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Zwischen skandinavischer Kühle und dem großen Gefühl

Ziemlich genau ein Jahr vor dem 100. Todestag des norwegischen Komponisten Edvard Grieg ist beim britischen Label Hyperion eine Neuaufnahme seiner drei Violinsonaten mit den israelischen Musikern Hagai Shaham und Arnon Erez erschienen.

Von Uwe Friedrich |
    Als Grieg im Jahr 1867 seine Cousine Nina Hagerup heiratete, war das Verhältnis zwischen den Familien sehr angespannt, der Familienkrach dauerte noch lange an. Die zweite Violinsonate, geschrieben in den Flitterwochen, legt aber Zeugnis davon ab, dass Grieg in Nina die Liebe seines Lebens fand. Grieg hatte in zwischen zu einer eigenen musikalischen Sprache entwickelt, der norwegische Volkston wurde ihm zur Inspirationsquelle, ohne dass er je in folkloristische Sentimentalität abglitt. Auch in der zweiten Violinsonate imitiert er die traditionelle Hardangerfidel mit ihren Doppelgriffen und Borduntönen, verzichtet aber auf allzu deutliche Zitate.

    " Musikbeispiel: Edvard Grieg: 1. Satz: Lento doloroso - Allegro vivace aus: Violinsonate Nr. 2, op. 13 "

    Die drei Violinsonaten zählte Edvard Grieg selbst zu seinen besten und gelungensten Werken. Im Jahr 1900, sieben Jahre vor seinem Tod, schrieb er in einem Brief an den Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson, jede der Sonaten stelle einen wichtigen Abschnitt seiner künstlerischen Entwicklung dar.

    Die erste naiv, reich an Vorbildern; die zweite national und die dritte mit dem weiteren Horizont.

    Die zweite Sonate, die "nationale" löste nach der Uraufführung im Herbst einen wahren Begeisterungssturm aus und gehörte ab sofort zum festen Repertoire norwegischer Geiger, die damit ein Plädoyer für die nationale Eigenständigkeit abgaben. Schließlich wurde Norwegen damals noch von Stockholm aus regiert, die Union mit dem Königreich Schweden wurde erst zwei Jahre vor Griegs Tod, im 1905 gelöst.

    " Musikbeispiel: Edvard Grieg: 3. Satz: Allegro animato aus: Violinsonate Nr. 2, op. 13 "

    Der Erfolg von Griegs zweiter Sonate war nicht selbstverständlich. Er lebte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in Kopenhagen und äußerte sich in einem Brief an den Freund Gottfred Mathison-Hansen sehr pessimistisch.

    Die meisten hassen meine Kompositionen, sogar die Musiker. Für einige sind die Werke ein Buch mit sieben Siegeln; denen muss man vergeben; aber es gibt auch andere, die sie verstehen und mir gegenüber ihre Bewunderung ausdrücken, in ihrem Urteil Dritten gegenüber aber schrecklich über sie herziehen.

    Dass Grieg überhaupt drei Kammermusikwerke für dieselbe Besetzung schrieb, ist außergewöhnlich. Er vollendete lediglich eine Klaviersonate, obwohl doch das Klavier sein Instrument war, darüber hinaus gibt es ein Streichquartett und eine Cellosonate sowie einige Fragmente. Beim Komponieren der Violinsonate fühlte er sich jedoch völlig sicher, obwohl er selber kein Streichinstrument spielte. Es ist bemerkenswert, wie gut spielbar bereits der 22jährige die erste Geigensonate schrieb. Darin zeigt sich seine gründliche akademische Ausbildung am Leipziger Konservatorium, ein eigenständiger Tonfall scheint jedoch bereits durch.

    " Musikbeispiel: Edvard Grieg: 1. Satz: Allegro con brio aus: Violinsonate Nr. 1, op. 8 "

    Während Grieg die ersten beiden Violinsonaten im Abstand von nur zwei Jahren schrieb, ließ er sich fast zwanzig Jahre Zeit, bis er die dritte in Angriff nahm. Es ist seine letzte große kammermusikalische Komposition. Von einem Spätwerk kann man dennoch nicht sprechen, schließlich hatte noch über zwanzig Jahre zu leben, die musikalische Kraft und technische Finesse der Ausführung zeigen ihn vielmehr auf dem Höhepunkt seiner Kunst.

    " Musikbeispiel: Edvard Grieg: 3. Satz: Allegro molto ed appassionato aus: Violinsonate Nr. 3, op. 45 "

    Besonders den dunklen Ton der dritten Sonate treffen der Geiger Hagai Shaham und der Pianist Arnon Erez mit einer vollsüßen Reife, technischer Perfektion und rhythmischer Präsenz. Mit Schwung und Überzeugung werden sie sich in die Musik, feuern sich gleichsam gegenseitig an. Das ist nicht in erster Linie elegant, sondern betont die Herkunft von Griegs Melodien aus der Volksmusik. Dabei folgen sie den Angaben Griegs genau, ohne jemals die Noten in akademischer Routine bloß durchzubuchstabieren. Shaham und Erez haben 1990 gemeinsam den ARD-Wettbewerb und danach viele weitere Preise gewonnen, sie spielen in den großen Konzertsälen der Welt und unterrichten an den Hochschulen in Jerusalem und Tel Aviv. Technische Sicherheit ist natürlich auch bei Grieg von Vorteil, auch wenn die reine Virtuosität bei ihm nie im Vordergrund steht. Entscheidend ist, die geschmackvolle Balance zwischen skandinavischer Kühle und großem Gefühl zu halten. Shaham und Erez spielen auch die dritte Sonate mit einer Verve, als hätte sie sich den Probenbericht des tschechischen Uraufführungsgeigers Karel Hoffmann gründlich zu Herzen genommen. Der schrieb in der Zeitschrift "Dalibor" über Grieg.

    Er war ein ausgezeichneter Pianist, der trotz Nervosität und schlechter Gesundheit ungewöhnlich temperamentvoll spielte, und er bat mich, so intensiv wie möglich zu spielen. Er hatte nur wenige dynamische Zeichen. Den ersten Satz spielte er in einem wilden Allegro, und er wünschte, dass die melodischen Passagen am expressivsten gespielt werden sollten.

    Virtuos spielen, das können Hagai Shaham und Arnon Erez selbstverständlich auch, wie im Prestissimo der dritten Violinsonate. Die drei Sonaten dauern zusammen eine gute Stunde. Statt es damit gut sein zu lassen, umfasst die CD noch sechs Zugaben, Arrangements einiger "Lyrischer Stücke" für Klavier und Geige. Nun kann man mit Fug und Recht anführen, darauf habe wirklich niemand gewartet, aber als Zugaben machen sie noch einmal deutlich, wie ungewöhnlich die drei Sonaten im Schaffen des Miniaturisten Grieg sind. Außerdem kann man sie auch verstehen als Hommage an den norwegischen Violinisten Ole Bull, der schließlich Vorbild und Förderer Griegs war und ein wichtiger Förderer des Komponisten, der bis heute wie kein anderer mit norwegischer Musik identifiziert wird. Und sie bieten dem Geiger Hagai Shaham und dem Pianisten Arnon Erez die willkommene Gelegenheit, mit großer Lust ihre Virtuosität auszustellen.

    " Musikbeispiel: Edvard Grieg: Scherzo-Impromptu, op.73,2 "

    Der Geiger Hagai Shaham und der Pianist Arnon Erez spielten ein Scherzo-Impromptu von Edvard Grieg. Ein Ausschnitt aus ihrer neuen CD mit den drei Violinsonaten Edvard Griegs, die beim britischen Label Hyperion erschienen ist.