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StartseiteKalenderblatt7.7.1994 - Vor 10 Jahren07.07.2004

7.7.1994 - Vor 10 Jahren

Im Jemen endet der Bürgerkrieg

Ende Juni 1994 ist es soweit: Der militärische Belagerungsring um Aden, bis 1990 Hauptstadt des damals marxistisch orientierten Südjemens, wird enger. Der Fall Adens, seit Wochen von den Belagerern aus dem Norden siegessicher angekündigt, scheint unmittelbar bevorzustehen. In dem Bruderkrieg, in dem sich seit zweieinhalb Monaten Nordjemeniten und Südjemeniten gegenüberstehen, wird es in wenigen Tagen eine Entscheidung geben.

Von Jürgen Stryjak

Der jemenitische Präsident Ali Abdallah Saleh am 25.6.2003 (AP-Archiv)
Der jemenitische Präsident Ali Abdallah Saleh am 25.6.2003 (AP-Archiv)

Seit Anfang Juni 1994 belagern Militäreinheiten des Staatspräsidenten Ali Abdullah Saleh die Stadt am Meer. Fast täglich werden Adens Stadtzentrum, der Hafen und der Flugplatz beschossen. Bei Tageshöchsttemperaturen von 40 Grad und mehr breitet sich Ungeziefer aus, das Internationale Rote Kreuz meldet den Ausbruch einer tödlichen Durchfallerkrankung. In den Straßen türmt sich der Müll. Die wichtigsten Wasserquellen der Stadt befinden sich außerhalb des Belagerungsringes, ihr größtes Wasserwerk wurde zudem zerstört. Verzweifelt graben die durstigen Bewohner Adens Brunnen.

Am 27. Juni meldet die Nachrichtenagentur Reuters den Beginn einer Panzerschlacht, die sie als "möglicherweise entscheidend" bezeichnet. Staatspräsident Saleh ist am Ziel. Fünf Wochen zuvor hatte der Präsident verkündet: "Nach drei Wochen langem Druck aus der Ferne ist das Ziel Nummer Eins die Besetzung von Aden geworden, was auch immer der Preis sein wird. Wir ziehen den Ring um Aden enger."

Angesichts der scharfen Rhetorik - auf beiden Seiten -, und angesichts der Härte der Kampfhandlungen scheint es unvorstellbar, dass sich der Süden und der Norden des Landes gerade mal vier Jahre zuvor, am 22. Mai 1990, zu einem Staat vereinigt hatten - einer damals bei Nord- wie Südjemeniten populären Entscheidung.

Jetzt, nur vier Jahre später, war der vereinigte Jemen mit großem Getöse auseinander gebrochen, Hoffnung und Euphorie waren in Hass umgeschlagen.

In den Jahren dazwischen hatten sich Politiker aus beiden Landesteilen oft damit gerühmt, wie konfliktfrei und mustergültig die Vereinigung abgelaufen sei. In der jemenitischen Geschichte hingegen haben Herrscher eher selten die Macht über den Norden und den Süden besessen, fast immer hat es religiöse Unterschiede und Rivalitäten zwischen beiden Landesteilen gegeben. Besonders in den Jahren seit 1967, als im Süden die sozialistisch orientierte Volksrepublik Jemen gegründet wurde, ging man getrennte Wege - konservativ-islamisch der Norden, der Süden mit Veränderungen, die seinen Alltag liberaler machten, zum Beispiel für die Frauen.

1990, als der Sozialismus im Süden abgewirtschaftet hatte, vollzogen die beiden Landesteile den lang ersehnten Zusammenschluss, und Saleh, der einstige Koranschüler und spätere Emporkömmling beim Militär im Norden, wurde der erste Präsident des vereinten Jemens. Doch bald schon traten die Webfehler dieser Vereinigung hervor. Im Grunde hatte man die beiden Landeshälften lediglich zusammengeheftet. Die führenden Positionen im Staat wurden parallel besetzt, die beiden Armeen blieben getrennt, der Süden fühlte sich vom Norden dominiert und wirtschaftlich vernachlässigt. Die Hauptstadt Sanaa wurde zum Mittelpunkt des Landes. Im Süden waren beträchtliche Mengen Erdöl entdeckt worden, die Einnahmen aus seinem Verkauf gingen vorwiegend in den Norden.

Als Bundespräsident Weizsäcker im Juni 1992 den Jemen besuchte, wurde er noch von zwei Staatsoberhäuptern begrüßt - vom Präsidenten Saleh aus dem Norden und vom Vizepräsidenten Baidh aus dem Süden. 15 Monate später empfing Saleh Frankreichs Präsidenten Mitterand allein. Vizepräsident Baidh hatte sich bereits wütend in den Süden zurückgezogen. Das Experiment Diktatur plus Diktatur gleich vereinigte Demokratie war gescheitert.

Im Frühjahr 1994 kam es zu den ersten Kämpfen. Anfang Mai erklärte Präsident Saleh im Staatsfernsehen: "Dies ist eine entscheidende Schlacht, und wir werden diese Schlacht auszutragen haben, falls wir gezwungen sind, die Einheit zu verteidigen, und wir werden den Abtrünnigen entgegentreten." Ende Mai waren bereits mehrere Hundert Soldaten ums Leben gekommen.

Am 7. Juli 1994 erklärt Saleh die Hafenstadt Aden nach wochenlanger Belagerung für eingenommen und den Bürgerkrieg für beendet.

In den Tagen danach werden auf der Straße nach Aden Lastwagenkolonnen beobachtet, die aus dem Norden kommen und Lebensmittel bringen. Zur selben Zeit fahren LKW-Konvois in den Norden, voll gepackt mit Beutegut.

Vielen Südjemeniten ist der Sieg des Nordens bis heute als erhebliche Demütigung in Erinnerung.

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