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StartseiteBüchermarktAlles andere als ein Held10.02.2002

Alles andere als ein Held

Schöffling&Co, 621 S., EUR 26,-

<em>Robert, der für jede Form von Ordnung anfällig war, durchschaute das System bereits nach einigen Tanzteebesuchen. Er merkte gleich, daß es ihm, der sich an die militanten Systeme der Hitlerjugend und der Schule nicht hatte gewöhnen können, hier leichtfallen würde, sich einzuordnen. Es wäre angebracht gewesen, so fand Robert, Rangabzeichen zu tragen. (...) So kam es auch, daß er Schülern des Fortschrittskurses, die er als Unteroffiziere einstufte, oder einem Mitglied des Tanzkreises, das etwa einem Leutnant gleichkam, mit dem genau passenden Respekt begegnete. Mit dem Hausmeister, der als Oberfeldwebel anzusehen war, durfte man erst freundschaftlich verkehren, wenn man als Schüler des zweiten Fortschrittskurses, kurz FF-Kurs genannt, annähernd auf der gleichen Rangstufe stand. Robert ging sogar so weit, den Hund von Frau Rita Lahusen, einen schwarzen Scotchterrier, in dieses System mit einzubeziehen und ihm den Rang eines Unterfeldwebels zu verleihen, denn es war keinem Schüler der unteren beiden Kurse erlaubt, den Hund zu streicheln oder gar mit ihm zu spielen.</em>

Florian Felix Weyh

Streng geht es zu, in der Bremer Tanzschule von Frau Lahusen, dem ersten Haus am Ort. Und dennoch: Wer den stramm konformen Verhaltensnormen militärischer Bünde entgehen will, sucht Zuflucht in dieser gutbürgerlichen Institution. Wir schreiben die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, Oasen ziviler Umgangsformen sind rar geworden im nationalsozialistischen Deutschland. Über mangelndes Interesse kann sich die Tanzschule daher kaum beklagen, nicht zuletzt wegen der aus England eingeschmuggelten Swing-Platten. Robert Mohwinkel, Schiffsmaklerlehrling und notorischer HJ-Dienstschwänzer, fühlt sich schon beim ersten Besuch am rechten Ort angelangt. Hier kann er gleichermaßen mittun und am Rande stehen, sich einordnen und absondern in einem Atemzug. Denn dieser Held ohne Heldentum ist ein sonderbarer Kerl, der in der gängigen Dichotomie von Fanatiker und Widerständler eben nicht den Mittelplatz einnimmt, dort, wo der Mitläufer sein fahles Gesicht zeigt. Nein, Robert Mohwinkel, wegen schlechter Noten vom Gymnasium relegiert, weiß sehr genau, was er nicht mag. Die Nazis etwa:

Die Eintönigkeit der Aufmärsche und Feierstunden gaben Robert Gelegenheit, ein weiteres geheimes Spiel zu spielen, das er "Revolutionär" nannte. Er sagte sich: Ich bin ein Fremder, Abgesandter einer feindlichen Macht und ein gefährlicher Bursche, der vor nichts zurückschreckt. Robert bildete sich ein, in diese Organisation habe er sich vor Jahren schon eingeschlichen, um ihre Gewohnheiten zu studieren, damit er alles eines Tages zu Fall bringen könnte. Er merkte sich die Namen gefährlicher Nationalsozialisten, und er trug sie abends nach Dienstschluß in ein Heft ein. Gefährliche Nationalsozialisten aber waren für Robert nicht etwa politische Persönlichkeiten oder höhere Hitlerjugendführer, sondern lediglich Jungen, die ihn ärgerten, beleidigten, ihm beim Marschieren auf die Hacken traten oder ihn gar knufften.

In den Augen der Lehrer ein Faulpelz, von seinen Gegnern in der Hitlerjugend als Drückeberger gescholten, spiegelt sich der Charakter des Protagonisten im Buchtitel beinahe programmatisch wider: Er ist "Alles andere als ein Held". Doch ziemlich weit unten gestartet - der Roman beginnt mit dem unfreiwilligen Schulabgang - kann es nicht wesentlich tiefer gehen in der noch unabgeschlossenen Biographie des jungen Mohwinkel. Gewiß, hinter dem bürgerlichen Abstieg lauert das halbseidene Milieu, und dahinter das kriminelle. Zum halbseidenen findet der Held rasch Kontakt, denn das von seinen Mitlehrlingen bei Christiansen & Co. gern besuchte "Café Mohr" ist ein Treffpunkt von Prostituierten, auch wenn es die jungen Leute nicht gleich bemerken. So fällt Albert Warncken, ebenfalls Stift im ersten Lehrjahr, auf die scheinbar keusche Nanny herein und "geht" mit ihr. Bei seinem Freund Robert setzt das ungeahnte Energien frei:

Ein Mädchen zu finden wurde für Robert nun zu einer fixen Idee. Wenn er abends allein im Café Mohr saß, in Bols Stuben und beim Tanztee, wenn er seine Zigarettenpausen im Ablagekeller machte oder sich auf Botenwegen befand, arbeitete er Pläne zur Erlangung eines Mädchens aus. (...) Die Liste wurde sehr umfangreich, und es standen dort nicht nur die Damen der Tanzschule, sondern auch die Mädchen aus der Umgebung seines Elternhauses und die weiblichen Lehrlinge von Speditionsfirmen, denen er wöchentlich die Konnossemente der abgefertigten Dampfer aushändigte. Die Planmäßigkeit, mit der Robert arbeitete, ließ erkennen, daß es ihm bei der Erwerbung eines Mädchens nur um den Besitz ging. Er wollte etwas haben, was andere auch hatten, und etwas, das man überall anfassen durfte. Nicht etwa gegen Dritte, sondern für sich selbst brauchte er die Bestätigung, daß es unter den vielen tausend Mädchen dieser Stadt eines gab, das sagte: "Ich gehe mit Robert Mohwinkel.

Natürlich schlägt dieser Plan zunächst fehl - genaugenommen ein ganzes Leben lang, denn Mohwinkels Frauen bleiben zwielichtige Gestalten. Durchaus verständlich: Hinter der arroganten Fassade des kaufmännischen Lehrlings scheint nicht viel Innenleben vorhanden, das sich im intimen Austausch offenbaren könnte. Nach einigen Anläufen klappt es aber doch. Ilse, eine etwas ältere Bürokraft, zeigt deutliches Interesse und überfordert den spröden Robert mit ihren erotischen Bedürfnissen rasch. In einer Schlüsselszene signalisiert der Tonfall den weiteren Verlauf der Beziehung. Sie wird, gelinde gesagt, unausgewogen bleiben.

Er hielt es für seine Pflicht, sich nun auch um die Entdeckung der Brust zu bemühen, zumal Ilse durch die nur provisorische Bedeckung ihrer Brust andeutete, daß dies auch ihr erwünscht sei. Bei nächster Gelegenheit knöpfte er ihr das Tuch auf, war aber, als er es abnahm, von seiner neuen Entdeckung enttäuscht; er hatte sich nicht vorgestellt, daß die Brüste eines Mädchens so weiß und so weich seien. Er wagte kaum, sie zu berühren, aus Angst, sie könnten unter seinen Händen wie Butterkügelchen in der Sonne zerschmelzen. Sie paßten nicht zu dem festen Bild, das Robert seit Monaten von Ilse hatte. Er hielt die nackten Brüste für nicht interessant in der Liebe, und er nahm sich vor, sie nicht wieder zu berühren.

Kein Programm für rauschendes Liebesglück und erfüllte Sexualität, und so dauert es noch Jahre, nämlich einen ganzen dazwischenliegenden Krieg, bis Robert mit dieser "ersten Liebe" Geschlechtsverkehr hat, und da ist Ilse ihm schon weit davongeeilt, hat sich als semiprofessionelle Prostituierte durchgeschlagen und benutzt den "Freund" nur noch als bequemes Basislager. Der Betrogene, keineswegs von der tumben Sorte, kann dieses Verhalten jedoch nicht richtig einstufen, weil es aus jeder Ordnung fällt. Was Robert Mohwinkel selbst die kritischsten Situationen in Krieg und Nazireich überstehen läßt, ist sein beinahe zwangsneurotischer Ordnungssinn. Ein Gespür für Hierarchien und Systeme, für bürokratische Korrektheiten und übersichtliche Sortierungen. Gelingt ihm irgend eine Kategoriebildung, sei sie noch so weit hergeholt, vermag er sich mit der Situation zu arrangieren, weil er sich darin selbst einen Platz zuschreiben kann. Das klappt in der Tanzschule wie beim Arbeitsdienst, im Büro wie beim Militär. Allerdings nur, solange der Krieg noch in geordneten Bahnen verläuft, und der Dienst als Funker ein behagliches Dasein in der Etappe garantiert. Als er einen Deserteur zur Hinrichtung eskortieren muß, bekommt das Ordnungssystem empfindliche Risse. Der zum Henker bestimmte Feldgendarm ist beileibe kein Unmensch, sondern ein gemütlicher Bademeister.

Vielleicht, dachte Robert weiter, erscheint es einem durch Beförderung oder Sonderstellung ausgezeichneten Soldaten gar nicht so schwierig, etwas zu tun, was uns einfachen Soldaten unmöglich ist? Und plötzlich kam ihm der Gedanke, daß Rang, Auszeichnung und Sonderstellung den Menschen vielleicht veränderten. Sein Rang, seine Uniform, sein Blechschild und seine Orden waren ihm alles; sie dehnten ihm die Brust, und sie hoben ihm das Haupt so hoch, daß er es für unwichtig hielt, seine Taten und ihre Beweggründe zu prüfen. Mit einemmal fürchtete sich Robert davor, befördert oder ausgezeichnet zu werden. Er hatte Angst, daß eine Beförderung oder eine Auszeichnung ihn seiner eigenen Kontrolle entziehen und ihn veranlassen könnte, etwas zu tun, was ihm unter normalen Umständen den Magen umdrehen würde.

Das Motiv ist bekannt, wenngleich es in der Realität nur von mutigen Menschen beherzigt wird. Erich Kuby, der streitbare Journalist und Publizist, blieb aus eben diesem Grunde ein einfacher, später degradierter Gefreiter in der Wehrmacht. Auch der Designer Otl Aicher aus dem Umfeld der Geschwister Scholl bemühte sich nach Kräften, militärisch nicht zu avancieren. "Frei ist nur, wer unten bleibt, beim Fußvolk des Systems", schrieb er in seiner Autobiographie. Für seinen Helden faßt Rudolf Lorenzen die zentrale Botschaft in einem kurzen, bündigen Satz zusammen:

Das Aufsteigen in den Rängen bedeutete für Robert nicht, wie bei den meisten Soldaten, eine Vermehrung der Untergebenen, sondern eine Verminderung der Vorgesetzten.

Das ist der kleine, aber bedeutsame Unterschied, der Robert Mohwinkel von Diederich Heßling trennt, dem berühmten "Untertan" Heinrich Manns. Keine zwei Generationen nach Mann versuchte Rudolf Lorenzen 1956 den Prototyp des funktional agierenden Deutschen zu schildern, ohne den diktatorische wie demokratische Systeme aus dem Ruder laufen. Eben nicht der Opportunist, der den Arm reckt, auch wenn es ihm innerlich zuwider ist, jedoch nach politischen Wetterumschwüngen nichts eiliger zu tun hat, als die nächste Fahne aus dem Fenster zu hängen. Lorenzens Robert Mohwinkel stabilisiert das Staatswesen auf eine viel fundamentalere Weise. Keine politische Ordnung kommt ohne Rückgriffe auf ihre Vorgänger aus, ob im Kaiserreich, unter Hitler, Ulbricht oder Adenauer - die Bürokratie blieb eine entscheidende Konstante. Wer sich zu stark mit dem austauschbaren Personal an der Spitze identifiziert - der Mannsche Typus des Untertanen - erweist sich dabei als dysfunktional. Das kann einem Ordnungsmenschen wie Mohwinkel nicht passieren. Ihn lüde nur ein System zur absoluten Identifikation ein, das makellos funktionierte, und davon ist die deutsche Kriegsmaschinerie der vierziger Jahre weit entfernt. Im Gegenteil, Schlendrian, wohin man blickt:

Vosteen legte unbedingten Wert darauf, daß alle Leute seines Trupps Skat spielen konnten, denn ein einwandfreier Dauerskat gelang nur bei vier Spielern, von denen abwechselnd immer einer Gelegenheit hatte, die allernotwendigsten Arbeiten zu verrichten. Zu diesen allernotwendigsten Arbeiten gehörten aber nicht Waffenreinigen, Fahrzeugüberholen oder Uniformputzen, sondern nur Austreten, Essenfassen und Postholen. "Ein Gewehr", sagte Wachtmeister Vosteen, "reinigt sich von selbst, wenn man ab und zu einige Male damit schießt", und die Uniform zu bürsten war für ihn der größte Blödsinn, weil erst der graue Staubbelag auf der schwarzen Panzeruniform den Soldaten tarnte und somit sein Leben verlängerte. "An Läusen ist noch niemand gestorben", sagte er zu Robert, "in der Zeit, in der Sie ein Hemd waschen, können wir schon drei Runden gemacht haben."

Als 1956 "Alles andere als ein Held" zum ersten Mal erschien, geriet der Roman in Idealkonkurrenz zu Werken, die heute in Schulbüchern verstauben oder ein kümmerliches Dasein als Gedenkliteratur fristen. Außer der "Blechtrommel", deren überbordende Sprachkraft sie vor literarischen Verfallserscheinungen schützte, haben die meisten Werke der fünfziger Jahre die Zeitläufte nicht überstanden. Die Heimkehrerliteratur war zu moralinsauer, zu eindeutig in ihrer Anstrengung, reinen Tisch machen zu wollen, und die nachgereichten Werke der "inneren Emigration" erschienen schon für damalige Verhältnisse betulich bis verlogen. Rudolf Lorenzens Roman rückte mit seinem unerbittlichen Realismus, den man ideologisch verbrämt damals nur in der DDR praktizierte - etwa in Dieter Nolls "Abenteuern des Werner Holt" - dem Adenauerdeutschland bedrohlich nahe auf den Leib, errang aber nicht annähernd den Bekanntheitsgrad der Werke seiner berühmten Kollegen aus dem Umfeld der Gruppe 47. Das ist außerordentlich bedauerlich, denn dieses Buch, nach beinahe fünfzig Jahren im dritten Anlauf hoffentlich auch am Markt erfolgreich, wäre schon zu seiner Zeit eine Entdeckung wert gewesen. Gerade der strenge Blick des Vivisekteurs Lorenzen auf seinen krabbelnden und strampelnden Aufsteiger Mohwinkel - an vielen Stellen durch biographische Überschneidungen von Autoren- und Heldenleben beglaubigt, auch Lorenzen begann als Schiffsmakler - macht den Roman immun gegen literarische Moden. Im Gegenteil, für die fünfziger Jahre mit ihrem stilistischen Muff dürfte er zu modern gewesen sein, obgleich er an eine Tradition anknüpfte. Die Beschreibung des ersten Arbeitstages bei Christiansen & Co. orientiert sich deutlich am Realismus der ersten Nachkriegsliteratur, wie ihn Döblin oder Georg Kaiser in den Zwanzigern praktizierten:

Langsam legte sich der Lärm der Unterhaltungen, und ein neuer Lärm stieg auf, ein Gemisch von Rechen- und Schreibmaschinengeklapper und von eiligen Zurufen, auf die eilige Antworten kamen, wie etwa: "Tallyscheine Pinguin" mit der Antwort "Nicht vor neun". Auch Telefone klingelten dazwischen; die Angestellten telefonierten laut und unterhielten sich auch während des Telefonierens noch untereinander, indem sie die Muschel zuhielten. Ein Lehrling stempelte im Stehen mit mehreren Stempeln einen Berg von Papier. Einen besonders großen Stempel handhabte er absichtlich laut, die kleineren etwas leiser, so daß es Robert schien, als trommle der Lehrling sich mit seinen Stempeln langsam in Trance, während er starr vor sich hinblickte und gar nicht mehr hinsah, was er stempelte. Am anderen Ende der Halle gab ein junger Mann telefonisch ein Telegramm durch, langsam, Wort für Wort: Sunderland - arrived - Bremen - null - sechs - null - null - today - removal -tausend - tons - wool - zwo - zwo - null .. ." Er wiederholte die letzten Zahlen noch zweimal, dann rief er durch die Halle dem stempelnden Lehrling zu: "Sei doch mal 'n Moment still", worauf augenblicklich alle Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Telefongespräche und Unterhaltungen verstummten, nur der Lehrling mit den Stempeln trommelte noch eine Zeitlang weiter, bis er sich aus der Trance löste.

Helden dürften nicht unsympathisch sein - dies zählt zu den Platitüden konservativer Literaturauffassung. Wenn sie es aber doch sind, müssen sie wahre Scheusale sein, größer als das Leben, Schurken von Shakespeare'schem Format. Robert Mohwinkel ist weder das eine noch das andere. Man verfolgt seinen Lebensweg mit Unbehagen und Interesse, auch wenn das widersprüchlich klingt. So schwer sich andere Figuren des Buches tun, mit ihm warm zu werden, so sehr müht sich der Leser damit ab, eine innere Beziehung zu ihm aufzubauen. Doch in seinem Ordnungstrieb gelingt dem Helden viel mehr, als man von einem geborenen Verlierer erwartet, und der Ordnungstrieb ist das eigentliche Identifikationsangebot des Buches. Eine Glücksvorstellung. Er verkörpert Schönheit, Reinheit, Freiheit von Irritationen. Das Glück Mohwinkels, in den von ihm eingeübten Ordnungsstrukturen perfekt zu funktionieren - damit wiederum die Strukturen zum eigenen Seelenheil zu bestätigen - scheint sich nach dem verlorenen Krieg zunächst zu erfüllen. Der Soldat rüstet ab und tritt wieder als Schiffsmakler in seine Lehrfirma ein, allerdings unter dem Sohn des verstorbenen Firmeninhabers. Der nutzt den beinahe Gleichaltrigen nach Strich und Faden aus, bevor er ihn auf eine subalterne Position nach Frankreich abschiebt. Damit wandelt sich im letzten Drittel des Buches die Geschichte zur Tragödie und macht den Leser endgültig zum mitleidigen Geschöpf. Der Verrat der Ordnung an der Ordnung entspricht den historischen Tatsachen der Adenauerschen Restauration, in der die Repräsentanten höherer Gesellschaftsschichten wie vor dem Krieg agierten, allerdings auf Kosten ihrer weitaus fähigeren Angestellten, die gleichwohl keinen Zutritt zum exklusiven Club erhielten. Robert Mohwinkel verkörpert die neue Ordnung der technischen Kompetenz, doch mangelt es ihm an der passenden Herkunft, die im alten System über Auf- und Abstieg entschied. Zunächst fällt er noch einmal ganz tief, schuftet im Hafen von Marseille als Tallymann, jener für die Löschung der Ladung verantwortlicher Arbeiter, der, wenn er nicht korrekt agiert, ganze Partien verschwinden lassen kann. Genau das tut Mohwinkel in Zusammenarbeit mit der Hafenmafia und bringt in knapp einem Jahr so viel Hehlerlohn zusammen, daß er sich mit einem befreundeten deutschen Kapitän als Reeder und Schiffsmakler in Lübeck selbständig machen kann. Das schlechte Gewissen - etwas außerhalb der Ordnung getan zu haben - nagt freilich sehr:

Kleinschmitt sah Robert an, wie er zusammengesunken dasaß. Sein Freund tat ihm leid. "Sie sind ein guter Mensch", sagte er mit weicher Stimme, "ein guter Mensch, der andere Menschen glücklich macht. Sie haben mir zu meinem Glück verholfen, Apel werden Sie zum Kapitän machen. Sieben Menschen in Ihrem Büro bekommen pünktlich ihre Gehälter, und es sind anständige Gehälter. Acht Mann an Bord kriegen immer pünktlich ihre Heuer, bei vielen Firmen sind Sie Kunde und vermitteln ihnen angenehme Aufträge, nicht zu vergessen die Versicherungsgesellschaften..." Kleinschmitt machte eine kleine Pause, "...nicht zu vergessen die Versicherungsgesellschaften, die an Ihnen verdienen, und nicht zu knapp."

So schließt sich der Kreis zur neuen sozialen Marktwirtschaft Erhardscher Prägung, in der die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze über den Makel einer ungeklärten Herkunft siegt. Dieser Schluß - endlich ist der Held in jener Schicht angekommen, der er immer angehören wollte - macht das Buch zeitlos lesbar. In Wahrheit erodiert diese Schicht Mitte der fünfziger Jahre schon längst. Dies als Entwicklung gesehen zu haben, hebt Rudolf Lorenzens gewichtigen Roman über viele Produkte seiner rückwärtsgewandten Kollegen von damals hinaus: Nicht bloße Abrechnung mit dem Dritten Reich und seinem Kriegselend, sondern ein hellsichtiger Wirtschaftsroman vom Überleben als mittellos Geborener. Zum achtzigsten Geburtstag sollte man dem betagten Autor die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ihm so lange vorenthalten blieb: Ihn als großen zeitgenössischen Autor zu rühmen.

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