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StartseiteBüchermarktAn den Toren der Festung Europa15.02.2008

An den Toren der Festung Europa

Die Erinnerung an den algerischen Bürgerkrieg in den neunziger Jahren und dessen Folgen sind nach wie vor ein wichtiger Schreibimpuls für den französischsprachigen Autor Hamid Skif. Er habe zwar das Land verlassen, aber das Land habe ihn nicht verlassen. Auch in "Geografie der Angst" spielt die Erfahrung von Repression, Flucht und Illegalität eine zentrale Rolle

Von Sabine Peters

Flüchtlinge in einem Lager in der spanische Exklave Mellila (AP)
Flüchtlinge in einem Lager in der spanische Exklave Mellila (AP)

Das Phänomen selbst ist zeitlos, die Orte, an denen es erfahren wird, wechseln. 1837 protestierten Professoren der Göttinger Universität gegen einen Verfassungsbruch ihres Landesherrn. Sie wurden unverzüglich mit Ausweisung bestraft. Zu denjenigen, die im damaligen Kurhessen Exil suchten, gehörte der Sprachwissenschaftler Jacob Grimm, und er berichtete, wie dort eine alte Frau ihren Enkel anwies: "Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling." Von den politischen Ansichten Jacob Grimms wird die alte Frau kaum gewusst haben; ihr reichte es, dass er ein Flüchtling war, um ihm Achtung zu erweisen.

Politische Verfolgung, Flucht, Ausweisung, Exil, Zwangsmigration: Aus der zeitlichen Distanz scheint die Anteilnahme für deren Opfer oft leichter zu fallen als für die entsprechend bedrohten eigenen Zeitgenossen, das zeigt schon ein Ausdruck wie "Asylantenschwemme". Um den aktuellen wie künftigen Umgang mit Flüchtlingen in der EU geht es im neuen Roman von Hamid Skif.

Hamid Skif wurde 1951 in Oran geboren und war Mitbegründer der algerischen Journalistenvereinigung. Nach verschärften Zensurmaßnahmen durch die Regierung und einem Mordanschlag durch islamistische Fundamentalisten verließ er das Land 1997; vom PEN Club erhielt er ein Aufenthaltsstipendium in Hamburg, wo er seitdem lebt. Skif verkörpert zwei Positionen, die für seine Generation im Westen nicht allzu häufig in einer Person zu finden sind: Er ist sowohl ein politisch engagierter Intellektueller als auch ein ausgewiesener Autor, dessen Lyrik, Prosa und Theaterstücke vor allem im französischsprachigen Raum gelesen werden. Sein neues Buch, "Geographie der Angst", bekommt in Frankreich diesen Herbst gleich zum zweiten Mal einen Literaturpreis, diesmal den "prix du roman frankophone", der an französischsprachige Autoren nichtfranzösischer Nationalität verliehen wird.

In diesem Roman schildert Skif exemplarisch, was die Erfahrung von Repression, Flucht und Illegalität aus einem Einzelnen machen. Der Ausdruck "Geografie", also "Beschreibung der Erde", spielt darauf an, dass Angst und Gefahr grenzenlos geworden sind, dass es für den Flüchtling nirgendwo ein sicheres Außerhalb gibt. Die Landkarte der Angst, die hier entworfen wird, kennt sehr unterschiedlich temperierte Zonen, so unterschiedlich, wie das Lebensgefühl des Verfolgten sich darstellt. Der Grundton von Skifs Romans ist unaufgeregt und verhalten, und das wird der Thematik, die selbst so voller Tragik steckt, eher gerecht als jeder Versuch, mitzureißen. Und doch tauchen bei aller Lakonie gelegentlich ungewöhnliche, originelle Bilder auf, die an die Tradition der Literatur des Maghreb erinnern. Skif findet poetische Metaphern, etwa, wenn er den Erzähler und seine Leidensgenossen auf der Flucht über verschneite Pässe als "bewegliche Kamine" beschreibt, denen die Dampfwolken aus den Mündern wehen.

Der Roman ist nicht chronologisch erzählt, er besteht aus Bewusstseinspartikeln, Erinnerungen und Reflexionen. Und es gehört zu den Qualitäten dieses Buchs, dass der Flüchtling selbst nicht als eine in sich stimmige Figur erscheint, als Held oder als Opfer, als Widerständler oder als längst schon physisch und psychisch Zerstörter und Zerbrochener. Dieser in sich zerrissener Erzähler hat in seinem korrupten, autoritären und zukunftslosen Herkunftsland eine politische Vereinigung gegründet; er wird verhaftet und gefoltert, bevor er mithilfe von Schleppern nach Europa flieht. Ohne Ausweispapiere ist er ein Illegaler, der nach diversen Jobs als Schwarzarbeiter schließlich vom Studenten Michel in einer Dachkammer versteckt und mit Lebensmitteln versorgt wird. Dort hat er allen Grund, die Blockwartsmentalität der Nachbarn zu fürchten, sich leise zu verhalten und allenfalls nach innen zu sprechen. Draußen, das weiß er, hätte man ihn längst aufgespürt und verhaftet; in seinem Versteck ist er "frei" - nur, er existiert nicht. Selbst Michel erweist sich als zweifelhafter Freund, der Gefallen an der Macht findet, die er dem hilflosen Illegalen gegenüber gewonnen hat. Kurz: Über weite Strecken des Buchs ist niemand da, der dem Ich-Erzähler die Hand gibt aus dem einzigen Grund, weil er Flüchtling ist.

Die Erinnerung an den algerischen Bürgerkrieg in den neunziger Jahren und dessen Folgen sind nach wie vor ein wichtiger Schreibimpuls für Hamid Skif; so sagte er in einem Interview sinngemäß: Er habe das Land verlassen, aber das Land habe ihn nicht verlassen. Skif malt die existentielle Gefährdung, in der seine Figur sich befindet, nicht breit aus; bei allem Schrecken, der hier verhandelt wird, wirkt sein Text sehr diskret. Es bleibt oft bei Andeutungen, und so wird der Leser selbst auf ein dünnes Eis geschickt, das zumindest annähernd vorstellbar macht, in welcher Vorsicht und Angst der Erzähler seine Schritte setzen muss. Dessen Selbstgespräch bringt eine Fülle unterschiedlicher Gefühle zu Tage: Wut auf das verhasste Regime. Schuldgefühle, nicht "genug" dagegen gekämpft zu haben. Zweifel, ob es besser wäre, im Herkunftsland nur immer weiter ein stummer Statist des Systems zu sein. Lethargie, denn jetzt und hier bleibt nur das Stillhalten. Rachefantasien, aufflackernder Lebensmut, Langeweile, Trauer um die hilflose und verlorene Familie und schließlich eine furiose Anklage, die sich gegen die ungreifbar abstrakte "Festung Europa" richtet.

"Geographie der Angst" ist mehr als die dokumentarische Bearbeitung eines aktuellen politischen Themas. Die paradoxe Erfahrung, wie die Realität eines Verfolgten auf der Flucht und im Versteck zum Verlust an Realität wird, findet hier einen überzeugenden literarischen Ausdruck.

Hamid Skif: Geografie der Angst. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Münzner. Nautilus, 140 Seiten, 14,90

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