Archiv


Zwischen Romantik und Moderne

Die Royal Acadamy in London widmet dem Maler John William Waterhouse eine Gedenkschau. In seinen Bildern, darunter "Die Lady von Shalott” oder "Das Martyrium der Heiligen Eulalia”, stellt der 1849 geborene Künstler Frauenfiguren perspektivisch verkürzt da.

Von Hans Pietsch |
    Leblos liegt das junge Mädchen auf dem Boden. Ihr Oberkörper nackt, die Gliedmaßen ausgestreckt, das lange Haar zerfließt wie eine Blutlache. Tauben umgeben sie, im Hintergrund die Säulen eines römischen Hauses, ein Soldat und eine kniende Frau.

    "Das Martyrium der Heiligen Eulalia” gehört zu einer Serie von großformatigen Gemälden mit Szenen aus der griechischen, römischen und frühchristlichen Geschichte, die John William Waterhouse in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts in Londons Royal Academy ausstellte. Themen, die dem damaligen Publikum nicht ohne weiteres geläufig waren, deren theatralisch überhöhte Darstellung jedoch ihren Erfolg sicherstellte. Waterhouse zeigt den Körper der zwölfjährigen spanischen Märtyrerin, die beim römischen Statthalter in Merida gegen die Verfolgung der Christen protestiert hatte, in extremer perspektivischer Verkürzung. Der dramatische Kunstgriff unterstreicht den Horror der Szene. Die Tauben erinnern an die Legende, dass Eulalias Seele als Taube in den Himmel flog.

    Waterhouse ist eng mit der Royal Academy verbunden: seine Eltern, beide Künstler, lernten sich wohl dort kennen; er selbst, geboren in Rom, studierte an der Akademie und stellte von 1874 bis zu seinem Tod 1917 fast jedes Jahr in der großen Sommerausstellung aus. Der Erfolg kam schnell: Schon zwei Jahre nach seinem Debüt, 1876, wurde sein Gemälde "Nach dem Tanz” – drei pubertäre Mädchen ruhen sich, hingegossen, nach getaner Arbeit aus – im größten Ausstellungsraum "on the line” gehängt, also auf Augenhöhe, sodass es für den Besucher gut zu sehen war – eine Ehre, die nur etablierten Künstlern zuteil wurde. Und unter normalen Umständen hätte ihm die Akademie nach seinem Tod eine große Gedenkschau ausgerichtet, doch der Erste Weltkrieg kam dazwischen. Mit der jetzigen Retrospektive holt die Akademie in gewisser Weise das ihr aufgezwungene Versäumnis nach.

    Waterhouse wurde 1849 geboren, in dem Jahr, in dem die Bruderschaft der Prä-Raffaeliten ihr künstlerisches Manifest veröffentlichte: zurück in die Zeit vor der Renaissance, zurück zu mittelalterlichen Legenden. Waterhouse folgte der Bruderschaft bis zu einem gewissen Grad, auch ihrer Vorstellung von der idealen Frau, als verletzbare Ophelia, heitere Heilige Cecilie oder verstörte Lady von Shalott. Doch als "moderner Prä-Raffaelit”, so der Untertitel der Schau, strebte er eine Vereinigung von romantischer Sehnsucht und moderner Malweise an.

    Kürzlich aufgefundene Briefe beweisen, was schon immer vermutet wurde: dass er sich mehrmals in Paris aufhielt, wo er Maltechnik und Palette der französischen Naturalisten studierte. Eher dunkle, fast düstere Farbtöne und mit einem viereckigen Pinsel mit schnellen Strichen aufgetragene Farbflächen. Sein vielleicht berühmtestes Gemälde, "Die Lady von Shalott” von 1888, ist in diesem Stil gemalt. Die traurige junge Frau im weißen Kleid und in einem Boot sitzend, die die Welt nur als Spiegelbild sehen kann, gehört seit dem späten 19. Jahrhundert der Tate Gallery, wo sie die am meisten verkaufte Postkarte ist. Seine rapide Arbeitsweise wird auch deutlich durch das Craquelée auf der Bildoberfläche, haarfeine Risse in den Farbschichten, die dadurch entstanden, dass er nicht wartete, bis eine Schicht trocken war, ehe er die nächste auftrug.

    Nach beinahe 40 schönen Frauen: hilflose junge Dame und Zauberin, Wahrsagerin und Rächerin, verführerisch und Furcht einflößend, in wallenden Gewändern und nackt - nach beinahe 40 Waterhouse-Frauen mit offenen Mündern fühlt man sich fast wie erschlagen. Zuviel des Guten, aber schön. Wie der englische Kunstkritiker Christopher Wood schrieb: ”Waterhouse mag in seinem Repertoire nur ein Lied gehabt haben, doch dieses sang er wunderschön.”

    Royal Academy London, bis 13. September 2009. Internet: www.royalacademy.org.uk