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StartseiteInterviewAlbig: Windstrom ist heute schon marktfähig25.10.2012

Albig: Windstrom ist heute schon marktfähig

Ministerpräsident von Schleswig-Holstein kritisiert den Umweltminister

Mit erneuerbaren Energien könne man durchaus eine Industriegesellschaft befeuern, meint Torsten Albig (SPD), Ministerpräsident Schleswig-Holstein. Der Preis für die Stromerzeugung aus Windkraft an Land liege schon heute auf einer Ebene mit Kohle und Atomkraft. Problematisch sei, dass der Netzausbau hinterherhinke.

Fragen von Christoph Heinemann an Torsten Albig

SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig im Watt vor Dagebüll (dpa / Carsten Rehder)
SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig im Watt vor Dagebüll (dpa / Carsten Rehder)

Christoph Heinemann: Die Entstehungs- oder Schöpfungsgeschichte der Energiewende kann man naturwissenschaftlich betrachten mit dem Urknall von Fukushima, oder frei nach dem Johannes-Evangelium: Im Anfang war das Wort der Kanzlerin.

O-Ton Angela Merkel: "Wir werden in der Zeit des Moratoriums ausloten, wie wir den Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien forcieren und dieses Ziel noch schneller erreichen."

O-Ton Cem Özdemir: "Wir reden von einer Merkel-Abgabe, die wir mittlerweile zahlen für den Strompreis, weil diese Bundesregierung die Ausnahmen für Industriebetriebe auf ein absurdes Maß ausgedehnt hat."

O-Ton Philipp Rösler: "Als kurzfristige Maßnahme kann man auch darüber nachdenken, eben die Stromsteuer zu senken, um zu signalisieren, wir wissen, für die Menschen und Unternehmen gleichermaßen sind die hohen Strompreise schon heute ein Problem, das duldet keinen Aufschub."

O-Ton Heiko Maas: "Die ersten 500 Kilowattstunden wäre sozusagen die Grundversorgung, aber alles darüber hinaus wird dann ganz normal mit dem Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent belegt."

O-Ton Peter Altmaier: "Ich glaube, dass es falsch wäre, sich jetzt auf Maßnahmen festzulegen, deren Tragweite niemand überblickt."

Heinemann: Das waren die Dame und die Herren Merkel, Özdemir, Rösler, Maas und Altmaier. – Auf Schloss Ettersburg bei Weimar beschäftigen sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer heute mit den erneuerbaren Energien als Vorbereitung auf den Energiegipfel am 2. November. In groben Stichworten geht es um Produktion, Speicherung, Transport, Subvention und die Kosten der Energiewende für Bürger und Wirtschaft und damit verbunden den Auf-, Aus- und Zubau von Windrädern, Solar- und Biogasanlagen. Und weil das alles nicht so einfach ist, verschafft uns Georg Ehring aus unserer Umweltredaktion einen Überblick

Georg Ehring ist unser Fachmann für die erneuerbaren Energien und Torsten Albig ist Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und SPD-Politiker. Guten Morgen.

Torsten Albig: Schönen guten Morgen.

Heinemann: Bleiben wir beim Grundsätzlichen vielleicht zunächst einmal. Feste Vergütung, unabhängig davon, ob und wann der Strom auch tatsächlich gebraucht wird, das hat Georg Ehring gerade berichtet. Ist das Energiesozialismus?

Albig: Nein, das ist kein Energiesozialismus. Das ist die Vorbereitung der Energiewende. Das ist das, was wir in dieser Gesellschaft miteinander vereinbart haben, dass wir keinen teueren Atommüll wollen, dass wir keinen teueren Strom aus Ressourcen brauchen oder wollen, die wir bald nicht mehr haben, Kohle oder Gas, sondern dass wir umsteuern wollen, dass wir umsteuern wollen auf erneuerbare Energien, auf Wind, auf Sonne, auf Biogas, und dass wir das vorbereiten müssen, dass wir 2022 so weit sein wollen, dass das funktioniert, dass wir Anreize geben müssen, dass es funktioniert. Wir müssen das klüger machen, daran gibt es keinen Zweifel, aber wir müssen das so machen, dass es nicht dazu kommt, dass wir die Generation sind, die unseren Kindern erklärt, warum wir Atomkraftwerke wieder anschalten.

Heinemann: Herr Albig, aber zurzeit produzieren wir staatlich geförderte Ladenhüter.

Albig: Zurzeit bauen wir ein neues Netz auf. Zurzeit bauen wir als erste Industriegesellschaft ein System auf, mit dem wir zeigen können – und in Schleswig-Holstein tun wir das sehr erfolgreich -, dass man aus erneuerbaren Energien eine Industriegesellschaft befeuern kann. Das ist das, was wir machen, das ist unser Anspruch. Das sind keine teueren Ladenhüter. Was wir feststellen ist, dass auch wegen der Langsamkeit in Berlin der Netzausbau nicht standhält mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, und da müssen wir besser werden und das ist sicherlich auch Gegenstand unseres Gesprächs heute in Thüringen.

Heinemann: Die "Bild"-Zeitung berichtet in dieser Woche von einem Stromerzeuger im Norden Deutschlands, der 2,5 Millionen Euro kassiert hat für Strom, der nie eine Glühbirne oder eine Steckdose erreicht hat. Noch mal: Wird da der Unternehmer nicht zum staatlich angestellten Geldempfänger?

Albig: In Schleswig-Holstein sind die meisten, die die Energiewende betreiben, kleine Mittelständler. Das ist ein Projekt der Bürgerinnen und Bürger. Die machen sich auf den Weg, die investieren, die setzen auch ihr Geld ein. Sie brauchen aber eine Sicherheit, dass sie das nicht falsch tun, dass sie ihr Geld nicht verlieren. Es ist die Aufgabe des Staates zu organisieren, dass dazu Leitungen vorhanden sind. Das ist noch nicht so gelungen, wie es sein müsste. Wenn wir jetzt aber sagen, wir warten darauf, dass die großen Leitungsausbauer dieser Welt, die großen Konzerne, die Geschwindigkeit vorgeben, bis die Energiewende mal funktioniert, dann ist das genau die falsche Reihenfolge. Wir müssen es hinbekommen, dass die Leitungen der Geschwindigkeit des Aufbaus der erneuerbaren Energien folgen und nicht umgekehrt. Sonst scheitern wir an dem Projekt, sonst werden wir in Kohle und sonst werden wir in Atom gehen, und ich glaube, die Gesellschaft will das nicht.

Heinemann: Stichwort Scheitern des Projektes. Weil der subventionierte Strom immer teurer wird, möchte der Bundesumweltminister jetzt einen Gang zurückschalten und plant Zubauquoten für Windräder. Piano, piano, sagt Peter Altmaier, übrigens auch Heiko Maas von der SPD, der Energieminister in Saarbrücken. Was sagen Sie dazu?

Albig: Das ist falsch. Das ist das Gegenteil von dem, was wir brauchen, und es verkennt vollkommen, dass wir zum Beispiel im Onshore-Wind, also in dem Wind, der an Land erzeugt wird, dazu beitragen, dass der Strom günstiger wird. Onshore-Wind wird heute zu Preisen erzeugt, die auf dem Level sind von Kohle, auf dem Level sind schon heute von Atom, und wenn wir es denn vernünftig und marktwirtschaftlich machen, sollten wir den Strom da erzeugen, wo man ihn am günstigsten erzeugen kann, und nicht mit irgendwelchen Länderquoten. Und man kann ihn heute erkennbar im Bereich der erneuerbaren Energien am günstigsten mit Wind an Land erzeugen. Also ist jede Quote, die wir dort auf den Weg bringen, kontraproduktiv.

Heinemann: Da reden Sie jetzt natürlich auch ein bisschen pro domo, denn Sie haben nun mal da oben im Norden sehr viel Wind.

Albig: Nein, nicht pro domo. Ich rede pro Wirtschaftlichkeit und pro Vernunft.

Heinemann: Pro regio, sagen wir es mal so. – Herr Albig, jedes Bundesland hat ja – da haben Sie ja indirekt schon drauf hingewiesen – seine eigenen Energiepläne. Baden-Württemberg will bis 2020 ungefähr zehn Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken, Schleswig-Holstein, wenn ich es dann richtig verstanden habe, bis 2022 100 Prozent. Bedarf es da nicht eines Gesamtkonzeptes?

Albig: Wir sind sogar in der Lage, bis 300 Prozent dessen, was wir haben, was wir in Schleswig-Holstein bräuchten, zu erzeugen. Aber was häufig aus dem Blick verloren wird: In den letzten Jahren hat Schleswig-Holstein ungefähr die gleiche Menge an Strom erzeugt mit Kernkraftwerken. Also wir tauschen den Beitrag Schleswig-Holsteins am deutschen Strombedarf von Kernkraft zu Wind. Das ist ein revolutionärer Schritt. Und es braucht natürlich eines abgestimmten Konzeptes, da wir dort dafür andere Leitungsstrukturen brauchen als bei Kernkraftwerken, wie wir diesen Strom vernünftig, auch in der Bürgerschaft abgestimmt nach Baden-Württemberg bringen. Und ich freue mich sehr, in Baden-Württemberg auch einen Partner zu haben, bei einer grün-roten Regierung auch nicht verwunderlich, die das unterstützt und die nicht wie andere sagen, ach, jetzt machen wir das mal bei uns in Baden-Württemberg selber.

Heinemann: Wann wird denn Ihr Windstrom marktfähig?

Albig: Der Windstrom in Schleswig-Holstein ist heute marktfähig. Ich habe eben gesagt, er wird heute schon zu Preisen erzeugt, die auf dem Level von Kohle oder von Kernkraft sind. Er ist marktfähig und je mehr wir Onshore-Wind haben, umso günstiger wird Strom insgesamt. Wenn Sie sich die Marktfähigkeit angucken, dann müssen Sie sich die Preise von Strom und von Windstrom an den Börsen angucken, und dort werden Sie feststellen, an den Preisen liegt es nicht, sondern die Preise sind günstig, die Preise gehen sogar nach unten. Sie werden jetzt in dem großen System nicht so weitergegeben an die Verbraucher, wie wir es machen könnten.

Heinemann: Herr Albig, Christine Lieberknecht, die Sie heute eingeladen hat nach Weimar, wirbt für regionale Kreisläufe der Energiewirtschaft und hält große Offshore-Windparks, Windräder im Meer also, für problematisch. Sind die Großanlagen und die dann notwendige Verspargelung des Landes mit Strommasten, ist das tatsächlich die richtige Antwort?

Albig: Nein wir haben heute, noch mal, ein System mit großen Einzelkraftwerken: große Kernkraftwerke, große Kohlekraftwerke, große Gaskraftwerke. Keine Regionalisierung! Wir haben in Deutschland ja nicht gleichmäßig regional Lastbedarfe, also Orte, wo überall das gleiche verlangt wird. Die Industrie in Deutschland ist so organisiert, und zwar mit großem, großem Überhang - 70 Prozent dessen, was wir in Deutschland brauchen, wird industriell gebraucht -, dass sie in Zentren Strom brauchen. Das können sie dort nicht mit regionaler Energieversorgung. Für unseren Fernseher, für unseren Laptop, das könnten wir auf dem Dach machen, gar keine Frage, mit einem kleinen Windkraftwerk vor der Tür. Aber das, was unsere Industrie braucht, das muss in vergleichbaren Strukturen hergestellt werden und mit vergleichbaren Größen wie heute auch, und wir wollen weg von den zentralen Kraftwerken zu anderen Strukturen. Jetzt kriegen wir Kernkraft nicht ersetzt durch Windenergie, durch ganz, ganz viele, Orte, die ich im Land natürlich auch brauche, wo ich hohe Einsatzstunden habe, und die hohen Einsatzstunden habe ich auf dem Meer. Deswegen denken wir über Windenergie Offshore, also im Wasser nach und vor allem in der Nordsee nach, weil sie dort sehr, sehr viel Wind haben, 2700, 3000 Einsatzstunden, also auch da vergleichbar, grundlastfähig nennt man das, mit dem, was wir bisher aus anderen Kraftwerksstrukturen haben. Beides muss zusammenkommen.

Heinemann: ... , sagt Torsten Albig, wir haben es verstanden (SPD), der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Albig: Sehr gerne – auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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