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StartseiteForschung aktuellÄngste wegmeditieren17.04.2013

Ängste wegmeditieren

Neurowissenschaftler beleuchten Wirksamkeit der Achtsamkeitsmeditation

Bei Angststörungen können Meditationskurse durch Erhöhung der Aufmerksamkeit helfen. Wie die Stressreduktion durch Achtsamkeit wirkt, haben Neurowissenschaftler in Harvard untersucht.

Von Franziska Badenschier

Mit Yoga-Übungen, Meditationen und richtiger Atmung bekämpft die MBSR-Therapie Ängste und Stress. (AP)
Mit Yoga-Übungen, Meditationen und richtiger Atmung bekämpft die MBSR-Therapie Ängste und Stress. (AP)

" "Wenn du dich niedergelassen hast auf deinem Kissen oder deinem Bänkchen, dann spüre einfach mal, wo du das Gewicht an das Kissen abgibst, wie die Beine auf den Boden liegen." "

Günther Hudasch sitzt im Schneidersitz auf einem Kissen. Er schließt die Augen und achtet auf seine Atmung.

"Was wir hier gemacht haben, ist ein kleiner Einstieg in eine Atemmeditation. Und die gehört zum MBSR-Programm. MBSR ist ein Stressbewältigungsprogramm: Mindfulness-Based Stress Reduction. Zu Deutsch: Stressreduktion durch Achtsamkeit."

Acht Wochen dauert solch ein Kurs. Die Teilnehmer lernen vor allem die sogenannte Achtsamkeitsmeditation, erklärt der Vorsitzende des deutschen MBSR-Verbands.

"Achtsam meint ganz spezifisch, dass ich das beobachte, was in mir auftaucht an Körperspannung, an Gedanken und Gefühlen. Und dass ich auf das, was da kommt, nicht einsteige."

Gefühle wahrnehmen, ohne sie zu bewerten: Darum geht es.
Das Achtsamkeitsprogramm MBSR wurde 1979 an einer Universität in den USA entwickelt und vom ersten Tag an wissenschaftlich untersucht. Das Training kann den Blutdruck senken und Neurodermitis etwas lindern. Krebspatienten lernen, besser mit ihren Ängsten umzugehen und gewinnen so etwas mehr Lebensqualität. Und Menschen, die sich ständig um alles Mögliche Sorgen machen - die an einer generalisierten Angststörung leiden -, die grübeln weniger.

Das alles haben verschiedene Studien belegt. Doch die deutsche Meditationsneurowissenschaftlerin Britta Hölzel fragte sich:

"Aber was passiert dabei im Gehirn? Welche Veränderungen der Hirnaktivierung und in der Art und Weise, wie bestimmte Hirnregionen miteinander zusammenarbeiten?"

Also schob Hölzel am Hauptkrankenhaus der Harvard Medical School in Boston 15 Menschen mit einer generalisierten Angststörung in einen Magnetresonanztomografen - und zwar einmal vor dem Achtsamkeitstraining und einmal danach. Vor allem zwei Hirnregionen interessierten die Forscherin: die Amygdala und der präfrontale Kortex. Britta Hölzel:

"Die Amygdala, so ganz einfach gesprochen, ist eine Region im Gehirn, die aktiviert wird, wenn wir mit Stress oder Angst auslösenden Reizen in Kontakt kommen.
Und der präfrontale Kortex, dem wird eine regulierende Funktion zugesprochen. Das heißt: Der übernimmt so die Kontrolle oder kann die Kontrolle übernehmen über solche emotionalen Prozesse."

Vor dem Achtsamkeitstraining habe der präfrontale Kortex die Amygdala herunterreguliert: Die Emotionen sind dann weniger intensiv oder sie werden völlig unterdrückt. Nach dem Achtsamkeitstraining war das anders, berichtet Britta Hölzel nun im Fachblatt "Neuro Image: Clinical": Wenn der präfrontale Kortex aktiv war, wurde die Amygdala auch aktiv.

"Unsere Interpretation dieser Daten ist, dass das möglicherweise eine andere Form der Herangehensweise an Emotionen sein kann: Wo wir nämlich nicht versuchen, Emotionen zu unterdrücken oder zu vermindern, sondern wo wir mitschwingen oder wo wir uns gewahr werden der emotionalen Qualität."

Die Patienten berichteten nach dem Achtsamkeitstraining auch, dass sie weniger grübelten.

Allerdings liegt die Frage nah: Hilft wirklich nur das spezielle MBSR-Gesamtpaket? Immerhin kann dieses Programm auf verschiedene Weise wirken, sagt die Neurowissenschaftlerin selbst:

"Die Achtsamkeitsmeditation ist ein Punkt davon. Die Aufmerksamkeit, die man von dem Lehrer bekommt in dem Kurs. Der soziale Kontakt in der Gruppe."

Deswegen absolvierten elf weitere Patienten einen Kurs, der so ähnlich aufgebaut war wie das Achtsamkeitstraining. Nur wurde da nicht meditiert. Nach dem alternativen Antistressprogramm waren die Kontrollprobanden zwar weniger ängstlich. Aber die Symptome haben sich nicht so sehr verbessert wie bei jenen Patienten mit dem Achtsamkeitskurs.

Zumal die Hirnscans der Kontrollpatienten ergaben: Die Verbindung zwischen Amygdala und Präfrontalem Kortex, die hat sich gar nicht verändert.

Britta Hölzel, die mittlerweile an der Charité in Berlin forscht, ist deswegen überzeugt: Das Achtsamkeitstraining verändert bei Patienten mit einer generalisierten Angststörung etwas im Gehirn - und dabei werden ein paar Sorgen vertrieben.

Mehr zum Thema

- Neural mechanisms of symptom improvements in generalized anxiety disorder following mindfulness training. Paper (AOP)

- Mindfulness Research Guide

- MBSR-Verband

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