad des Spektrums ab und wir finden so jemand hat an der TU Berlin nichts verloren."

Gleich im Anschluss an die Lehrprobe hatten Studenten Professor Kienberger Fragen nach seinen politischen Überzeugungen gestellt. Höflich und direkt und genauso gab es Antworten- höflich und direkt. Dabei darf eine politische Überzeugung bei der Besetzung einer Stelle eigentlich keine Rolle spielen, sagt Professor Dr. Christian Thomsen, der Dekan der Fachbereiche Mathematik und Naturwissenschaften:

"Also, er wird ausgesucht primär nach seinen wissenschaftlichen Leistungen und seine Qualifikationen in der Lehre. Er muss sich eignen als Hochschullehrer. Inwieweit persönliche politische Neigungen in diese Eignung hineinspielen, ist sehr unscharf nur abzugrenzen. Es ist sicher richtig, dass wenn die persönliche Meinung im extremistischen Sinne oder staatsfeindlichen Sinne wäre, dann würde sich die Person offensichtlich nicht eignen. Nach meiner persönlichen Einschätzung handelt es sich hier um eine Grauzone, wo ich in der kurzen Zeit in der ich in dem Vortrag war, schwer abschätzen kann, ob es sich links oder rechts von der Grauzone befindet."

Die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft bestreitet Reinhard Kienberger nicht. Als rechtsradikal will er sich aber nicht bezeichnen lassen:

"Den Vorwurf des Rechtsextremismus finde ich nicht nur sehr empörend, sondern er überrascht mich auch. Ich bin entschiedener Demokrat und Verfechter eines Meinungspluralismus. Ich sehe mich in der Tradition der national-liberalen Bewegung des angehenden 19. Jahrhunderts, wo man beispielsweise beim Wartburgfest gegen einen totalitären Staat aufgetreten ist und Rechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Gedankenfreiheit eingefordert hat."

Zu Zeit lehrt Reinhard Kienberger an der TU München. An der TU Berlin wolle er sich mit Physik beschäftigen und nicht mit Politik:

"Weil die Universität, der akademische Boden für mich kein Ort ist, um Politik zu machen. Ich bin Wissenschaftler und möchte forschen und lehren. Privat bin ich natürlich gerne bereit politische Diskussionen zu führen."

Dass die Trennung von politischen Einstellungen und die Tätigkeit als Professor problemlos möglich ist, bestreitet der Asta. Die eher links orientierten Studentenvertreter wollen die Berufung von Professor Reinhard Kienberger an die Technische Universität verhindern:

"Weil Professoren zum Beispiel auch über akademische Gremien sich an der Hochschule politisch betätigen können, zumindest theoretisch. Und zudem widersprich einfach die Mitgliedschaft in der schlagenden Burschenschaft, die sich als reiner Männerbund versteht und in der Frauen als minderwertig angesehen werden dem Leitbild der TU als offene Universität, die sich auch an Gleichstellung orientiert."

Ungefähr ein Dutzend Kandidaten hatten sich auf die Professur in Berlin beworben. Die Berufungskommission und alle nachfolgenden Gremien müssen dann nach vielen Kriterien auswählen. Die Berliner Wissenschaftssenatorin trifft dann mit der Ernennung die letzte Entscheidung. Damit wird allerdings erst im Juni gerechnet.

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