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StartseiteTag für TagZwischen Wissenschaft und Religion29.07.2013

Zwischen Wissenschaft und Religion

Die internationale Bewegung "Transzendentale Meditation"

Transzendentale Meditation (TM) wurde vom Inder Maharishi Mahesh Yogi entwickelt und seit 1957 in einer eigens gegründete Organisation gelehrt. TM orientiert sich an den indischen Veden und soll zur Vermehrung des Glücks und der Verringerung des Leidens unter den Menschen beitragen. Aber die Bewegung ist nicht unumstritten.

Von Margarete Blümel

"Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist die Transzendentale Meditation eindeutig den neuen religiösen Bewegungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zuzurechnen, die schon sehr früh einen globalen Anspruch hatten. Und ähnlich wie die Hare-Krishna-Bewegung oder auch die Neo-Sanyas-Gemeinschaft um Bhagwan oder Osho ist auch die Gruppierung von Maharishi dabei im hindureligiösen Spektrum zu verorten."

Sagt der Religionswissenschaftler Professor Frank Neubert von der Universität Bern. 1957 gründete der Meditationslehrer Maharishi Mahesh Yogi in Indien die TM, die Transzendentale Meditationsbewegung. Die Meditationstechnik der Bewegung kann nur durch einen TM-Lehrer vermittelt werden. Der Schüler erhält von seinem Lehrer ein persönliches Mantra. Diese formelhafte Wortfolge rezitiert der Ausübende dann bei seinen täglichen Meditationsübungen.

"Es wird auch immer wieder in der Bewegung betont, dass die Technik sehr einfach, sehr leicht zu erlernen ist. Aber die Einführung kostet richtig Geld."

Die Bewegung ist mittlerweile weltweit aktiv, unter anderem auch in Deutschland. Es wird geschätzt, dass hierzulande etwa 100.000 Anhänger die Transzendentale Meditation praktizieren. Viele von ihnen sind Akademiker – etwa Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler.

Auf der Webseite der Organisation wird darauf hingewiesen, dass es sich bei der TM weder um eine Religion noch um eine Philosophie handelt. Dies, obwohl das Ausführen eines hinduistischen Rituals bei der Einführung in die Meditationstechnik, das Benutzen eines Mantras, Karma- und Reinkarnationsvorstellungen eindeutig einen religiösen Hintergrund haben.

"Seit dem 19. Jahrhundert muss man sagen, haben sich in ganz verschiedenen Weltregionen religiöse Bewegungen mit Wissenschaftlichkeit in Verbindung gebracht, haben auf wissenschaftliche Ideen und Institutionen Bezug genommen und auch den Wissenschaftsbegriff selbst verwendet."

Diese Nähe und Verbindung zur Wissenschaft hat unterschiedliche Ausprägungen.

"Man gründet Akademien, man gründet religiöse Universitäten, man verwendet zur Beschreibung der eigenen Heilslehre Begriffe aus dem Bereich der Wissenschaften, häufig Naturwissenschaften oder Psychologie. Man versucht zu zeigen, dass alle Ergebnisse der modernen Wissenschaft schon in den alten religiösen Texten stehen. Oder man bezeichnet sich selbst ganz explizit als wissenschaftlich oder das eigene Lehrsystem als eine Wissenschaft. Und dabei steht dann im Hintergrund immer eine Art von modernem Selbstverständnis und die darin verankerte Gegenüberstellung von Wissenschaft als etwas Rationales, Modernes gegenüber Religion als etwas Irrationales, Vormodernes."

So versucht auch die Transzendentale Meditationsbewegung, die Wirksamkeit ihrer Techniken und Mantren mit Studien zu beweisen. Kritiker bezweifeln allerdings die Objektivität der bisherigen Untersuchungen, da sie größtenteils von Wissenschaftlern der Organisation durchgeführt worden sind.

"Die Studien sind sehr unterschiedlich. Es handelt sich dabei zum einen um psychologische und medizinische Wirksamkeitsstudien über die Praktiken der TM. Dabei soll belegt werden, dass die Meditationstechnik Stress abbauend wirkt, die Intelligenz steigert oder die Krankheiten-Anfälligkeit vermindert. Das wird dann anhand von psychologischen Tests durchgeführt, aber auch anhand von neuesten neurowissenschaftlichen und medizinischen Untersuchungsmethoden. Zum anderen gibt es dann recht häufig soziologische Arbeiten, die Ereignisse der TM wie 'World Peace Assemblies', Meditationstreffen oder auch Meditierenden-Zahlen in Verbindung bringen mit Kriminalitätsraten, mit der Entwicklung von Krankheitszahlen und ähnlichen Daten. Und so zu versuchen, die gesellschaftliche Wirkung des sogenannten 'Maharishi–Effekts' zu belegen."

Der "Maharishi-Effekt" soll nach Ansicht der Praktizierenden eintreten, wenn ein Prozent der Bevölkerung die Transzendentale Meditation ausführt. Das gemeinsame Meditieren soll am Ende dazu führen, dass zum Beispiel Arbeitslosigkeit und Krankheitszahlen sinken.

"Seit den Anfängen der Bewegung gab es schon diese Pläne, die auf die Verbesserung der Weltgesellschaft hinarbeiten sollten: das Zeitalter der Erleuchtung, das 1975 ausgerufen wurde, ein Jahr später dann die Schaffung der Weltregierung für das 'Zeitalter der Erleuchtung'. Und damit wurde sozusagen dieser umfassende Weltplan schon sehr deutlich formuliert. Und dann folgte eben der Weltplan in den 1980er Jahren für perfekte Gesundheit. Und schließlich auf politischer Ebene, als man sah, dass man nur durch die Meditation nicht die Welt allein verbessern kann, hat man sozusagen versucht, auch auf politischer Ebene Einfluss zu nehmen. Und hat dann die 'Naturgesetz-Partei' gegründet, 1992 dann mit einem Ableger in Deutschland."

In den späten 1970er-Jahren rief Maharishi Mahesh Yogi das sogenannte "Sidhi-Programm" ins Leben.

"Mit dem Begriff 'Sidhi' bezieht man sich auf die alt-indischen Yoga-Texte, die unter 'Siddhis' diese Fähigkeiten verstehen, die man sich durch lange, ausgefeilte Yoga-Praxis erwerben kann. Das wird tatsächlich von diesen Texten den Yoga-Praktizierenden versprochen. Das erklärt sich daraus, dass Yoga-Praxis schon sehr früh in der indischen Religionsgeschichte als ein Erlösungsweg interpretiert wurde. Und dabei steht eine gewisse Physiologie im Mittelpunkt: die Spiegelung des gesamten Kosmos als Mikrokosmos im menschlichen Körper, den Chakren des menschlichen Körpers."

Dabei sind die verschiedenen Elemente den Chakren, den Energiezentren des Körpers, zugeordnet.

"Und dann hat Yoga-Praxis das Ziel, diese Chakren zu kontrollieren und irgendwie aufzulösen und dadurch erlangt man dann jeweils Kontrolle über das zugeordnete Element. Beispielsweise, wenn man also das Chakra auflöst durch Yoga-Praxis, das mit dem Element Raum oder Äther verbunden ist, dann kann man frei über den Raum verfügen, das sagen die Texte. Und das beinhaltet zum Beispiel das Fliegen oder die Fähigkeit, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Und solche Fähigkeiten werden dann eben 'Sidhis' genannt."

Im Zuge des "Sidhi-Programms" wurden 2005 führende Wirtschaftsunternehmen aufgefordert, jeweils einen Mitarbeiter zum Erlernen des "Yogischen Fliegens" abzustellen. Dadurch sollte sich die Wirtschaftslage der betroffenen Firmen erheblich verbessern.

"Das Erwerben der 'Sidhis', dieser Fähigkeiten, zum Beispiel des 'Yogischen Fliegens', ist mit sehr viel Übung und sehr intensiver Praxis verbunden. Und kann sozusagen nur von fortgeschrittenen Praktizierenden ausgeübt werden."

Das Interesse an diesem Projekt stieß allerdings bei den Firmen von vornherein auf wenig Gegenliebe, sodass sich das Ganze bald zerschlug.

2008, drei Jahre später, starb Maharishi Mahesh Yogi, der Gründer der TM-Bewegung. Noch zu seinen Lebzeiten hatte er den libanesischen Neurophysiologen Tony Nader als seinen Nachfolger ernannt.

"Es scheint, dass die Bewegung seit dem Tod von Maharishi Mahesh Yogi recht stabil geblieben ist, auch in ihren Strukturen. Was unter anderem damit zusammenhängt, dass Maharishi selbst einen Nachfolger ernannt hat. Und dazu muss man dann auch berücksichtigen, dass es in der TM-Bewegung kaum so was wie 'ne eigentliche Guru-Rolle gibt – in dem Maße, wie es zum Beispiel bei Osho oder bei den Hare Krishnas der Fall war. Sodass das Amt weniger problematisch weitergegeben werden konnte. Und es scheint, als würde die TM mit ihren Zweigen weiter bestehen und weiter auf die Verbesserung der globalen Gesellschaft hinarbeiten, und zwar hin zu mehr Gesundheit, zu mehr Intelligenz und zu Weltfrieden."

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