Interview / Archiv /

 

"Ägypten hat die Kontrolle verloren"

Experte glaubt nicht an einen Anschlag der Hamas

Stephan Roll im Gespräch mit Peter Kapern

Nach dem Anschlag an der ägyptisch-israelischen Grenze hat es erneut Gefechte gegeben.
Nach dem Anschlag an der ägyptisch-israelischen Grenze hat es erneut Gefechte gegeben. (picture alliance / dpa)

"Es ist absolut nicht davon auszugehen, dass die Hamas in irgendeiner Form darin verwickelt ist", sagt Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik zu den Anschlägen an der ägyptisch-israelischen Grenze. Auch ob Islamisten beteiligt waren, sei offen.

Peter Kapern: Am vergangenen Sonntag überfielen Islamisten auf der Sinai-Halbinsel einen ägyptischen Grenzposten und töteten 16 Soldaten. Anschließend wurden die Angreifer selbst erschossen, als sie mit einem gestohlenen Panzer nach Israel eindrangen. Nun hat es wieder Gefechte zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und Bewaffneten gegeben mit Dutzenden Toten. Hans-Michael Ehl mit den Einzelheiten.


Soweit der Bericht von Hans-Michael Ehl, und den hat Stephan Roll mitgehört, der Ägyptenexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Guten Tag, Herr Roll!

Stephan Roll: Guten Tag!

Kapern: Herr Roll, wer sind diese Islamisten, die die ägyptischen Soldaten überfallen, und woher kommen sie?

Roll: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, ich kann das auch nicht beantworten. Es ist tatsächlich so, dass es bis jetzt keine Bekennerschreiben gibt, was diesen Anschlag auf die ägyptischen Soldaten angeht. Ob es überhaupt Islamisten sind, ist im Grunde genommen auch offen. Es spricht einiges dafür, dass hier auch islamistische Elemente sozusagen unterwegs sind, aber das ist eine wilde Mischung von Schmugglern, von sicherlich extremistischen Palästinensern, von eben vielleicht auch internationalen Islamisten, die versuchen, sich auf dem Sinai niederzulassen, man weiß es nicht so genau.

Kapern: Wenn man nicht so genau weiß, wer sie sind, die diese Kämpfe dort anzetteln? Weiß man denn, woher sie kommen? Ist das gesichert, dass sie aus dem Gaza-Streifen kommen?

Roll: Überhaupt nicht. Wie gesagt, der Sinai, das ist für uns ein bisschen eine Black Box. Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass aufgrund der neuen Informationstechnologien sowohl die ägyptische als auch die israelische Seite genau wissen sollten, was auf dem Sinai los ist, aber es ist ein sehr schwieriges Gelände, es gibt dort eben viele Berge, viele Möglichkeiten, Unterschlupf zu suchen, und es ist wirklich ein nicht besonders gut erkundetes Gebiet. So gesehen, man weiß nicht, woher die kommen, ob sie tatsächlich so, wie es jetzt in Ägypten vor allem kolportiert wird, aus dem Gaza-Streifen gekommen sind. Man weiß es nicht.

Kapern: Wie plausibel ist dieser Vorwurf, dass diese Überfälle aus dem Gaza-Streifen kommen? Denn immerhin war es ja so, dass, wenn die Menschen im Gaza-Streifen von irgendwo noch Hilfe erhalten haben, dann war es eher aus Ägypten, aus dem Sinai. Warum sollte sich also jetzt die Gewalt, die vom Gaza-Streifen ausgeht, ausgerechnet dorthin richten?

Roll: Na ja, auch der Gaza-Streifen beziehungsweise diejenigen, die den Gaza-Streifen kontrollieren, sind ja keine homogenen Akteure sozusagen. Das heißt, es kann durchaus sein, dass bewaffnete Gruppen im Gaza-Streifen, die gerade auch im Konflikt mit der Hamas stehen, rüber gekommen sind und versuchen eben, hier an der Grenze für Unruhe zu sorgen. Aber es ist absolut – da haben Sie absolut recht – nicht davon auszugehen, dass die Hamas in irgendeiner Form darin verwickelt ist, denn die hätte sich sozusagen ins eigene Knie geschossen durch eine solche Politik, denn die neue ägyptische Regierung hat ja gerade eben die Grenze zum Gaza-Streifen geöffnet, hat dadurch so ein bisschen den Druck auch genommen, und deswegen wird die Hamas sicherlich nichts tun, was in irgendeiner Form hier Instabilität reinbringt.

Kapern: Sie haben eben davon gesprochen, dass der Sinai ein schwieriges Gelände sei, das schwierig zu kontrollieren, schwierig zu überblicken sei, aber diese Überfälle in diesem Ausmaße scheinen mir doch relativ neu zu sein. warum also, wenn diese Annahme stimmt, hat Ägypten die Kontrolle über den Sinai offenbar verloren?

Roll: Ägypten hat sicherlich die Kontrolle verloren. Ägypten hatte sie allerdings auch nicht vollständig in der Vergangenheit. In der Vergangenheit war es so, dass der Sinai aufgrund des Abkommens mit Israel im Wesentlichen durch Polizeikräfte, durch Paramilitärs kontrolliert wurde auf ägyptischer Seite, dass das reguläre Militär nur in der westlichsten Zone – der Sinai ist in drei Zonen sozusagen eingeteilt durch das Abkommen mit Israel – in der westlichsten Zone stationiert war und auch nur dort stationiert sein durfte. Nach dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes ist eben der gesamte innere Sicherheitsapparat in gewisser Weise auch zusammengebrochen beziehungsweise hat sich selbstständig gemacht. Und gerade diese Polizeieinheiten des Innenministeriums, die die anderen beiden Zonen im Sinai kontrolliert haben, haben sich mehr oder weniger zurückgezogen, das Ganze wurde also ein rechtloser Raum. Und das ist hochproblematisch – das Militär versucht jetzt, etwas dagegen zu setzen, offensichtlich auch ganz klar in Absprache mit Israel, und es sind mehr Truppen auch in die beiden anderen Zonen beordert worden, aber das wird sicherlich einige Zeit dauern.

Kapern: Sie haben eben gesagt, dass möglicherweise zu diesen Gruppen, die die Überfälle verüben, auch Schmuggler, einfache Gangster gehören. Das klingt nicht sehr plausibel, dass solche Leute sich einen Schützenpanzer nehmen und versuchen, über die israelische Grenze nach Israel einzudringen. Das klingt doch eher nach kruden politischen Aktionen.

Roll: Ja, das klingt tatsächlich danach, aber man muss sehen, dass sozusagen die ganze Infrastruktur von denen, wahrscheinlich dann auch eben Islamisten beziehungsweise extremistische Islamisten profitieren können, dass diese ganze Infrastruktur halt geprägt ist von Schmugglerbanden, von Beduinen, von Stämmen, die einzelne Gebiete im Sinai kontrollieren, und dass es deswegen eben sehr, sehr schwer ist, gegen diese einzelnen Gruppen, die dann auch gegen Israel versuchen, vorzugehen, vorzugehen von ägyptischer Seite.

Kapern: Nun haben frühere ägyptische Regierungen den Muslimbrüdern immer vorgeworfen, hinter solcher islamistischer Gewalt – wenn es sich denn um solche handelt – in Israel, in Ägypten zu stecken. Nun stellen genau diese Muslimbrüder den Staatspräsidenten. Wie steht es denn nun tatsächlich um diese Verbindungslinie Muslimbrüder/islamistische Gewalt?

Roll: Also ich denke, da gibt es tatsächlich keine Verbindungslinie. Das halte ich durchaus auch für glaubwürdig, dass die Muslimbrüder das auch immer wieder betonen. Aber die Muslimbrüder – und da haben Sie einen wichtigen Punkt angesprochen – befinden sich, seitdem sie eben den Staatspräsidenten stellen, in gewisser Weise in einem Dilemma, weil sie werden – und da würde ich so ein bisschen ihrem Korrespondenten widersprechen – sie werden von vielen Ägyptern auch dafür verantwortlich gemacht, das es zu dieser Eskalation im Sinai gekommen ist, verantwortlich auf der einen Seite, weil sie die Grenze zum Gaza-Streifen aufgemacht haben, die Grenzformalitäten gelockert haben, und auf der anderen Seite, weil eben der Präsident insgesamt ja für die Sicherheitslage verantwortlich ist. Und das ist ein ganz problematischer Punkt, weil der Präsident ist es im Grunde genommen nicht, beziehungsweise er hat überhaupt keine Kontrolle über den Sicherheitsapparat, den hat nach wie vor die Militärführung. Also hier ist eine komplizierte politische Situation in Ägypten, und die Muslimbrüder profitieren momentan nicht besonders davon.

Kapern: Könnte das die ganze politische Situation in Ägypten noch weiter destabilisieren?

Roll: Ja, es hängt jetzt sehr viel davon ab, wie das Militär sich verhält im Bezug auch auf den Präsidenten, wie der Präsident sich verhält. Bislang versucht er, sehr viel über Moderation zu lösen. Letztlich wäre es wahrscheinlich schon angebracht, bei solch einem schweren Zwischenfall schon nach der politischen Verantwortung auch auf ägyptischer Seite zu suchen und zu überlegen, warum haben die Geheimdienste da so schlecht agiert, warum haben sie nichts davon gewusst von der Bedrohungssituation, oder haben es zu spät gemeldet. Aber wie gesagt, die Konsequenzen, die sich hieraus ergeben, also zum Beispiel die Entlassung des Geheimdienstchefs, das könnte der Präsident gar nicht selber leisten, das kann nur die Militärführung. Also es ist eine offene Frage, wie das jetzt weitergehen wird.

Kapern: Stephan Roll, der Ägyptenexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Herr Roll, ich sage danke, dass Sie sich heute Mittag Zeit für uns genommen haben!

Roll: Gerne!

Kapern: Auf Wiederhören!

Roll: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

FDP im Tief"Das neue Bild der FDP ist noch nicht ganz angekommen"

Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki

Wolfgang Kubicki glaubt an eine Wiederkehr der FDP - doch dafür müsse die Partei selbstbewusster auftreten. Die Alternative für Deutschland sei nicht der Grund für das schlechte Wahlergebnis in Sachsen. "Unser Problem sind wir selbst", sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP im Deutschlandfunk.

Nato-Krisenmanagement"Sicherheitsbedürfnis der Balten stärken"

Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels

Russland sei vom verlässlichen Partner der Nato zu einer "völlig unberechenbaren Größe" geworden, sagte Hans-Peter Bartels (SPD), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, im DLF. Putin habe in "atemberaubender Geschwindigkeit" eine besondere Partnerschaft zerstört. Die Forderung baltischer Nato-Staaten nach Unterstützung sei deshalb verständlich.

CDU über AfD"Wir werden erleben, dass diese Modepartei sich wieder zerlegt"

Der Generalsekretär der sächsischen CDU, Michael Kretschmer

Die CDU will die AfD in Sachsen "inhaltlich stellen". Die Partei habe keine Ideen für die Zukunft des Landes. Am Ende der Legislaturperiode werde es "die AfD nicht mehr geben", sagte Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, im Deutschlandfunk.

 

Interview der Woche

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.

Weltweite Krisen"Es muss eine europäische Außenpolitik entstehen"

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen

Die weltweiten Krisen zeigten deutlich, dass die Europäische Union endlich zu einer gemeinsamen Außenpolitik finden müsse, sagte Norbert Röttgen (CDU) im DLF. Der europäische Nationalstaat sei nicht mehr einflussreich. Eine gemeinsame Politik sei nötig, um die Werte des Westens zu verteidigen - denn diesen stimmten global gesehen nur eine Minderheit der Menschen zu.

Ukraine"Wir brauchen militärische Hilfe"

Der ukrainische Außenminster Pawel Klimkin, sprechend, eine gelb-blaue Fahne im Hintergrund.

Der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin bittet die EU und die NATO um mehr Engagement in der Ostukraine. Sowohl militärische als auch politische Hilfe sei dringend notwendig, um die Lage in der Region in den Griff zu bekommen, sagte er im Interview der Woche im DLF. Ziel sei es, den Menschen dort ein normales Leben zurückzugeben.