Interview / Archiv /

Ägypten ist keine "Twitter-Revolution"

Journalist und Blogger Philip Rizk relativiert Rolle der Social Media

Screenshot der Startseite des Microblogging-Dienstes Twitter.
Screenshot der Startseite des Microblogging-Dienstes Twitter. (Deutschlandradio)

Philip Rizk berichtet via Internet aus Ägypten - wenn er es kann: An neuralgischen Tagen hatte die Regierung sämtliche Social-Media-Dienste abgestellt. Eher war es eine Revolution zu Fuß: Aus Wenigen wurden Abertausende.

Dirk-Oliver Heckmann: Erst die grüne Revolution im Iran, jetzt die Demokratiebewegung im arabischen Raum. Vielleicht hätte sie sich auch ohne das Internet, ohne Facebook und Twitter Bahn gebrochen, ohne die neuen sozialen Netzwerke aber hätte sie möglicherweise nicht eine solche Dynamik angenommen und eine solche Breitenwirkung erzielt. – Am Telefon begrüße ich jetzt einen, der aktiv daran beteiligt ist: Philip Rizk. Er ist deutsch-ägyptischer Blogger, Journalist und Filmemacher. Schönen guten Morgen nach Kairo.

Philip Rizk: Guten Morgen!

Heckmann: Herr Rizk, zunächst mal einen Blick zurück. Im Februar 2009 sind Sie von der ägyptischen Staatssicherheit verhaftet worden, wurden vier Tage an einem unbekannten Ort festgehalten. Um uns das klarzumachen, was das konkret bedeutet, vom Geheimdienst festgehalten zu werden – wie würden Sie das beschreiben, was Sie da erlebt haben?

Rizk: Also es ist keine gute Erfahrung. Ich war für vier Tage an einem unbekannten Ort. Ich hatte Handschellen an, die Augen verbunden und wurde für vier Tage ausgefragt und hatte keine Ahnung, wann ich wieder herauskam, herauskommen würde. Ich würde es nicht gerne noch mal machen.

Heckmann: Und Ihre Angehörigen, die wussten von nichts, die wussten nicht, wo Sie sich befinden?

Rizk: Nein. Niemand wusste, wo ich war und die Polizei, die Regierung hat nicht anerkannt, dass sie mich haben.

Heckmann: Wie haben Sie jetzt die vergangenen Tage erlebt, zum Beispiel den Tag, an dem Hunderte Schläger auf die Demonstranten, auf die friedlichen Demonstranten losgegangen sind?

Rizk: An dem Tag war ich nicht am Tahrir-Platz selber. Ich gehe fast jeden Tag dort hin. Ich bin ganz in der Nähe, aber ich habe extrem viele Freunde, die im Moment dort sind und dort übernachten. Wir haben einfach versucht, die Informationen rauszukriegen. Was diese Regierung getan hat, ist, verschiedene Strategien anzuwenden, um diese Demokratiebewegung kaputt zu machen: erst mit Gewalt, dann mit Propaganda über Staatsfernsehen und Radio, und gestern haben sie mit einer neuen Strategie angefangen, um den Leuten Angst zu machen, dass sie ihre Jobs verlieren, um einfach das Leben normal weiterzumachen, die Straßen sind wieder voll mit Leuten, die Leute müssen zurück zur Arbeit. Sie versuchen, die Demonstranten dort einfach auf irgendeinem Weg wegzukriegen.

Heckmann: Aber immerhin: Gestern hat es erste Gespräche gegeben zwischen dem Vizepräsidenten Suleiman und der Opposition. Hat das System Mubarak also nicht doch im Prinzip aufgegeben?

Rizk: Die wahre Opposition ist nicht im Gespräch mit Suleiman, mit Vizepräsident Suleiman. Es sind ein paar Gruppen dabei, besonders die Muslimbrüder, aber die meisten Leute, die im Tahrir-Platz sind, sind nicht unbedingt von einer politischen Partei repräsentiert und sie haben eine Nachricht: Sie bleiben dort, bis nicht nur Mubarak, die Person, weg ist, sondern bis sein Regime weg ist. Das ist so ähnlich wie in Tunesien. Als in Tunesien der Präsident geflohen ist, haben sie versucht, eine neue Regierung zu formieren, und sobald herausgefunden wurde, dass die Hälfte der Regierung von der gleichen Partei des Präsidenten ist, haben die Leute weiter demonstriert, und das wird hier auch passieren.

Heckmann: Herr Rizk, manche sprechen von der Generation Facebook, die da in Ägypten unterwegs ist, aktiv ist, oder auch von einer Twitter-Revolution. Wäre die Bewegung, die sich da jetzt gezeigt hat, ohne diese neuen Medien denkbar?

Rizk: Also ich würde ganz sicher nicht sagen, dass es eine Twitter-Revolution ist. Die haben natürlich eine Rolle gespielt, aber was bei dieser Demonstration anders war an dem ersten Freitag: erstens an dem Tag hatten wir kein Twitter und kein Facebook und kein Internet und keine Handy-Verbindungen. Alles war abgeschaltet. Was anders war bei dieser Demonstration ist, dass die meisten Leute noch nie ins Internet geguckt haben. Die meisten Leute, die dabei waren, kamen aus ärmeren Vierteln, das waren Bauern, das waren Arbeiter. Natürlich haben diese sozialen Netzwerke eine Rolle gespielt, natürlich haben sie irgendwas damit zu tun gehabt, um die Informationen rauszukriegen, aber die meisten Leute sind nicht junge Leute, die stundenlang jeden Tag im Internet sitzen. Also kann man es nicht nur eine Twitter- oder Facebook-Revolution nennen.

Heckmann: Wie konkret funktioniert denn die Organisation der Proteste? Wie kann man sich das vorstellen?

Rizk: Entschuldigung?

Heckmann: Wie konkret funktioniert die Organisation der Proteste, die Koordinierung auch?

Rizk: Das ist schwer zu sagen, weil es ist nicht immer so koordiniert wie es aussieht. Ich war an dem Freitag, dem 28., in einem ärmeren Viertel und es war eine Gruppe von 50 Leuten, die angefangen hat zu marschieren, und wir sind für vielleicht drei, vier Stunden durch das Viertel gelaufen und haben die Leute runtergerufen, kommt mit, kommt mit. Vier Stunden später war es eine Gruppe von 3.-, 4.000. Irgendwann kamen wir dann auf eine andere Gruppe, die noch mal ein paar Tausend waren, bis, ich würde sagen, wir waren ungefähr 15.000, die dann in Richtung Befreiungsplatz marschiert sind und wieder andere Gruppen getroffen haben. Es war alles wirklich ziemlich spontan, was oft mit einigen einzelnen Leuten, Demonstranten angefangen hat und immer gewachsen ist, und niemand hat das erwartet. Niemand hat erwartet, was passiert ist.

Heckmann: Hier im Deutschlandfunk haben wir gesprochen mit Philip Rizk. Er ist deutsch-ägyptischer Blogger, Journalist und Filmemacher. Herr Rizk, ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Rizk: Danke Ihnen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Von der Konfrontation zum Dialog

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

450 Jahre Shakespeare"Er lässt uns nicht in Ruhe"

Ein bislang unbekanntes Portrait des englischen Lyrikers WilliamShakespeare wird am 12. Februar 2014 in Mainz (Rheinland-Pfalz) präsentiert.

Nach Ansicht des Anglistik-Professors Tobias Döring sind die Fragen, die William Shakespeare in seinen Theaterstücken gestellt hat, auch heute noch aktuell. Heute wäre der Dramatiker wahrscheinlich in Hollywood gelandet, denn seine Stücke seien "Unterhaltungstheater im besten Sinne", sagte Döring im DLF.

Christentum"Jesus war mehr ein Reformer als ein Revolutionär"

Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf

Von vielen wird Jesus als radikaler Revolutionär der Weltgeschichte gedeutet. Doch nach seinem eigenen Selbstverständnis sei Jesus eher ein Reformer als ein Revolutionär gewesen, sagte der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf im Deutschlandfunk.

Syrien-KriegAl-Mousllie: Opposition braucht militärische Unterstützung

Zerstörte Häuser in der syrischen Stadt Homs

Die Welt müsse sich dafür einsetzen, Assad zu stürzen, sagte der syrische Oppositionspolitiker Sadiqu Al-Mousllie im DLF. Das Assad-Regime könne zum Rücktritt nur gezwungen werden.

 

Interview der Woche

Konflikte in EuropaSchulz: Europäische Strukturen haben den Krieg gebannt

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich trotz der zunehmenden Eskalation in der Ostukraine für diplomatische Lösungen ausgesprochen. Man müsse jetzt verstärkt nach gemeinsamen Interessen zwischen dem Westen und Russland suchen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

IntegrationÖzoğuz möchte Nachbesserungen beim Doppelpass

Profilfoto von Aydan Özoğuz

Es handele sich bei der Staatsangehörigkeit um ein sehr emotionales Thema, sagte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im DLF. Der Doppelpass-Kompromiss der Großen Koalition sei deshalb ein großer und wichtiger Schritt. Die SPD-Politikerin setzt sich aber weiterhin für eine komplette Abschaffung der Optionspflicht ein.

Krim-Krise"Ich kann die EU nicht freisprechen"

Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker

Für den Spitzenkandidaten der Konservativen für die Europawahl, Jean-Claude Juncker, ist die EU mitverantwortlich für die Krise in der Ukraine. Brüssel habe Kiew im vergangenen Winter nicht genug Finanzhilfen angeboten, kritisierte der ehemalige luxemburgische Premier im Interview der Woche des Deutschlandfunks.