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StartseiteBüchermarktAbgesang auf die Aristokratie27.05.2012

Abgesang auf die Aristokratie

Buch der Woche - Miklos Bánffy, Die Schrift in Flammen. Zsolnay

Er ist bei uns noch unbekannt und war auch in seiner Heimat ein halbes Jahrhundert lang vergessen: Miklós Bánffy, 1873 als Angehöriger der ungarischen Aristokratie in Siebenbürgen geboren und 1950 gestorben. Sein großer Roman "Die Schrift in Flammen" ist den Ursachen des Epochenbruchs durch den Ersten Weltkrieg auf der Spur.

Von Maike Albath

"Die Schrift in Flammen" ist der erste Band von Bánffys dreiteiligem Epochen-Panorama "Siebenbürger Geschichten". (picture alliance / dpa)
"Die Schrift in Flammen" ist der erste Band von Bánffys dreiteiligem Epochen-Panorama "Siebenbürger Geschichten". (picture alliance / dpa)
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Opulenter Untergang

Bálint Abády, ein junger Mann von angenehmem Äußeren, klug und keiner der typischen Aufschneider, ist mit der Droschke zu einem großen Ball seiner Tante unterwegs. Der Jurist und zukünftige parteilose Abgeordnete stammt aus altem ungarischem Adel und hat gerade einige Jahre als Diplomat im Ausland verbracht, Frankreich, Italien, Deutschland und Schweden kennengelernt, viel über Landwirtschaft und Genossenschaftsbanken gelernt, was er nun in Siebenbürgen umsetzen will. Einspänner, amerikanische Vierradreisewagen, herrschaftliche Kaleschen und niedrige Streckfuhrwerke preschen auf der staubigen Straße an ihm vorüber, beladen mit vornehmen Verwandten und Freunden. Bálint Abády hängt unterdessen seinen Gedanken nach.

"Ja, die Mädchen – sozusagen alle – hegten oder heuchelten zumindest eine gewisse Bewunderung für die Männer, die im Rufe eines großen Zechbruders standen. Er hatte nur eine getroffen, die ihre stark gezeichneten, geraden Augenbrauen missbilligend zusammenzog und das Kinn hob, wenn jemand sich vor ihr mit derartigem brüsten wollte. Es gab nur eine: Adrienne Milóth. Ein seltsames, selbständig denkendes Mädchen. In den meisten Dingen anders als die Masse. Sie tanzte keinen Csárdás, ihr Leiblied war ein Walzer, Champagner trank sie kaum, und in ihren Augen lag stets irgendeine ernste Besonnenheit. Sie war freundlich und sehr intelligent. Wie nur hat sie diesen finster blickenden Pál Uzdy heiraten können' Nichts zu machen! Den Frauen gefallen nun einmal Satansfratzen, dachte Abády bei sich, und als ihm dies einfiel, erwachte in ihm flüchtig wieder der Ärger, der ihn ohne jeden Grund erfüllt hatte, als er – zwei Jahre war es her – die Nachricht von Adriennes Verlobung vernahm. Nicht aus Eifersucht. Ach, nein. Bestimmt nicht."

Man verfällt ihm im Handumdrehen, diesem Ton von Miklós Bánffy, seinen geschliffenen Sätzen, dem gemächlichen Rhythmus, der nuancenreichen Sprache, den farbenprächtigen Beschreibungen und dem fesselnden Zusammenspiel der verschiedenen Erzählstränge und Figurengruppen. Die langsame Entfaltung der Geschehnisse passt zu einem Roman, der tief im alten Europa verwurzelt ist und an die großen literarischen Traditionen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpft. Von Tolstois "Krieg und Frieden" bis zu Thomas Manns "Zauberberg" und Joseph Roths "Radetzkymarsch" klingt vieles an. Achthundert Seiten umfasst allein der erste Band von Bánffys dreiteiligem Epochen-Panorama "Siebenbürger Geschichten", dessen Auftakt den Titel "Die Schrift in Flammen" trägt. Eine gewisse Dramatik schwingt also von der ersten Seite an mit, und tatsächlich nehmen die großen Umwälzungen und Verheerungen des Jahrhunderts hier ihren Anfang, auch wenn alles noch vom Pomp der Alten Welt überwölbt ist. Gegenstand des ersten Teils ist die Phase zwischen 1904 und 1910. Im Original erschien "Die Schrift in Flammen" 1934 und war sogleich ein großer Erfolg, bis Bánffy, selbst ein Graf aus Siebenbürgen, allein wegen seiner Herkunft über Jahrzehnte verfemt wurde und in der Versenkung verschwand. Auf Deutsch kommt das Werk dieses vergessenen Romanciers, der in seiner Heimat nach 1989 wieder entdeckt wurde, jetzt zum ersten Mal heraus. Es ist eine mitreißende Lektüre.

Bereits der Einfall, die fein gesponnenen Familienverhältnisse mit ihren vielen Abstufungen in der Anfangsszene über eine Kutschfahrt zu vermitteln, ist bestechend. Auf diese Weise schaut der Leser dem gerade zurückgekehrten, seelisch und intellektuell gereiften Bálint Abády über die Schulter, nimmt wie er den Beobachterposten ein und lernt einen Großteil der zukünftigen Akteure kennen. Allein die Fahrzeuge treffen eine Aussage über die jeweilige Position der Tanten, Großonkel, Cousins und Cousinen innerhalb des weit verzweigten Beziehungsgefüges, zu dem Verwandte ebenso gehören wie Freunde und einflussreiche Auslandsbekanntschaften, von denen man sich eine gute Partie für die Töchter im heiratsfähigen Alter erhofft. Nicht nur die verführerische und ungewöhnlich gebildete Adrienne mit ihren aufgeregten Schwestern passiert Abádys Droschke, auch der stolze und entsprechend rasant kutschierende Jóska Kendy, der Lebemann Onkel Ambrus, standhafter Trinker und Vorbild der männlichen Jugend, und schließlich Abádys begabter Cousin László Gyeröffy, sein liebster Kindheitsfreund.

Der hochmusikalische László stammt genau wie Abády aus bester Familie und ist die zweite Hauptfigur, deren Geschicke Bánffy auf den nächsten achthundert Seiten entfaltet. Im Unterschied zu seinem zielstrebigen Cousin ist Lászlo weniger beständig. Als Waise, der bei seiner vermögenden Tante aufwuchs, wird er mit herablassendem Wohlwollen und einer leisen Verachtung behandelt. In den entscheidenden Momenten gehört er eben doch nicht richtig dazu, was man ihn durch ein Gästezimmer im Dienstbotentrakt oder einen Platz am Katzentisch spüren lässt. Diese subtile Ausgrenzung macht dem jungen Mann sehr zu schaffen. Bálint ist weniger empfindlich, setzt sich über Intrigen und Gehässigkeiten hinweg und bemüht sich, ein tätiges Leben zu führen. Angeregt von den Erfahrungen im Ausland, will er sehr zum Ärger seines räuberischen Verwalters auch für seine Wälder einen Nutzungsplan aufstellen. Um seine Besitztümer besser kennen zu lernen, veranstaltet er als Erstes eine Expedition ins winterliche Gebirge. Hier wartet Bánffy mit großartigen Naturbeschreibungen auf. Ein Wasserfall fesselt seinen Helden besonders:

"Das Wasser ergoss sich aus einer Höhe von nahezu dreißig Metern. Oben hatte es im Fels eine tiefe Rinne eingeschnitten, von dort holte es frei, mit mächtigem Schwung zum Sprung aus. Nichts unterbrach es, nichts verstellte ihm den Weg, wo es hinunter stürzte. Vor dem schwarzen Grund schien es eine fließende, blaugrüne Erzsäule zu sein, vor deren dunkler Masse sich weiße Gischt türmte und hinweg schwang; im Fallen wandelte sich das Wasser in Hände, in lang ausgestreckte Finger und zuletzt in schäumende Knäuel, als es zuunterst in der rebellisch zurücktobenden Flut des Beckens aufschlug. Hier unten wirbelte und schäumte es, als läge Rauch über der Wasserfläche, Strudel, dick wie Schlagrahm, tanzten über den unregelmäßigen Wellenschlag, Perlenreihen von Tropfen schossen wild und wahnwitzig in hohem, halbkreisförmigen Bogen empor. Alles blieb sich gleich und veränderte sich ständig. Ein Schaumfetzen, den das Auge erfassen mochte, wurde mitten im Fall zum meterlangen Lappen, während unterdessen oben tausend verschiedenförmige Brüder, weiß wie Batist, geboren wurden, frei hinabstürzten, um ebenso hinab zu segeln, sanft, wie die Vögel fliegen; und dies wiederholte sich stets von neuem, pausenlos, unaufhörlich. Bálint blieb vor dem prachtvollen Anblick des Wasserfalles lange stehen; er konnte sich fast nicht davon lösen. Das Tosen des Wassers machte ihn, wie er dastand, einsam. Was für ein Leben, welch ein Lebenswille inmitten von Winter und Frost!"

Anschaulich vermittelt Miklós Bánffy das Naturereignis und weiß es ebenso spannungsreich zu schildern wie die Beziehungen zwischen seinen Figuren. Der Ungar beherrscht sein Metier perfekt, knüpft Handlungsfäden, schürzt Knoten, breitet politische Verwicklungen vor uns aus, schürt das Tempo durch süffige Liebesgeschichten. Von naiven Backfischen, betrogenen Ehemänner und gewitzten Mitgiftjägern bis zu Spielschulden und Tumulten im Parlament wird alles geboten. Beschreibungen von Häusern und Interieurs mit üppig gedeckten Tafeln, langwierigen Speisefolgen und aufwendigen Damenkleidern entfalten große Plastizität. Als Leser sitzt man mit am Tisch, schmeckt die Wachteln, Hechte, Truthähne und Pasteten förmlich auf der Zunge, bewundert die prächtigen Salons und verliert sich in lieblichen Landschaften.

Das liegt vor allem an der großen Bildhaftigkeit der Sprache und den einfallsreichen Vergleichen. Hügel sind bei Bánffy spitze Zeltdächer oder Brotlaibe. Unbelebte Gegenstände werden mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet: Samt-Diwane wirken ermüdet, es gibt "Rechenschaftsmöbelstücke" wie ein unbequemes Sofa, auf dem die gestrenge Tante Agnes ihren Kindern Standpauken hält. Japanische Kirschbäume erröten wie junge Mädchen, die sich der Hände ihrer Liebhaber erwehren. Die Figurenzeichnung steht dem in nichts nach. Ob eine Kammerzofe, ein intriganter Butler oder ein versoffener Großonkel, jeder gewinnt sofort Konturen. Den diebischen Verwalter Abádys nennt Bánffy "Zwergmännchen". Sein Kopf mit dem kurz geschorenen Haar erzeugt den Eindruck, "als trüge er einen Igel im Kragen". Die vertrocknete alte Tante Lizinka lässt sich mit ihrer "Perlhuhnstimme" über das allzu freizügige Kleid Adriennes aus. Der unsympathische Ehemann Adriennes wirkt hingegen wie eine Riesenspinne, wenn er bei Schießübungen barhäuptig vor seinen Gästen herum tanzt. Die Nuancierung, der lexikalische Reichtum und die opulent gestalteten epischen Bögen machen "Die Schrift in Flammen" so fesselnd.

Während sich Bálint Abády nach und nach in seine politische Mission hinein findet, zwar unter dem Geschacher in Budapest leidet, aber zumindest auf dem Land einige Änderungen wie eine Genossenschaftsbank und eine Leihbibliothek durchsetzen kann, verläuft der Weg des zweiten Helden László weniger gradlinig. Genau wie Bálint seine Adrienne begehrt auch Lászlo ein unerreichbares Mädchen. Es handelt sich um seine angeheiratete Cousine Klára, die ebenfalls in ihn verliebt ist, aber die Rechnung ohne ihre Stiefmutter gemacht hat. Die ehrgeizige Tante Agnes steht längst in Verhandlungen mit einer einflussreichen Wiener Familie. Eine Vermählung in diese Kreise brächte auch einen sozialen Prestigegewinn. Damit kann Lászlo nicht dienen. Der ewigen Herabsetzung müde, kommt er auf die schlechteste aller Ideen:

"Arsenovic klimperte mit den Jetons, die er eingestrichen hatte, und während er das ein wenig schon verfettete, hübsche brauen Gesicht vorschob, fragte er: 'Viertausend, wer will sie?' Wuelffenstein stieß in diesem Augenblick László an der Schulter an: 'Steh auf! Ich will mich hinsetzen!' Er sagte es in einem Befehlston. Er sagte nicht "bitte", sondern warf nur sein "Steh auf" hin, als verfügte er über ihn. Zorn bemächtigte sich Gyeröffys. Was glaubt der, wer er sei' Wofür hält sich dieser Mensch' Nein, nein! Um keinen Preis würde er aufstehen, möge geschehen, was wolle. Im Bruchteil einer Sekunde durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass er den Sitz nur behalten könne, wenn er sich am Spiel beteilige; sonst wäre er unbedingt verpflichtet, den Platz dem anderen zu überlassen. Deshalb also rückte er zum Tisch vor, klopfte auf den Kreis und sagte: "Bank!" Alle blickten ihn an, so unerwartet kam sein Eintritt ins Spiel und dass er bei einer so hohen Summe 'Bank!' gesagt hatte. Dies eine wohlüberlegte, einsilbige Wort flößt eben so viel Ehrfurcht ein. "

Anfangs geht die Rechnung auf: Als stilvoller Spieler erringt Lászlo die Hochachtung der arroganten Budapester Aristokratie, zunächst im Kasino, dann auf dem gesellschaftlichen Parkett. Dass er künstlerische Ambitionen besaß und Komponist hatte werden wollte, gerät immer mehr ins Hintertreffen. Seine größte Sehnsucht bleibt Klára, aber als sie sich gegen die Eheanbahnung ihrer Mutter zur Wehr setzt, weiter zu ihm steht und ihn nur darum bittet, dem Spieltisch abzuschwören, scheitert er kläglich. Hier stellt Bánffy sein an der K.&K.-Tradition geschultes Geschick als Seelenzergliederer unter Beweis und fertigt ein faszinierendes Psychogramm an. Er führt vor, wie Lászlós Minderwertigkeitskomplex selbstzerstörerische Züge entwickelt – dabei hätte dem jungen Mann fast alles offen gestanden. Aber seine Triebkontrolle versagt, und er verschwendet sein Talent. Wie ihn seine Sucht am Spieltisch in den Abgrund treibt, ist eine der unheimlichsten Szenen des Romans. Miklós Bánffy, in seiner Jugend selbst als Spieler, Zecher und Frauenverführer verrufen, zeigt außerdem, wie unerbittlich die aristokratische Gesellschaft Regelverletzungen ahndet. Wer den Normen nicht entspricht, wird verstoßen.

Und schließlich ist sein Roman, ähnlich wie Tomasi di Lampedusas großes Sizilienfresko "Der Leopard" von 1958, eine eindrucksvolle Studie der Dekadenz der Aristokratie. Denn genau wie die sizilianische Gesellschaft feiert auch die ungarische vor allem sich selbst und nimmt die politische Verantwortung der eigenen Klasse nicht wahr. So eindrucksvoll ihre Bälle, Jagden, Konzerte auch sein mögen, so hoch entwickelt ihr Geschmack auch ist – viele Rituale sind nichts als Hülsen und entbehren jeder Funktion. Oft gewinnt Bánffys dickleibige Milieustudie sogar komische Qualitäten, wenn zum Beispiel zum Duell geblasen wird. Eines Nachts muss im Suff eine beleidigende Bemerkung gefallen sein. Bálint Abády hat es gar nicht bemerkt, aber seine Kumpane erinnern sich umso genauer: keine Frage, da muss Genugtuung gefordert werden. Endlich passiert etwas! Sekundanten werden bestimmt, der Code konsultiert, die Waffen poliert, die ärztlichen Gerätschaften bereit gestellt.

"'Nachdem ich meine vom Gesetz vorgeschriebene Pflicht erfüllt habe und die Kontrahenten trotz meiner ernsthaften Aufforderung nichts willens sind, sich zu versöhnen…' Bogáscy richtete sich jetzt noch straffer auf, schob seinen riesigen Katerschnurrbart weiter vor, und er kommandierte schallend: 'Meine Herren! En garde!' Und dann, nach einer Sekunde: 'Los!' Der Boden dröhnte unter vier Sohlen, zwei Klingen kreuzten sich klirrend. Bálint verspürte einzig, dass sein Säbel niederfuhr, als prallte er von einem Gummiball zurück. Dass auch er einen Hieb empfangen hatte, bemerkte er nicht einmal. 'Halt!', rief Bogáscy bereits jetzt. 'Halt!', rief auch Tihamér, der, um hinter dem Major nicht zurückzubleiben, ebenfalls einen Fechtsäbel ergriffen und sich neben den Duellanten auf der anderen Seite aufgestellt hatte. Die Ärzte eilten mit Wattebäuschen herbei, sie kümmerten sich um beide. Mit vorzüglichem Eifer tamponierten sie Pityu an der Schulter und Bálint an der Armbeuge, obwohl die Hiebe gerade nur die Haut geritzt hatten. 'Kampfunfähigkeit?', fragte Bogáscy streng. 'Absolut! Unbedingt', antworteten die zwei Ärzte gleichzeitig und vermeldeten dann abwechselnd: 'Schnitt in der Nähe der Schlagader…' 'Der wichtigste Armmuskel, der Handbeuger…' '…kann zur Verblutung führen…' '…zu Wundstarrkrampf und plötzlicher Lähmung…' 'Meine Herren, der Ehre ist Genüge getan!' Während der Arzt ein ansehnliches englisches Pflaster auf das obere Ende von Bálints Unterarm klebte, stellte Tihámer flüsternd die Frage: 'Willst du dich aussöhnen, bitt' sehr?' 'Aber natürlich', antwortete Abády gut gelaunt."

Hier beweist Bánffy seine Fähigkeiten als Satiriker – das Duell ist ein Zeitvertreib für unterbeschäftigte Männer, sonst nichts. Engagierte Intellektuelle mit politischen Ambitionen wie Bálint sind die Ausnahme. In die beiden Helden Bálint und László fließen autobiografische Erfahrungen des Verfassers ein: 1873 in Klausenburg als Sohn einer einflussreichen Siebenbürger Familie geboren, studierte Bánffy Jura, wurde genau wie Bálint Abgeordneter, war von 1906 an Obergespan, also Präfekt seiner Heimatstadt, und 1922 sogar Außenminister, trat aber gleichzeitig als Intendant der Budapester Oper in Erscheinung und arbeitete als Künstler. In Die Schrift in Flammen klagt er immer wieder Amtsmissbrauch und Korruption an. Er zeichnet Bálint als einen liberalen Kopf, dem die selbstgenügsame Haltung der Aristokratie zuwider ist.

"'Ich pfeife auf die ganze hiesige Gesellschaft!' Zorn bemächtigte sich Bálints, er sprang auf, eine Ader an seiner Stirn schwoll an: 'Was bist du anderswo, László? Noch nicht einmal ein Name, nur eine Nummer, niemand! Und magst du auch ein Künstler sein, selbst die Kunst ist nur dann ein Wert, wenn sie einheimischem Boden entwächst, sonst ist sie Papier. Und dass du das Vermögen vergeudest, das du nicht selber erworben, sondern geerbt hast, auch das ist unerlaubt. Mit dem Besitz geht eine Pflicht einher, Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft!' 'Sollte ich etwa in der Politik mittun wie du', erwiderte László geringschätzig. 'Die Politik ist das Leben selbst. Ich meine nicht Parteipolitik. Aber es ist auch Politik, wenn ich mein Hauswesen in Ordnung halte, wenn ich mich um mein Gut und mein Dorf kümmere, wenn ich allem behilflich bin, was den Wohlstand und die Kultur fördert.'"

Bánffy übt harsche Gesellschaftskritik. Seine Romantrilogie entstand in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, und der Autor wollte den Ursachen für den Epochenbruch durch den Ersten Weltkrieg auf die Spur kommen. Nicht nur der brodelnde ungarische Nationalismus, der über weite Strecken des Romans in seiner Explosivität geschildert wird, wird als Gefahr identifiziert, auch die apolitische Haltung seiner Klasse. Weitsichtig erkannte Miklós Banffy die drohenden Zuspitzungen, und während des Zweiten Weltkrieges plädierte er sogar für ein Ausscheren Ungarns aus den Achsenmächten. Weder damals noch nach dem Krieg war sein Kosmopolitentum gefragt. Seine Besitztümer, die mittlerweile zu Rumänien gehörten, brannten nieder und waren später von Enteignungen betroffen. Bánffy starb vollkommen mittellos 1950 in Budapest. Sein Roman "Die Schrift in Flammen" ist ein großartiges Sittengemälde. Man fiebert nicht nur mit Bálint als Aufklärer und Erneurer mit. Eine Triebfeder des Ganzen sind natürlich die emotionalen Verwicklungen. Die betörende Adrienne verlangt dem jungen Grafen jahrelange Liebesarbeit ab. Wie diese ausgeht, wird nicht verraten. Nur so viel: die Fiktion steht dem wirklichen Leben in nichts nach.

Miklos Bánffy, Die Schrift in Flammen.
Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Andreas Oplatka.
Paul Zsolnay Verlag Wien, 799 Seiten, 27,90 Euro

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