Kalenderblatt / Archiv /

Amerigos Kontinent

Vor 500 Jahren starb der italienische Seefahrer Amerigo Vespucci

Von Helge Buttkereit

Zeitgenössisches Porträt des italienischen Entdeckers Amerigo Vespucci (1451-1512)
Zeitgenössisches Porträt des italienischen Entdeckers Amerigo Vespucci (1451-1512) (picture alliance / dpa)

Ob der Namenspate von seinem Ruhm wusste? Der italienische Seefahrer Amerigo Vespucci gab dem Kontinent Amerika seinen Namen. Zwei Mal segelte er über den Atlantik in Richtung Westen. Am 22. Februar 1512 starb Vespucci verarmt in Sevilla.

"Christoph Kolumbus: "Bedaure, wie war der Name?"
Amerigo Vespucci: "Amerigo Vespucci, nach mir ist der neue Erdteil benannt. Ich habe ein Buch über meine Expedition veröffentlicht."
C.K.: "Gratuliere."
A.V.: "Herr Admiral, ich muss Ihnen die Hand drücken. Sie waren wirklich der Erste. Sie sind ein großer Mann. Sie haben Amerika entdeckt."
C.K.: "Was habe ich entdeckt? Amerika? Ich habe den Seeweg nach Asien gefunden…"
A.V.: "Sie haben etwas viel Größeres gefunden. Einen neuen Erdteil."

Dieser Dialog zwischen Christoph Kolumbus und Amerigo Vespucci, aus der Feder von Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever, kann so zu Beginn des 16. Jahrhunderts kaum stattgefunden haben. Doch er berührt ein wesentliches Problem: die Geschichte um die Entdeckung und die Namensgebung Amerikas ist eine Geschichte voller Irrtümer.

"C.K.: "Man hat mich betrogen und bestohlen, ich habe nichts mehr. Und dann soll ich am Ende noch glauben, alles war nur ein Irrtum?"
A.V.: "Warum schreiben Sie nicht Ihre Memoiren?"
C.K.: "Memoiren? Wozu?"
A.V.: "Damit die Nachwelt erfährt, wie es wirklich gewesen ist."
C.K.: "Was ich für Possen erlebt habe, das glaubt mir kein Mensch."
A.V.: "Verzeihung Herr Admiral, die Weltgeschichte ist nicht possenhaft. Sie ist bedeutend.""

Über den Geschäftsmann und Seefahrer Amerigo Vespucci wissen wir heute sehr wenig. Jedoch schien der nautisch und astronomisch begabte Italiener - anders als Kolumbus - begriffen zu haben, dass jenseits des Atlantiks eine für die Europäer "Neue Welt" lag. Vespucci war um die Jahrhundertwende mindestens zwei Mal über den Atlantik in Richtung Westen gesegelt und 1501 unter portugiesischer Flagge bis zum heutigen Brasilien vorgedrungen. Von dieser Reise berichtet die Flugschrift "Mundus Novus". Unklar ist, ob Vespucci die gedruckte Fassung selbst zu verantworten hatte. Klar ist, dass ihr einer seiner Briefe zugrunde lag. So schreibt der Autor des "Mundus Novus", dass er auf seiner Reise neue Regionen besucht habe, …

"…die man als eine 'Neue Welt' bezeichnen könnte, wo doch die Alten von diesen Gebieten keine Kenntnis besaßen und deren Existenz allen, die davon hörten, völlig unbekannt ist."

Das war eine Sensation. Das Büchlein mit seinen blumigen Schilderungen eines exotischen Kosmos wurde zum Bestseller. Die Tropenregion im heutigen Brasilien etwa war für den Autor geradezu ein Paradies:

"Das Klima ist dort sehr gemäßigt und gesund, und es gibt dort, wie ich aus den Berichten der Menschen erfahren konnte, niemals irgendeine Pest oder Epidemie, die von verseuchter Luft übertragen wurde."

Europa litt zu dieser Zeit unter Kriegen, der Pest und weiteren Epidemien. Auch vor diesem Hintergrund verkaufte sich "Mundus Novus" gut und wurde immer wieder nachgedruckt. Die Schrift gelangte zu dem Elsässer Humanisten Matthias Ringmann, der im Jahr 1507 dem Kartografen Martin Waldseemüller vorschlug, das von Vespucci beschriebene Gebiet, das heutige Südamerika, auf seiner neuen Weltkarte nach seinem Entdecker zu benennen.

"Nun sehe ich keinen Grund, aus dem rechtens bestritten werden könnte, diesen nach seinem scharfblickenden und begabten Entdecker Amerigo zu nennen, dass es quasi America genannt werden soll, sind doch auch Asien und Afrika nach Frauen genannt."

Ein Name, der sich sehr bald schon für den gesamten Erdteil durchsetzen sollte. Ob Vespucci selbst vom Ruhm der Benennung nach seinem Vornamen erfahren hat, ist unklar. 1451 als Sohn eines Kaufmanns in Florenz geboren, arbeitet er zunächst als Buchhalter im Bankhaus der Medici. 1491 wird er ins spanische Sevilla geschickt, als wichtiger Binnenhafen und Umschlagplatz für Handelsgüter damals ein "Tor zur Welt". Dort hilft er bei der Ausrüstung der ersten Reise des Kolumbus und schifft spätestens 1499 selbst in Richtung der nordöstlichen Küste Südamerikas ein. Ab 1505 dient er als Kartograf und Navigator für Spanien und betreut die offizielle Seekarte der neu entdeckten Gebiete. Vier große Reisen will Amerigo Vespucci insgesamt unternommen haben, nur zwei davon sind bestätigt. Seine Tagebücher und die meisten seiner Briefe sind verloren. Der Schriftsteller Stefan Zweig schreibt in seinem Vespucci-Essay über die ausgebliebenen Früchte des Ruhms:

"Wir wissen darüber nur eines, nämlich, dass dieser ungeheuerliche Ruhm, der wie ein Orkan über Berge, über Meere, über Länder und Sprachen braust und schon hinübergreift in die andere, die 'Neue Welt', seinem Leben nicht den mindesten greifbaren Ertrag gebracht."

Vespucci starb verarmt am 22. Februar 1512 in Sevilla.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Erste Erwähnung Amerikas

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kalenderblatt

Völkermord in RuandaDer Weltsicherheitsrat wollte nicht eingreifen

Porträtbilder der Opfer des ruandischen Völkermords.

Vor 20 Jahren wurden bei einem Massaker in der ruandischen Stadt Nyarubuye etwa 2.000 Menschen mit Speeren, Macheten und Keulen abgeschlachtet. Das Massaker war Teil des Völkermords in Ruanda, bei dem extremistische Hutu innerhalb von 100 Tagen mindestens 800.000 Tutsi und deren Sympathisanten ermordeten.

Madame PompadourVom Volk als "königliche Hure" verhöhnt

Zeitgenössische Darstellung von Jeanne Antoinette Poisson, der Marquise de Pompadour, Mätresse von König Ludwig XV, nach einem Gemälde von Boucher. Sie wurde am 29. Dezember 1721 in Paris geboren und verstarb am 14. April 1764 in Versailles.

"Maîtresse en titre" war im 18. Jahrhundert eine begehrte Position. Schönheit allein genügte dafür nicht, Bildung gehörte auch dazu: Madame Pompadour brachte alle Voraussetzungen mit. Als Mätresse von König Louis XV. stieg sie zur einflussreichsten Frau Frankreichs auf.

Rachel Carson"Die Kraft, alle Insekten zu töten"

DDT wurde auch als Mittel gegen Zeckenbefall bei Schafen eingesetzt, USA 1948

Das Buch der US-amerikanischen Biologin Rachel Carson, "Der stumme Frühling", legte 1962 die verheerende Wirkung des Insektengifts DDT dar. Die Chemikalie lasse "die Vögel verstummen und die Fische verenden", schrieb Carson, die am 14. April 1964 starb. 1972 wurde DDT in den USA verboten.