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StartseiteKultur heuteBloß keine streitbare Theaterlandschaft18.12.2016

AfD in Sachsen-Anhalt Bloß keine streitbare Theaterlandschaft

Das Tanzprojekt "Das Fremde so nah", das seit Oktober 2016 im Anhaltischen Theater in Dessau läuft, stößt der AfD in Sachsen-Anhalt bitter auf. Anstelle "linksliberaler Vielfaltsideologien" fordert AfD-Sprecher Hans-Thomas Tillschneider eine "Renaissance der deutschen Kultur".

Von Christoph Richter

Der promovierte Islamwissenschaftler Thomas Tillschneider ist "Chef-Ideologe" der AfD in Sachsen-Anhalt. Hier am 14.12.2016 bei einer Landtagssitzung. (imago / Christian Schroedter)
Der promovierte Islamwissenschaftler Tillschneider ist "Chef-Ideologe" der AfD in Sachsen-Anhalt, einer von 25 AfD-Abgeordneten im Magdeburer Landtag. Hier am 14.12.2016 bei einer Landtagssitzung. (imago / Christian Schroedter)
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"Das Fremde so nah" : Ein Tanztheaterprojekt von deutschen und syrischen Jugendlichen in Dessau. Gemeinsam haben sie über sechs Monate hinweg ein Theaterstück über Fremdheits- und Fluchterfahrungen entwickelt. Eine Performance, die Sachsen-Anhalts AfD ein Dorn im Auge ist.

"Das ist ein manipulatives Theater-Projekt, das darauf abzielt, Jugendlichen den Sinn für die Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden abzuerziehen. Das kann doch nicht Sinn unserer Theater sein", sagte der AfD-Landtagsabgeordnete Gottfried Backhaus erst kürzlich im Magdeburger Landtag.

"Das Theater muss ganz einfach wieder zu einem volkspädagogischen Anspruch zurückfinden. Das Theater dient der Nationalbildung."

So auch im Partei-Programm der AfD nachzulesen. Wörtlich heißt es da:

"…die Bühnen sollen stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen." Das sei mit dem Stück "Das Fremde so nah" in Dessau überhaupt nicht erfüllt. Weshalb der Merseburger AfD-Landtagsabgeordnete Backhaus laut fragt, ob man solche "linksversifften Stücke" künftig überhaupt noch fördern müsse. Im Rahmen einer Magdeburger Podiumsdiskussion ist er noch einen Schritt weiter gegangen und hat Artikel 5 im Grundgesetz - das Grundrecht der Kunstfreiheit - in Frage gestellt.

Chef-Ideologe Tillschneider: Es gehe um das Deutsch-Sein

Der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag Hans-Thomas Tillschneider sieht die Gefahr, dass in den Theatern zwischen Arendsee und Zeitz nur noch "linksliberale Vielfaltsideologien" Platz haben. Schlechte Kunst nennt er das. Tillschneider fordert stattdessen:

"Es geht uns um eine Renaissance der deutschen Kultur."

Doch welche Theater-Stücke die AfD konkret meint, ob in Sachsen-Anhalt beispielsweise statt Lessings "Emilia Galotti" künftig lieber die "Hermannschlacht" von Kleist gezeigt werden solle, dazu will der promovierte Islamwissenschaftler Tillschneider – sowas wie der Chef-Ideologe der AfD in Sachsen-Anhalt - keine konkreten Angaben machen. Er sagt nur, es gehe um das Deutsch-Sein, die Selbstverortung der Deutschen. Und genau an dieser Stelle spielen die Theater - als Erziehungsanstalt - eine große Rolle, so Tillschneider weiter.

"Die Romantik wäre vor allen Dingen wichtig. Und die steht leider etwas zu stark im Schatten in den letzten Jahren. Aber dabei ist gerade die Romantik für uns Deutsche eine enorm wichtige Epoche. Es ist die Epoche, in der wir zu uns gefunden haben."

Diskursives Moment ist nicht erwünscht

Für den Magdeburger Rechtsextremismus-Experten David Begrich nicht überraschend, dass die AfD gerade an den nationalistisch-völkischen Begriff der Romantik anknüpft.

"Die Rechte hat immer eine politische Romantik favorisiert, die sie in Stellung gebracht hat, gegen den dekadenten Liberalismus, der die Identitäten verwischt."

Die AfD in Sachsen-Anhalt wolle kein diskursives Moment der Auseinandersetzung, so Begrich weiter.

"Der Begriff von Theater, der offenkundig dahintersteht, ist, dass zur Erbauung, natürlich zur nationalen Erbauung der Zuschauer dient. Das ist das Theaterverständnis nicht mal des 19. Jahrhunderts, eigentlich das Theaterverständnis der Vor-Goethezeit."

Und: Der AfD gehe es um, wie es heißt, Identitäres Deutschtum. Man suche den Anschluss an nationale Identität. Ein transnationales Kultur- und Geschichtsverständnis werde abgelehnt.

Anschluss an nationale Identität

"Wir bewegen uns hier auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In den 50er Jahren hat es intensive Kampagnen gegen den sogenannten Kosmpolitismus und den Formalismus gegeben. Ich frage die AfD, ob sie diese Kampagnen-Formate wiederholen will. Wenn sie tatsächlich antritt und glaubt Theatern vorschreiben zu wollen, wie, mit wem, in welcher Richtung Stücke inszeniert werden sollen."

Die letzte Partei, die Theatern Vorschriften machte, war die SED, so Begrich weiter:

In Zukunft werde die AfD in Sachsen-Anhalt ganz genau auf die Programmatik der Bühnen schauen, unterstreicht der kulturpolitische Sprecher der AfD in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider. Intendanten, die ein- Zitat - "zu buntes Agitprop-Repertoire mit Regenbogen-Willkommens-Trallala auf die Bühne bringen", denen müsse man die öffentlichen Subventionen komplett streichen, so Tillschneider weiter.

"Wenn ein Theater nur solche Stücke spielt, ansonsten nichts Sinnvolles mehr macht, dann sehen wir keinen Sinn mehr darin, das zu fördern. Dann würden wir natürlich sagen, das Ding muss zugemacht werden. Ganz einfach."

Die Marschroute ist klar: Eine lebendige, auch streitbare Theaterlandschaft liegt der AfD nicht im Sinn. Stattdessen verfolgt sie das Konzept nationaler folkloristischer Kostümbühnen, wo die Schauspieler mit Mantel und Degen auftreten, die am Ende die Feinde Deutschlands heroisch besiegen.

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