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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKultur heuteÜber den Kampf ums Erinnern 20.04.2017

Anis Hamdoun - "Die unbekannte Stadt"Über den Kampf ums Erinnern

"Die unbekannte Stadt" ist das zweite Stück des aus Syrien geflüchteten Anis Hamdoun. Für das Kinder- und Jugendtheater in Osnabrück erarbeitete er die Geschichte von Dana und Michael, in der er ein Flüchtlingstrauma auf die gleiche Ebene hebt wie eine deutsche Familientragödie.

Von Michael Laages

Ein Mann sitzt auf einem Felsen an der steinigen Atlantikküste von Essaouira. (dpa picture alliance/ Reinhard Kaufhold)
Das Meer spielt eine wichtige Rolle in "Die unbekannte Stadt". (dpa picture alliance/ Reinhard Kaufhold)
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Mit einem mäßig ulkigen Witz beginnt das Gespräch zweier Beschädigter; beide, er, Michael, und sie, die "Renata" genannt wird, treffen aufeinander in der Cafeteria einer Jugendpsychiatrie, sie kellnert und bringt ihm fast immer Tee, wenn er Kaffee möchte. Und umgekehrt: "Was machst Du denn außerhalb des Cafes?" / "Terrorismus!" / "Krasse Aufgabe ... und wahrscheinlich muss man viel dafür lernen ... Kannst Du's nochmal sagen?" / "Tourismus." / "Aaaah, interessant." 

Hinter dem Versprecher steckt mehr – Renata (das ist nicht ihr richtiger Name!) hatte offenbar mal eine Muttersprache, die aber nicht Deutsch war; jetzt sammelt sie (in der Leihsprache des Ortes, an dem sie lebt) Wörter, auch wenn die eher nicht zueinander passen: ihr Kopf sei "wie zwei Walnüsse in der Tüte". Wie bitte?

Das Mädchen erinnert sich auch an nichts mehr von früher, während der etwa gleich alte Junge mit dem Trauma des toten Vaters nicht zurechtkommt. Papa war zwar ein angesehener Gefäßchirurg, hat sich aber umgebracht; und wie er wollte sich auch der Sohn mit einem Segelboot auf See begeben, um nicht zurück zu kommen. Medizinische Begabung aber hat er schon geerbt, und ein neurologisches Grundlagenbuch auch – und so versucht er, auf der Basis von Experimenten mit allen Sinnen (hören, riechen, sehen und so weiter) der Geschichte des Mädchens auf die Spur zu kommen.

Erlösung am Meer

Trotz heftiger Rückschläge gelingt das – und am Ende stehen beide, das aus Syrien über die Türkei und das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtete Mädchen (das korrekt Dana heißt) und der vor dem Vater-Trauma flüchtende Michael, am Meer. In einer unbekannten deutschen Stadt am Meer hatten sich Dana und der syrische Bruder bei der Mittelmeer-Überfahrt verabredet, wenn sie einander verlieren sollten. Und natürlich ging er verschütt und ist nun wahrscheinlich so tot wie Michaels Vater.

Gemeinsam aber haben jetzt beide den "Schatten" abgeschüttelt, der so schwer gelastet hat auf den so unterschiedlich beschädigten Biografien. "Sie sind beide hier, mein Bruder und Dein Vater." / "Glaubst Du, sie haben Frieden gefunden?" / "Für sie ist es leichter als für uns." / "Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Den Tod der anderen – den muss man leben."

Ein bisschen grob philosophieren Autor, Regisseur und Dramaturgin in Hamdouns Stück – aber wir sind ja bei OSKAR zu Gast (so heißt das Kinder- und Jugendtheater in Osnabrück!), und da ist ein bisschen Oberfläche durchaus erlaubt. Auch ein paar Fragen ans Stück bleiben unbeantwortet – warum etwa ist keiner der behandelnden Ärzte auf jene neurologische Recherche-Methode gekommen, die Mitpatient Michael anwandte?

Theater schafft Nähe zu unbekannten Flucht-Opfern

Egal. Hamdoun hat einen überzeugenden Text über den Kampf ums Erinnern und gegen die allgegenwärtigen Traumata des Lebens geschrieben. Und der Arzt und Regisseur Tugsal Mogul hat einen stimmigen Weg in die Inszenierung gefunden; durch kleine, sehr überschaubare szenische Mittel, ein gefaltetes Papierboot etwa und dahinter im Video die rollenden Wellen des Meeres, und vor allem durch den "Schatten", der tatsächlich immer wie um die beiden jungen Menschen herum zu schweben scheint – mit brauner Cordjacke angetan, wenn’s Michaels Papa sein soll, und in roter Trainingskluft, wenn gerade der Bruder des syrischen Mädchens im Einsatz ist. So wird Benjamin Werner als stummer Schatten mindestens so wichtig wie die beiden Hauptfiguren Johanna Franke und Jost op den Winkel.

Sucht nicht das Theater gerade nach Texten, in und mit denen Nähe möglich wird zu den ungezählten Unbekannten, die aus fernen, fremden Welten geflüchtet sind zu uns, die wir doch meist so gar nichts wissen (oder wissen wollen) von der neuen Nachbarschaft? Bleiben wir nicht oft so dumm und stumm vor den Geschichten, die speziell die jugendlichen, manchmal unbegleiteten Flucht-Opfer zu erzählen haben? Hamdoun stellt eine Geschichte wie diese (also wie die eigene) auf die Ebene einer deutschen Familientragödie – und sie ist bei ihm genauso traumatisch, wirft genau so viele Schatten auf ein Leben wie bei uns in der vermeintlich guten Stube. 

Schon mit dem Erstling "The Trip", gezeigt zunächst beim Neue-Texte-Festival unter dem Motto "Spieltriebe" in Osnabrück, fiel dieser Autor aus Syrien auf in der neuen Heimat. Er bleibt auf dem richtigen Wege, und das Osnabrücker Theater mit ihm.  

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