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StartseiteForschung aktuellMit Käfern gegen Ambrosia 23.06.2014

Allergie-Gefahr Mit Käfern gegen Ambrosia

Ambrosia kann sehr starke allergische Reaktionen auslösen. Trotz unterschiedlichster Versuche ist der rasenden Ausbreitung der Pflanze offenbar nicht beizukommen. Wissenschaftlern aus der Schweiz scheint jetzt aber ein glückliche Entdeckung gelungen zu sein: ein mehr als willkommener Eindringling.

Von Sabine Goldhahn

Eine Beifuß-Ambrosiapflanze (picture-alliance/ ZB - Patrick Pleul)
Ambrosia ist so unverwüstlich, dass das Kraut europaweit Straßenränder und Felder erobert und scheinbar gegen alles gefeit ist. Ein kleiner Käfer wird jetzt zur großen Hoffnung. (picture-alliance/ ZB - Patrick Pleul)
Weiterführende Information

Ambrosia, Tigermücke und Waschbär (Deutschlandfunk, Das Wochenendjournal, 04.05.2013) 

Unzureichende Bekämpfung der Beifuß-Ambrosie (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 11.09.2013) 

"Also mit zwei Pflanzen habe ich mir vorgenommen, niemals zu arbeiten. Das eine ist Rumex, die Blacke, und das andere ist Ambrosia."

Was Ambrosia anbetrifft, hat Heinz Müller-Schärer von der Université de Fribourg seine Meinung inzwischen geändert. Denn das Unkraut ist so unverwüstlich, dass es europaweit Straßenränder und Felder erobert und scheinbar gegen alles gefeit ist.

"Je mehr man die kitzelt, desto mehr macht die Blätter, die hat irgendwie ein Riesenpotenzial für Kompensation."

Diese Unverwüstlichkeit hat den Ökologen herausgefordert. Um dem Unkraut beizukommen, hat er 90 Prozent der Blätter abgeschnitten, anschließend Kontaktherbizide verwendet und die Pflanze nochmals geschnitten. Egal, was der Forscher unternommen hat, nichts half. Im Gegenteil. Die Pflanze bildete wieder Seitentriebe, entwickelte Blüten und machte doch noch Pollen und Samen. Müller-Schärer wollte nicht aufgeben. Gegen diesen Schädling muss man gemeinsam vorgehen, so die Idee. Deshalb startete er zusammen mit anderen Forschern 2013 das Projekt SMARTER als Teil des Europäischen Forschungsnetzwerkes COST.

SMARTER steht für Sustainable management of Ambrosia artemisiifolia in Europe und ist vermutlich eines der komplexesten und größten Forschungsprojekte Europas auf dem Gebiet des nachhaltigen Pflanzenschutzes. Das Projekt, an dem etwa 200 Forscher aus 33 Ländern zusammenarbeiten, hat unter anderem zum Ziel, die Verbreitung der Ambrosia und ihrer Pollen zu überwachen, aber auch den Schädling mit biologischen Mitteln zu bekämpfen. Also entweder mit Pflanzen, die Ambrosia verdrängen oder mit Insekten, die Ambrosia auf ihrem Speiseplan haben.

Käfer sorgen für ständige Bedrohung für Ambrosia

"Darum ist eine Käferart, die mehrere Generationen auf dem gleichen Individuum machen kann, genau das, was es braucht. Das heißt also, an jeder Kompensation erfreuen sich die Käfer von Neuem und haben eigentlich einen konstant hohen Druck auf diese Pflanze."

In Nordamerika, wo die Ambrosia herkommt, in China und in Australien leben Käfer oder Schmetterlinge, die das Unkraut fressen. Doch in Europa gab es bislang keine solchen natürlichen Feinde. Bis der Zufall zu Hilfe kam.

Müller-Schärer: "Das war im letzten Jahr ..."

Der Forscher erinnert sich noch heute an den Anruf im Sommer: Ein Kontrolleur vom Pflanzenschutzdienst im Tessin hatte bei einer Routinekontrolle einen Käfer auf Ambrosia entdeckt, der das Unkraut anfrisst. Ob das der Ambrosia-Blattkäfer Ophraella communa ist, der in China millionenweise gezüchtet wird, um die Pflanze zu vernichten? Der Forscher ging auf die Suche. Zunächst ins Tessin, dann aber auch nach Norditalien, wo Ambrosia in großen Mengen vorkommt, unter anderem als Unkraut auf Winterweizenfeldern. Der Weizen wird normalerweise im Juni / Juli geerntet, und die Ambrosia bleibt zurück und wächst. Doch das, was der Forscher vor Ort entdeckte, hat selbst ihn überrascht.

"Also ich habe das eigentlich noch nie gesehen, einen solchen Hammereffekt, nicht einmal von einem Schadinsekt. Da waren also ganze Felder, die waren grün – und nach drei Wochen waren ganze Felder einfach braun."

Käfer kam vermutlich in Flugzeugen nach Norditalien

Schuld an dieser Verwüstung war tatsächlich der Ambrosia-Blattkäfer. Doch wie kommt er von Nordamerika oder aus China nach Norditalien? Wahrscheinlich über den Mailänder Flughafen, vermutet der Forscher. Als blinder Passagier im Gepäck oder im Frachtgut.

Der Ökologe freut sich über den Eindringling. Ein natürlicher Feind der Ambrosia mitten auf dem europäischen Kontinent! Das erleichtert auch die Arbeit im Projekt SMARTER. Der Käfer ist vor Ort, und so ist Müller-Schärer vor ein paar Wochen extra nach Italien gefahren, um Erdproben einzusammeln, die Käferlarven enthalten. Die hat er jetzt im Quarantänelabor auf Ambrosiapflanzen losgelassen. Unter genau definierten Bedingungen will der Ökologe untersuchen, was die Insekten machen. Am meisten freut ihn jedoch, dass er den Käfer direkt im Freiland beobachten kann: wie er lebt, wie er sich verbreitet und welchen Schaden er anrichtet.

"Ohne das Vorkommen von diesem Käfer würden wir da in der Quarantäne zehn Jahre rumbasteln. Jetzt können wir das alles gerade im Feld machen. Das ist natürlich ein Riesenvorteil, ist auch eine Riesenchance."

Unter natürlichen Bedingungen kann Müller-Schärer jetzt untersuchen, wie spezifisch der Käfer auf Ambrosia geht und welche Auswirkungen das auf die Pollenbelastung hat. Wenn der Käfer keinen Schaden an anderen Pflanzen und am Ökosystem macht, könnte man ihn einst aktiv in Europa vermehren und dort ausbringen, wo Ambrosia wächst.

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