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StartseiteBüchermarktAbrechnung mit der Herkunft16.05.2010

Abrechnung mit der Herkunft

Buch der Woche: "Löwen und Schatten" von Christopher Isherwood. Berenberg Verlag.

Im Hollywood der Nachkriegszeit war der Schriftsteller Christopher Isherwood eine schillernde Persönlichkeit. Die in seinen Romanen entwickelte halbdokumentarische Schreibweise inspirierte Musical- und Filmregisseure zu erfolgreichen Adaptionen. Nun wurde Isherwoods Roman "Löwen und Schatten" neu ins Deutsche Übersetzt.

Von Michael Schmitt

"Löwen und Schatten" ist ein diskretes Buch über junge Männer mit allerlei Hemmungen.  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
"Löwen und Schatten" ist ein diskretes Buch über junge Männer mit allerlei Hemmungen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Christopher Isherwood war Zeit seines Lebens eine schillernde Figur. Sohn der englischen Oberschicht, schon in jungen Jahren ein sozialkritischer Schriftsteller, später dann ein erklärter Pazifist, der sich unter dem Einfluss von Aldous Huxley dem Hinduismus zuwandte. Eine bekannte Figur auf den Partys in Hollywood, wo er seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte und arbeitete. Ein literarischer Erzieher des Lyrikers und Freundes W. H. Auden und im hohen Alter ein engagierter Teilnehmer an den ersten Gay-Parades in den USA, mit denen gegen die Unterdrückung der Homosexuellen protestiert wurde.

Er hat den Jahren um 1930 in Berlin mit zwei Romanen Denkmäler gesetzt, in denen das Freizügige des Lebens in dieser Stadt mit der explosiven Zeitgeschichte verschmolzen ist - das sind "Mr. Norris Changes Trains" von 1935 und "Good Bye to Berlin" von 1939. Sein Name ist auch für immer mit dem Erfolg des Musicals verbunden, das aus diesen Romanen entwickelt worden ist, und das 1972 unter dem Titel "Cabaret” mit Lisa Minelli in der Hauptrolle auch die Kinos erobert hat. Und gerade eben hat der Modemacher Tom Ford sich als Regisseur an Isherwoods Spätwerk "A Single Man" von 1964 versucht, der Geschichte eines homosexuellen Professors, der seinen Liebhaber verliert. Auch dieser Film kann auf Erfolge bei den Kinobesuchern verweisen – und die Eleganz der Ausstattung entspricht dem Stil eines Schriftstellers, der zwar die Klasse verabscheute, der er entstammte, der ihre Gepflogenheiten aber durchaus beherrschte.

Es gibt also keinen Grund, Geringschätzung der Welt für einen Schriftsteller zu beklagen, der über Homosexuelle schrieb, aber als Linker auch den Spanischen Bürgerkrieg kannte und das China zur Zeit der Besetzung durch die Japaner. Dennoch: So richtig ist Isherwood zumindest unter den Deutschen, unter denen er ab 1929 vier Jahre lang lebte, niemals angekommen. Zwar erinnert in Berlin am Nollendorfplatz eine Gedenktafel an ihn, und einige seiner Bücher sind immer wieder aufgelegt worden, aber vielleicht verbinden ihn viele Leser doch zu sehr mit dem Musical und zu wenig mit den literarischen Impulsen, die von ihm und seinen Freunden seit den 20er-Jahren ausgegangen sind: mit der halbdokumentarischen Schreibweise, die Isherwood in seinen Romanen entwickelt; mit der hemmungslosen Vermischung von Autobiographie und Roman, die er kultiviert; mit den neuen Tönen in der Lyrik im Kreis um W. H. Auden.

In "Löwen und Schatten" kann man mehr darüber erfahren – allerdings nur über Isherwoods Jugend- und frühe Erwachsenenjahre bis zu seinem Aufbruch nach Berlin im Alter von 25. Joachim Kalka hat dieses Buch übersetzt, das erstmals 1938 erschienen ist, und er hat es auch kommentiert und mit einem Vorwort versehen. Es ist die erste der autobiographischen Erzählungen von Isherwood - der zweite Teil, der die Jahre 1929 bis 1939 umfasst, heißt "Christopher And His Kind", und daran schließen sich die Tagebücher an, die Isherwood von 1939 an über die Zeit in Hollywood geführt und dann für die Veröffentlichung überarbeitet hat.

Auch in den 20ern hat er schon Tagebuch geführt – und erwähnt das auch in "Löwen und Schatten" - , diese Texte aber sind nicht erhalten. Der Leser bleibt also auf ein Buch verwiesen, das vorgibt, Autobiographie zu sein, stellenweise aber wie ein Roman mit Namen und Ereignissen spielt. Schon der Untertitel verrät das: Er verspricht "eine Jugend" und nicht "meine Jugend" im England der 20er. Das Buch will mehr sein als nur Referat eines einzigen Lebens. Es ist eine Abrechnung mit der Herkunft und die Darstellung eines literarisch-ästhetischen Reifeprozesses in einem kleinen Kreis von jungen Männern, die sich zumeist schon von der Schule her kennen und sich alle dem Schreiben überantwortet haben: Es geht neben Isherwood selbst vor allem um W. H. Auden, um den Lyriker Stephan Spender und um den Schriftsteller Edward Upward. Sie werden nie bei ihren richtigen Namen genannt, aber man erkennt sie wieder.

Die Jugendjahre dieser Männer stehen meist, auch wenn sie selbst nicht mehr an der Front gewesen sind, im Zeichen des Ersten Weltkrieges. Isherwood selbst leidet darunter, dass sein Vater als Offizier im Jahr 1915 in Frankreich gefallen ist – nachdem dieser Vater nie einen Zweifel daran gelassen hatte, wie unsinnig vaterländische Parolen, Orden und Uniformen seien, wie wenig auf Säbel und Pistole zu geben sei. Der Krieg, so Isherwood über sich selbst und über seine frühen Manuskripte, wirkt als unterschwelliges Thema überall im Verborgenen in ihm weiter. Er geht sogar so weit, seine eigenen Schreibversuche mit geradezu psychoanalytischem Besteck zu analysieren, um Symbole und Hinweise darauf zu finden. Und stellt zugleich, mit soziologischer Präzision, die eigene Ortlosigkeit als verbreitete Erfahrung einer ganzen Generation englischer Schüler dar:

"Die Sechste bestand immer noch aus Jungen, die es nur knapp verpasst hatten, eingezogen zu werden – fast waren sie schon Infanterieoffiziere gewesen und hatten gelernt, einer kurzen Laufbahn voller Gewalt im Schützengraben entgegenzusehen. Sie waren dem Leben der Schule schon längst entwachsen, ehe sie abgingen. Jetzt hatte sich ihnen mit einem Mal die universell weite Karriere des Soldaten wieder verschlossen, und alle Alternativen schienen diffus und langweilig. So ließen die Schüler der Sechsten die Dinge treiben, es war ihnen alles weitgehend egal. Den Lehrplan betrachteten sie mit gutmütigem Amüsement, sie übertraten die strengen Verbote, das Schulgelände nicht zu verlassen, sie machten sich über die Hausaufgaben und den Mannschaftssport lustig, kamen nicht zum Gottesdienst, schrieben gewagte Liebesgedichte, schlenderten in verschiedenen Formen leichter Kostümierung umher oder hingen auf ihren Zimmern herum, die Füße pfeiferauchend auf den Kaminsims gelegt wie Großväter."

Von Seelenverwandtschaft mit diesen anderen Jungen kann man dennoch nicht sprechen, dafür fühlt Isherwoods sich viel zu klar als isolierten Einzelnen. Für enge Freundschaften braucht es mehr – das verbindet sich vor allem mit einem "kleinen blassen Jungen", der in der Bibliothek der Schule Gedichte schreibt und mit dem zusammen er dann in der Folge so etwas wie eine autarke und sehr private Fantasiewelt errichtet. In "Löwen und Schatten" heißt dieser Junge Allan Chalmers, im richtigen Leben handelte es sich um Edward Upward, der in den 30ern zu einem engagierten Marxisten mutiert und anders als Isherwood und Auden erst spät zu schriftstellerischem Ruhm gekommen ist.

"Sobald ich mit Chalmers in Berührung gekommen war, fasste ich den festen Entschluss, ihn gut kennen zu lernen. Im ganzen Leben vorher oder nachher fand ich mich niemals so stark und unmittelbar zu einer Persönlichkeit hingezogen. Alles an ihm lockte mich. Er war von Natur aus ein Anarchist, ein geborener romantischer Revolutionär; ich war ein großbürgerlicher Puritaner, vorsichtig, ein wenig geizig, nicht ohne Standesbewusstsein. Chalmers hatte die Konfirmation verweigert und dem Leiter seines Hauses einfach erklärt, er sei Agnostiker. Ich hatte ein paar Monate zuvor den Konfirmationsunterricht und das Ritual mitgemacht und dabei sämtliche in meinem kleinen schwarzledernen Leitfaden vorgeschriebenen Empfindungen gehabt, so dass der Lehrer, der uns vorbereitete, von der Komplexität und Subtilität meiner ‚religiösen Schwierigkeiten’ entzückt war. Jetzt musste ich mir bereits gestehen, dass die gesamte Zeremonie, soweit sie mich betraf, bedeutungslos gewesen war. Wäre ich nur ehrlicher gewesen und hätte sie von Anfang an gemieden wie Chalmers."

Chalmers ist ein Jahr älter als Isherwood und geht nach beendeter Schulzeit entsprechend ein Jahr früher ans College in Cambridge. 1922 sind sie für einige Zeit gemeinsam in Frankreich, wo sie zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass sie beim Sprechen in einer fremden Sprache alle die Hemmungen verlieren, die in England, vor allem in den besseren Kreisen, das Leben kompliziert machen. In Berlin wird Isherwood diese Erfahrung nach 1929 dann bekanntlich erneuern und im Umgang mit proletarischen Homosexuellen und Strichjungen nicht nur die Einschränkungen durch die Sprache, sondern auch diejenigen durch die Klassenzugehörigkeit über Bord werfen. In Cambridge sind die Grenzen Anfang der 20er demgegenüber noch eng gesteckt. Und Isherwood konstatiert an sich selbst, auch am Beispiel seiner frühen literarischen Versuche, so etwas wie eine "homosexuelle Romantik", die alles durchdringt, aber nie explizit wird.

"(...) es gab in Cambridge so viel, was einen vom schäbigen Thema der studentischen Arbeit ablenkte! Die Buchhandlungen, in denen man stundenlang lesen konnte, ohne gestört zu werden; die Antiquitätengeschäfte, denen kein Student widerstehen kann; die Tea-Shops voller ungesund köstlicher Kuchen. Es fanden einige erheiternde Partien Squash mit einem Mann aus meiner alten Grundschule statt, und es gab wilde nächtliche Touren in Sargents Auto (...)"

Vor allem aber gibt es

"(...) die private Welt, die Chalmers und ich uns planvoll erschufen, eine Welt, die sich ständig ausdehnte und immer machtvoller und komplexer wurde, immer stärker ausgeprägt und reicher an Einzelheiten und atmosphärischer Dichte. So verdrängte sie nach und nach das Geschichtsstudium (...), die Professoren, die Studentenstreiche, die Teegesellschaften, das Pokerspiel, die Dramenlesungen: tatsächlich alles, das gesamte Netz von Persönlichkeiten, sozialen und moralischen Verpflichtungen, verinnerlichten Verhaltensregeln und öffentlichen Vergnügungen, welches äußerlich die Struktur unserer Studentenexistenz abgab."

"Löwen und Schatten" ist ein diskretes Buch über junge Männer mit allerlei Hemmungen; die detailliertesten Informationen über die gemeinsam aufgebaute private Welt betreffen stets nur literarische Ambitionen und Projekte, die vielleicht kompensatorische Aspekte aufweisen. Ein zentrales Element dieser Privatheit von Chalmers und Isherwood sind daher die "Mortmere-Geschichten", mit denen die beiden sich jahrelang immer wieder beschäftigen: Eine Schreibübung aber wohl auch eine Überlebenshilfe, der Entwurf einer Art von Fantasy-Welt, einer "anderen Stadt", die als grotesk-komischer und satirischer Gegenentwurf zu Cambridge aufgebaut wird. Nur wenig davon wird in späteren Jahren unter dem Namen von Edward Upward veröffentlicht werden; als gemeinsame Gärung der Fantasie und als eine Form ständigen Dialogs und Austauschs aber begleitet Mortmere die beiden über viele Höhen und Tiefen und biografische Veränderungen hinweg.

W. H. Auden, der zu dieser Zeit noch nicht zum Kreis dazu gehört, hat später einmal in einem Essay über das "Schreiben" erklärt, das wechselseitige Vorlesen aus eigenen Werken sei unter Dichtern eine höchst unliebsame Prozedur – und nur sehr junge Schriftsteller unterzögen sich dem freiwillig. Wer das in seiner Abschätzigkeit nicht glauben mag, dem liefert Isherwoods Autobiografie vielleicht ein paar Belege für die Richtigkeit von Audens Bemerkung: Dafür, wie eng so ein Umgang mit der Literatur Menschen zusammenschweißen kann, die nach sich selbst und nach einem Halt suchen; aber auch dafür, wie überdeterminiert dann auch jede Zeile, jede neue Idee und jede Geste der Selbststilisierung geraten muss.

Fast schon gnadenlos mit sich selbst folgt "Löwen und Schatten" nämlich den Metamorphosen von "Isherwood, dem Künstler", wie der Autor sich selber spöttisch als Entwurf einer Daseinsform bezeichnet. Er erinnert sich an seine Art, ein Tagebuch zu führen; er zitiert, paraphrasiert und analysiert die zahllosen aufeinander folgenden Entwürfe zu immer neuen Romanen, schildert Niedergeschlagenheiten und Langeweile. Und belegt dabei, über alle Verstiegenheiten im Einzelnen hinweg, doch auch so etwas wie einen Reifungsprozess. Denn Isherwood, der das College genauso ablehnt wie seine Klassenzugehörigkeit und der deshalb die Prüfungen in Cambridge ganz bewusst in den Sand setzt, macht nach und nach eben auch Erfahrungen, die sein Verständnis von Kunst sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen. Er verdingt sich beispielsweise bei einem Kammermusiker als Sekretär von dessen Quartett und begegnet dabei zum ersten Mal einem vor allem handwerklichen - und mehr noch: demütigen – Verständnis von Kunst:

"Cheurets Laufbahn war eine heilsame Lektion für ‚Isherwood den Künstler’. Hier stand ich vor einem Mann, der die besten Jahre seines Lebens damit verbracht hatte, die Musik anderer aufzuführen – und dies nicht im Sinne extravaganter persönlicher Interpretation, sondern so, wie der Komponist sie gerne gespielt gehört hätte. Dies war sein ganzes Ziel als Künstler: eine getreue, anonyme Wiedergabe. Diesem Ziel hatte er alle Aussichten, ein Star zu werden, alle Erwartungen großen materiellen Erfolgs geopfert – aber dieses Opfer war eine Selbstverständlichkeit, es vollzog sich ohne Klagen und ohne große Gesten."

Das ist als Haltung das genaue Gegenteil jenes emphatischen Willens zur Kunst, den Isherwood als Kennzeichen seiner jungen Jahre bis dahin herausgestellt hat. Und "Löwen und Schatten" zeigt Seite für Seite, wie weit der Weg ist, den er gehen muss, ehe er sich selbst viele Jahre später die oft zitierte Maxime zuschreiben kann: "I am a camera" – er sei ein Schriftsteller, der detailgenau registriert und dann mit einer gewissen Beiläufigkeit, die er sich bei E. M. Forster abgeschaut hat, seine Sätze aufschreibt. Im Kern ist "Löwen und Schatten" nämlich - wenig überraschend, aber eindrucksvoll – auch ein ganz klassischer Entwicklungsroman, der die verschiedenen miteinander verknüpften Handlungsstränge, denen er folgt, genauso auf Befreiung wie auf Ernüchterung hin auslegt.

"Isherwood den Künstler", der sich nicht nur in seiner Jugend, sondern, wie die Tagebücher zeigen, auch im reiferen Alter immer noch gerne als Außenseiter und einsame Figur empfindet, führt das schließlich zu einem fast schon bodenständigen Verhältnis zur Literatur und zu ihrem Platz in der Gesellschaft:

"Leute wie meine Freunde und ich, dachte ich, findet man in kleinen Gruppen in allen großen Städten: wir bilden eine stolz unabhängige, bewusst deklassierte Minorität. Wir machen unsere Witze, wir amüsieren einander köstlich – wir sind froh, sagen wir, dass wir anders sind. Aber sind wir wirklich froh? Freut sich wirklich irgendjemand auf die Aussicht auf fortwährende Opposition, auf die lebenslange Existenz eines Unangepassten? Ich wusste jedenfalls, dass ich es nicht tat. Ich wollte – so sehr ich mich in Augenblicken der Überheblichkeit mühte, mir das Gegenteil einzureden – einen Platz, sei er noch so bescheiden, in der Gesellschaftsordnung finden. Solange ich das nicht tue, sagte ich mir, wird meine Schreiberei nie etwas taugen – kein Talent, keine Technik wird das aufwiegen, es wird alles ein Treibhausprodukt bleiben, bestenfalls etwas für den Connoisseur und die Clique."

Während er noch damit befasst ist, sein Bild vom "Beruf des Dichters" zu modifizieren, und gleichzeitig immer deutlicher versteht, über welche Nuancen des Ausdrucks er verfügt und über welche nicht, verschafft ihm 1928 die Veröffentlichung seines ersten Romans, der von Jonathan Cape angenommen worden ist, tatsächlich jenen Status eines Schriftstellers, auf den "Isherwood der Künstler" so lange und so sehnlich hingearbeitet hat. "All the Conspirators" wird zwar kein großer Erfolg, bestätigt aber einen Lebensentwurf, der in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre auch noch durch andere Entwicklungen in Isherwoods Freundeskreis kräftige Impulse erhält.

Denn neben dem Freund Allan Chalmers spielt seit 1925 ein zweiter junger Dichter für Isherwood eine wichtige Rolle – das ist Hugh Weston, drei Jahre jünger, aus bürgerlichen Verhältnissen stammend, umfassend gebildet aber vergleichsweise hemmungslos. Hinter diesem Namen verbirgt sich – leicht zu entschlüsseln - der Lyriker Wyston Hugh Auden, den Isherwood schon als Schüler kennen gelernt hatte und dann als Student wieder trifft. Das Porträt, das "Löwen und Schatten" von ihm zeichnet, ist berühmt und geprägt von der Faszination von einem Menschen, der in vielem das genaue Gegenteil von Isherwood ist und mit dem Leben wohl immer schon offensiver umgehen konnte:

"Obwohl Weston drei Jahre jünger war als ich, hatte er die oberste Klasse erreicht, ehe ich abging. Er war frühreif altklug, unordentlich, faul, und er neigte den Lehrern gegenüber zu Frechheiten. Sein Ehrgeiz war es Bergbauingenieur zu werden, und seine Spielkiste war voller dicker wissenschaftlicher Bücher über Geologie, Metalle und Maschinen, aus der Bibliothek seines Vaters entliehen. Sein Vater war Arzt; Weston hatte sehr früh im Leben den Schlüssel zu einem Bücherschrank entdeckt, der anatomische Handbücher mit kolorierten deutschen Illustrationen enthielt. Mehreren von uns, darunter mir, verschaffte er die ersten unanständigen, bestürzenden, atemberaubenden Andeutungen über die Realität des Sexus. Meine Erinnerungen an ihn haben sich vor allem wegen dieser überlegenen Unanständigkeit festgesetzt, wegen seiner Dreistigkeit, seinem bedeutsamen Grinsen, das anzeigte, dass er über ungehörige und aufregende Geheimnisse verfügte."

Dieser Junge sei unter den Schulkameraden eine Art von Medizinmann gewesen – als Student und auch als Dozent in Oxford ist er ab 1925 aber auch ein wandelndes Literaturlexikon und manchmal auch ein Ausbund an Peinlichkeit, wenn er in aller Öffentlichkeit seine Lesefrüchte deklamiert und mit der Stimme experimentiert. Weston gibt Isherwood, nachdem sie sich wieder begegnet sind, einige seiner Gedichte zur Begutachtung, und auch zwischen diesen beiden entwickelt sich ein enger literarischer Dialog. Aber für Isherwood bedeutet diese Freundschaft noch etwas ganz anderes, nämlich eine teilweise schmerzhafte Initiation in alles Körperliche. Wo bislang meist nur die schon erwähnte "homoerotische Romantik" im Hintergrund gewirkt zu haben scheint, geht es nun mit einem Mal sehr viel direkter zu:

"(...) Weston ließ nichts unberührt und respektierte gar nichts: er drang überall ein – in meine altjüngferliche Ordentlichkeit, meine privaten kleinen Angewohnheiten, meine privaten kleinen Angewohnheiten, meine Wehwehchen, meine geheimsten sexuellen Ängste. So gnadenlos wissbegierig wie ein sechsjähriges Kind fragte er mich nach den Einzelheiten meiner Träume und Fantasien aus, entwirrte meine Komplexe und untersuchte mit seinem stumpfen Finger die Akne auf meinem linken Schulterblatt, derer ich mich seit meinem 18. Lebensjahr maßlos schämte. Ich beantwortete seine Fragen, wie man es immer tun wird und muss, wenn der Frager selbst keinerlei Takt oder Schamgefühl kennt. Und als ich schließlich fertig war, da war der Himmel nicht eingestürzt – und was für eine Erleichterung, die Worte laut ausgesprochen zu haben. Westons eigene Haltung dem Sex gegenüber raubte mir in ihrer Schlichtheit und vollkommenen Ungehemmtheit fast den Atem. Ein Don Juan war er nicht – er lief nicht umher und jagte seinen Vergnügungen nach. Aber er nahm sich, was gerade kam, mit einer Sachlichkeit und einem so herzhaften Appetit, wie wenn er sich zu Tisch setzte."

In den 30er-Jahren wird sich das Verhältnis drehen, dann wird Isherwood in Gesellschaft irgendwann der provokantere und direktere der beiden sein, und W. H. Auden wird darunter leiden. Zunächst aber ist in "Löwen und Schatten" Audens alter ego Hugh Weston nicht nur ein Lebenslehrer, sondern auch eine Art von Therapeut für Isherwood. Und Weston wird 1928 auch der erste sein, der nach Berlin zieht; Isherwood wird ihm folgen.

In "Löwen und Schatten" fällt der Satz nicht, der als ultimative Begründung für diese Ortsveränderung in die Literaturgeschichte eingegangen ist: "Berlin meant boys" – aber diese ganze Erzählung einer "englischen Jugend" zielt darauf hin. Wolfgang Kemp hat das ja gerade auch in einer Untersuchung der Berichte englischer Reisender im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgestellt. "Foreign Affairs" hat er das genannt und beschrieben, dass man vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland mit wenig Geld leben konnte und dass hierzulande lockerere Sitten herrschten als etwa in Großbritannien. Ziemlich zugespitzt bezeichnet er das Berlin der Zwanziger sogar als das Gegenstück zum Bangkok der achtziger und neunziger Jahre, also als "Hauptstadt des Sextourismus".

W. H. Auden lebt dort 1928/29 nur wenige Meter weg von einem Bordell; Isherwood logiert 1929 zunächst in Magnus Hirschfelds "Institut für Sexualwissenschaften", das eine Zentrale der Homosexuellenbewegung ist, und zieht dann an den Nollendorfplatz, wo es Strichjungen, aber auch die Treffpunkte von Rechtsradikalen gibt. Worüber in "Löwen und Schatten" nur indirekt und als großes Versprechen am Horizont die Rede ist, das wird in Berlin tatsächlich gelebte Erfahrung und Stoff für Romane und Theaterstücke werden. Aber das ist eine andere Geschichte, sie wird in "Löwen und Schatten" noch nicht erzählt.

Christopher Isherwood: "Löwen und Schatten. Eine englische Jugend in den Zwanziger Jahren". Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2010, 240 Seiten, 25 Euro

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