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StartseiteHintergrundZwischen Veränderung und Verharren04.12.2010

Zwischen Veränderung und Verharren

Situation in der katholischen Kirche

Ist die Krise in der katholischen Kirche auch ein offenes Fenster für einen möglichen Umbruch? Viele engagierte Katholiken hoffen das. Aber die katholischen Bischöfe spalten sich in Reformern und Verharrern.

Von Ulrike Greim

Jesus am Kreuz: Die katholische Basis will den Dialog. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz: Die katholische Basis will den Dialog. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Die katholische Kirche ist in ihrer tiefsten Krise seit Kriegsende. Das sagt Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Konferenz der katholischen Bischöfe in Deutschland, genannt Deutsche Bischofskonferenz. Und die Zahlen bestätigen dies: Bis zum Jahresende werden vermutlich 400.000 Katholiken aus ihrer Kirche ausgetreten sein. Nur noch 54 Prozent der Katholiken fühlen sich der Kirche verbunden, mehr als zwei Drittel davon in kritischer Weise, das fand der "Trendmonitor Religiöse Kommunikation 2010" heraus. Das betrifft sogar den harten Kern: 20 Prozent derer, die sich als 'sehr gläubig' bezeichnen, denken über einen Austritt nach. Und noch eine letzte Zahl: In diesem Jahr gibt es so wenige Interessenten für den Priesterberuf, wie noch nie zuvor, 150 sind es, im Vorjahr waren es noch 211.

Robert Zollitsch vergleicht die Situation in seiner Kirche mit einem Erdbeben. Und er sagt: "Man kann die Schäden eines Erdbebens nicht durch gute Worte beseitigen, sondern indem man auf dem Fundament Aufbauarbeit leistet"

Zumbrägel: "Mein erster Gedanke war: Endlich haben die auch kapiert, dass in der katholischen Kirche was los ist."

Schaefers: "Wenn wir das alle wollen, dann gibt es einen Umbruch."

Zumbrägel: "Weil: Die Leute stimmen mit den Füßen ab."

Wolf: "Wir müssen handeln. Wir dürfen das jetzt nicht stehen lassen, wir müssen jetzt ... Und da glaube ich ist ein Fenster aufgegangen. Wir haben noch nie über viele Fragen so offen reden können, wie jetzt."

Leitschuh: "Viele denken immer noch, Reformen würden etwas kaputt machen. Wir wollen aber etwas nach vorne bringen."

Ein offenes Fenster, Reformen, ein möglicher Umbruch - Diese vier Männer sind optimistisch. Die Krise ist eine Chance, sagen sie. Sie engagieren sich ehrenamtlich für ihre Kirche. Der Missbrauchsskandal hat sie schwer erschüttert. Und habe deutlich gemacht, dass einfach zu viel im Argen liegt, sagen sie. Nun sei das Fass geöffnet.

Diese Situation ist ein Kairos, eine einmalige Gelegenheit. So sagt es die Theologin Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Sie spricht für den reformerischen Zweig im Zentralkomitee. Ihre Adressaten: die katholischen Bischöfe Deutschlands. Doch als sie das sagt - es ist ein Spitzentreffen zwischen Zentralkomitee und Bischofskonferenz, sitzen da nur wenige. Nur die Gesprächsbereiten. Und die nicken, sie hören zu, sie ahnen, dass sie diese Krise nicht aussitzen können. Doch die Konservativeren warten zu Hause dickfällig ab. Setzen darauf, dass sich die medialen Wogen glätten, wollen zurück zur Kontinuität. Reden von der Rückbesinnung auf die Kernaufgaben der Kirche.

Doch die beweglicheren unter den Bischöfen wollen die Flucht nach vorn antreten. Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, macht den Auftakt.
Dialoginitiative heiß das neue Produkt. Noch ist nicht klar, was es beinhaltet. Es soll erst entwickelt werden. Zwei Teams werden sich demnächst an die Arbeit machen. Angekündigt ist dieses Produkt allerdings schon vor großem Publikum. Es solle darum gehen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, so Zollitsch.
Erster Gesprächspartner: die Vertretung der Laien, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Ihr Präsident ist Alois Glück:

"Wenn wir sagen Aufbruch, dann ist mit Aufbruch verbunden, auch ein Stück ins Ungewisse hinein zu gehen."

Alois Glück zeigt sich optimistisch. Und er fügt hinzu, dass man natürlich nicht vorher wissen könne, was am Ende daraus wird.

"Überraschungen gehören dazu. In welcher Weise, wissen wir nicht. Ansonsten könnten wir ja sagen, wir machen eine gemütliche Wanderung. Aber keinen Aufbruch."

27 Bistümer gibt es in Deutschland. Zwei davon sind Fulda und Erfurt. Eines ist West, das andere Ost, eines sitzt fest im Sattel, das andere ringt um seine Identität, eines ist bekannt für Hardliner-Konservatismus, das andere hat einen gesprächsbereiten Bischof.
Die Vertrauenskrise der Mutter Kirche berührt sie beide. Doch auf unterschiedliche Weise. Vom Dialog haben sie gehört. Aber führen sie ihn auch?

An einem Montagvormittag in Kassel im Bistum Fulda. Es schneit. Der Weihnachtsmarkt ist in vollem Gange. Überall Lichterketten und Tannenzweige. Auch der Laden in einem roten Backsteinhaus in der Innenstadt hat Hochsaison. Hier gibt es christliche Bücher und fromme Geschenke, Kerzen und Tees aus Klöstern. Alles für den spirituellen Grundbedarf. Wer Rat und Hilfe sucht, geht eine Etage höher. Denn dies ist ein kirchliches Haus. Die Caritas sitzt hier, der Hospizverein zum Beispiel. Einrichtungen der katholischen Kirche für die Stadt Kassel, das Dekanat Kassel-Hofgeismar und die Region Nordhessen. Mit großer Selbstverständlichkeit geht hier Aloys Zumbrägel durchs Foyer. Der Pensionär ist ein engagierter katholischer Christ. Für die CDU saß er acht Jahre lang im hessischen Landtag. In Kassel trägt er den Ehrentitel 'Stadtältester'. Hier im Haus ist er als der Chef der katholischen Arbeitnehmerbewegung bekannt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund.

"Wir müssen erstmal begreifen, dass die alte Volkskirche tot ist."

Aloys Zumbrägel hat im Konferenzraum des Kolpinghauses Platz genommen. Lange überlegen muss er nicht. Was er sagt, hat sich lange aufgestaut.

"Die alte Volkskirche, wo oben der Bischof stand, und dann kam lange nichts, der hatte ein großes Heer von geweihten Priestern, die ihm absoluten Gehorsam geschworen hatten, und das ging dann weiter. Dann kam noch lange nichts. Und dann kamen die Laien."

Mit seiner Kirche geht er hart ins Gericht. Weil es seine Kirche ist, sagt er. Und bleiben soll. Und diese Kirche stehe nun vor dem nächsten Entwicklungsschritt. Der sei überfällig. Der Missbrauchsskandal sei nur das i-Tüpfelchen.

"Für die Gläubigen ist schon allein die Tatsache, dass diskutiert werden kann, und dass miteinander gesprochen werden kann, und dass man sich bemühen will, neue Wege zu finden, ist schon ein Akt der Befreiung."

Am Tisch neben Aloys Zumbrägel hat auch Marcus Leitschuh Platz genommen. Er ist 37 und Lehrer von Beruf. Einer, der in seiner Freizeit Bücher über den Glauben schreibt. Für Jugendliche, vor allem für junge Christen.

"Es ist neu, glaube ich, dass Dinge gebündelt werden. Und dass Dinge auf den Punkt gebracht werden. Und dass die Laien mit deutlichen und klaren Worten sagen, was sie eigentlich wollen, und die Bischöfe darauf reagieren können. Und dass man das an einem Tisch macht. Und nicht auf getrennten Veranstaltungen."

Seit etlichen Jahren sitzt Marcus Leitschuh in dem bundesweiten Gremium der katholischen Laien, das sich als Gegenüber zur katholischen Bischofskonferenz versteht, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken.
Es klingt, als spreche er von einem plötzlichen Erdfall, dem eine schleichende Erosion vorausgegangen ist. Beispiel: Das Gefühl, die Kirche werde nur von den Bischöfen gemacht, Mitsprache sei nicht vorgesehen. Marcus Leitschuh:

"Und wenn ein Ergebnis wäre, dass wir in Deutschland zum Beispiel eine neue Synode brauchen, dann kann das ein Ergebnis sein. Ich glaube schon, dass wir eine verbindlichere Form des Dialogs brauchen in Zukunft. Und dass wir uns auch über gewisse Entscheidungen in Deutschland abstimmen müssen. Ganz wortwörtlich."

Zumbrägel: "Es geht gar nicht anders. Wo Menschen zusammen arbeiten sollen, da geht das heute nicht mehr nach dem Prinzip 'Führer befiehl, wir folgen dir'. Das geht überhaupt nicht mehr. Das ist ja auch ein Grund für die Krise in der Kirche, dass die Kirchenoberen lange geglaubt haben, sie könnten das wie im Mittelalter weitermachen."

Beide Männer bringen Zorn mit. Auch über das aktuelle Priesterbild. Wie konnte das nur passieren, dass der Berufsstand der Priester so auf den Sockel gestellt wurde. Und dass sich die Geistlichen so haben auf den Sockel stellen lassen? So weit oben, mit so einem hohen moralischen Anspruch und dem Habitus von Überfliegern.

Leitschuh: "Das ist ein Priesterbild, das bedeutet: Mit der Weihe passiert etwas Übernatürliches mit diesem Menschen, dass sie plötzlich immer recht haben, dass sie plötzlich alles wissen und dass sie plötzlich alles können."

Jetzt sind sie gefallen. Vom Podest auf die Erde, auf den Boden der Tatsachen. Das müsse nicht nachteilig sein. Der Priesterstand dürfe entzaubert werden, weil eine falsche Aura niemandem nützt, sagen die Beiden. Der Priester soll der erste unter Gleichen bleiben. Aber eben auch Gleiche neben sich haben.

Zumbrägel: "Die Priester haben ein theologisches Studium. Aber sie verstehen in der Regel kaum etwas von Pädagogik oder von Psychologie. Gemeinden brauchen Priester. Keine Frage. Aber sie brauchen nicht nur Priester. Sie brauchen auch Menschen, die aus anderen Berufsfeldern kommen. Auch, um die Seelsorge wirklich menschennah zu machen."

Leitschuh: "Ein Punkt ist, dass die Pastoralverbünde professionelle Hilfe brauchen durch professionelle Mitarbeiter, wie zum Beispiel einen Verwalter, einen Geschäftsführer. Damit theologische Mitarbeiter wirklich frei sind und nicht die Fragen klären müssen, wo sie Kopierpapier billiger einkaufen können."

Das Thema Priester- und Gemeindeverständnis zum Beispiel muss im Dialogprozess vorkommen, sagen Marcus Leitschuh und Aloys Zumbrägel.
Aber noch gibt es diesen Prozess nicht so richtig. Es gebe immer einen gewissen Dialog zwischen Kirchenleitung und Basis, sagen die Männer. Aber nicht aktuell aus Anlass der Dialoginitiative.
Vor einem Jahr zum Beispiel habe ihr Bischof, Heinz Josef Algermissen, eine Wunschliste bei seinen Kirchenmitgliedern in Auftrag gegeben. Wie soll die zukünftige Kirche aussehen, wie sollen Gemeinden funktionieren? "Brief der Hoffnung" nannte er das Projekt. Jetzt, im Advent 2010 nun, sollten die Briefe bei ihm eingehen. Marcus Leitschuh hat für den Katholikenrat einen solchen Brief geschrieben. Der Bischof von Fulda hat nun die Post auf dem Tisch. Und was er liest, wird ihn nicht unbedingt heiter stimmen. Denn die Themen sind bekannt. Viele haben sie schon beim Namen genannt. In Kreisen der Bischofskonferenz gelten sie als 'die üblichen Reizthemen'.

Zumbrägel: "Ob das die Zulassung der Geschiedenen zur Kommunion ist. Oder dass man vielleicht auch verheiratete Männer zum Priestertum zulassen kann."

Leitschuh: "Dass wir den Bischof zum Beispiel ermuntern, diese Dinge, wie Diakonat der Frau, wie Öffnung für Sexualmoral - darüber diskutieren, den anderen Bischöfen mitteilen soll."

Und was sagt der angesprochene Bischof Algermissen? Noch nichts. Hat auch keine Zeit für ein Interview. Ebenso nicht der Weihbischof. Auch eine Anfrage beim Generalvikar bleibt ohne Erfolg. Sieht auch die Bistumsleitung ein Ende der Volkskirche? Denkt sie über die Wunschliste ihrer engagierten Mitglieder nach? Welche Themen könnten hier vor Ort besprochen und auch umgesetzt werden? Und über welche Themen denkt der Bischof nach?

Schweigen in Fulda.

Von Fulda ist es nicht weit bis nach Erfurt. Nicht einmal anderthalb Stunden. Auch in Erfurt gibt es einen katholischen Bischof. Er heißt Joachim Wanke. Und er nimmt sich Zeit zum Reden. Denn die Krise seiner Kirche treibt ihn sichtlich um.

"Ohne Zweifel helfen uns diese Erfahrungen, demütiger zu werden, von Sockeln herab zu steigen, wenn sich einzelne Amtsträger sozusagen darauf verirrt haben."

Wankes Wohnung liegt hinter einer hohen Mauer, idyllisch in einem kleinen katholischen Viertel in der Innenstadt Erfurts im Schatten des Domes. Hier in Erfurt prägten die Katholiken lange Jahre die Landesregierung, obwohl nur acht Prozent der Thüringer Mitglied in der katholischen Kirche sind. Bischof Wanke geht deshalb gar nicht mehr von volkskirchlichen Strukturen aus. Er lebt sehr bewusst als katholische Stimme in einer mehrheitlich nichtkirchlichen Umwelt.

Die Krise der katholischen Kirche trifft Joachim Wanke doppelt. Denn eigentlich hat das kleine und personalschwache Bistum bereits genug zu tun. Der demographische Knick ist offensichtlich. Die Tendenz: Das Bistum verliert dramatisch an Mitgliedern. Die rund 70 Pfarreien im Bistum müssen nun auf rund 30 herunter geschmolzen werden. Und nun platzt mitten in die kräftezehrende Strukturreform der Missbrauchsskandal. Auch Wanke musste sich für eine falsche Personalentscheidung rechtfertigen. Sie hat ihm zugesetzt.
Wanke gehört zu denen, die sich dem Dialog stellen. Ihn für wichtig halten. Er hört den Ruf nach mehr Mitsprache.

"Die Frage ist, wie sich Macht darstellt. Es gibt auch in der Kirche eine Vollmacht, sagen wir gerne. Dieses biblische Wort gebrauchen wir. Das kann missbraucht werden. Dass sozusagen andere zum Verstummen gebracht werden. Dass sie nicht mehr auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Aber ich meine, dass diese Gefahr in einer Kirche der Minderheit da geringer ist, als wenn eine Kirche Mehrheitskirche ist und aus einer gewohnten Überlegenheit heraus agiert."

Bischof Wanke denkt theologisch. Reform könne nur heißen, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Wieder mehr glauben, wieder mehr nach Gott fragen. Demütig und selbstbewusst. Wieder mehr miteinander reden. Offen aber prinzipientreu. Klar bleibe: Die wichtigen Entscheidungen fallen in Rom. Der Papst habe einfach den weiteren Horizont, den weltweiten. Und das sei gut so. Aber manche organisatorische Frage könne man auch vor Ort klären. In Thüringen werden beispielsweise zunehmend Laien Gottesdienste halten. Ohne Eucharistie, verstehe sich. Die bleibe den Priestern vorbehalten. Wo es aber immer weniger Priester gibt, werden Gemeinden mehr selbst in die Hand nehmen. Dies sei der Weg. Joachim Wanke:

"Also dieser große, globale Prozess einer neuen Sozialgestalt von Kirche und Gemeindeleben, das kommt auf uns zu. Das ängstigt, das macht unsicher. Aber da gilt es, das in Ruhe miteinander zu besprechen und Ausschau zu halten nach neuen Formen von Vergemeinschaftung."

Neue Formen, die auch in den Gemeinden mit gestaltet werden sollen. Also mehr Demokratie?

"Wenn sie das so verstehen, dass wir eine parlamentarische Demokratie werden, da muss ich Sie enttäuschen. Das wird wohl als Kirche nicht werden. Aber dass es Formen gibt auch der Mitbestimmung, habe ich darin angedeutet, dass wir durchaus auch einen Kirchensteuerrat haben."

Nun kommt der Papst, nächsten Herbst. Gerade in das kleine Bistum von Joachim Wanke. Da ist er nicht euphorisch. Wie gesagt, er hat ja genug Baustellen. Aber schön sei das schon. Die Christen in seiner Region, sagt er ganz ökumenisch, könnten ein wenig Rückendeckung schon gebrauchen.
Und bis dahin? Nun ja, sagt der Bischof, die Kirche müsse halt ihre Arbeit machen. Im Bistum Erfurt geschehe das ja. Immer schon zusammen mit denen, die kein geistliches Amt haben.

Wolf: "Ich sehe Erfurt, das Bistum, schon ein bisschen ein Glücksfall, dass hier vieles möglich ist, in einer guten Art und Weise zu leben."

So sieht das Alois Wolf. Er ist der Vorsitzende des Thüringer Katholikenrates. Auch er gehört zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken, ist dort der Vizevorsitzende. Er ist ein wenig stolz auf sein kleines, familiäres Bistum Erfurt. Auf weniger steile Hierarchien, auf den Bischof, mit dem man reden kann.
Aber Dialoginitiative? Aufbruch? Umbruch? Alois Wolf holt Luft.

"Dieser große Aufschwung, wo man, wenn man in Gremien ist, meint, jetzt geht die Revolution los, die ist an der Basis so nicht."

Der Missbrauchsskandal hat hier in Erfurt durchaus schwer erschüttert. Aber nicht so, dass nun heftig darüber diskutiert werde. Vieles scheinen die Gläubigen mit sich selbst oder in ihren Kreisen vor Ort auszumachen. Und wenn der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Aufbruch redet, kommt das in den Thüringer Gemeinden kaum an, sagt der Katholikenrats-Chef. Und wenn das Zentralkomitee der Katholiken mit den Bischöfen eine Dialoginitiative verabredet, dann lesen das die Christen vor Ort mitunter nicht einmal in der Zeitung.

"Sie haben eher die Frage: Wie geht es in unserer Gemeinde weiter, die ganze Strukturreform prägt da schon das Denken. Und dann kriegt man so Antworten, wie 'wir sind ja im Gespräch.' Der Bischof ist bei uns beim Katholikenrat regelmäßig. Das ist 'ne feste Größe. Da haben wir unseren Kontakt. Da werden die Themen ja auch angesprochen."

Und die Themen sind in Erfurt die gleichen wie in Kassel. Geschiedene sollen nicht mehr ausgeschlossen werden, Frauen sollen verstärkt in kirchliche Ämter kommen und mit konfessionsverbindenden Ehen soll die Kirche großherziger umgehen. Wichtig: Laien brauchen mehr Kompetenzen. Die müssten sie sich notfalls auch erstreiten, sagt Alois Wolf.

Und der Papst - wird er den Reformprozess nicht eher aufhalten wollen? Das glaubt Alois Wolf nicht. Er hat sogar ein bisschen Hoffnung, dass Benedikt XVI. einige lösende Worte spricht. Die Hauptarbeit aber müssten die Ortsgemeinden machen, sagt er:

"Ich glaube, das ist auch die falsche Richtung, wenn man sagt: Wir haben Missbrauch gehabt oder wir haben Dinge nicht geklärt. Jetzt gucken wir nach Rom und der Papst soll das für uns regeln. Ich glaube, wir sind eigentlich vor Ort gut aufgestellt, dass wir sagen können: Bestimmte Sachen können wir selber und müssen wir selber regeln. Rom kann gar nicht alles für uns regeln. Und muss es auch nicht."

Ist die aktuelle Situation also eher ein Kairos – ein besonders günstiger Moment? Die Beharrungskräfte der Konservativen stehen dagegen. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner zum Beispiel. Er verweigerte einem engagierten Katholiken die bereits angesetzte Diakonatsweihe, weil dieser in einem Buch zuvor die Frage gestellt hatte, ob nicht auch Frauen zum Diakonat zugelassen werden sollten. Frauenordination gar? Bisher undenkbar. Die Diskussion um den Zölibat wird in Bischofs-Kreisen belächelt.
Derweil wartet der große Teil der Kirchenmitglieder stumm ab.
Dann wird es die Zeit regeln: der weitere Mitgliederschwund. Ein Konkurs auf Raten?

Alois Wolf ist ganz froh, dass es bundesweit etliche Engagierte gibt, die in die reformerische Richtung drängen. Die sitzen eher in den stärkeren Bistümern, wie im Bistum Fulda.

Dort trommeln im Kassler Kolping-Haus Aloys Zumbrägels Finger auf den Tisch im Konferenzraum. Nun sei es Zeit, die Zukunft in die Hand zu nehmen, sagt der agile Pensionär. Lehrer Marcus Leitschuh nickt. Die Tür für Veränderungen stehe offen, zumindest einen Spalt weit. Zu ihnen hat sich Meinolf Schaefers gesellt, Geschäftsführer des Caritasverband Nordhessen-Kassel. Sie reden über die Kirche der Zukunft. Und werden es wohl noch oft tun.

Leitschuh: "Die Kirche der Zukunft wird demütiger sein müssen."

Schaefers: "Ich hoffe, sie ist lebendiger, ich hoffe, sie ist offener für viele Problemlagen auch."

Leitschuh: "Ich glaube: Kirche wird christlicher und weniger römisch-katholisch sein in einigen Jahren."

Schaefers: "Ich denke, sie wird auch weiblicher."

Zumbrägel: "Wenn wir das nicht schaffen, dann werden wir eine Sekte eines Tages werden, die kaum noch lebensfähig ist."

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