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StartseiteKalenderblattAnschlag am Zahltag05.04.2006

Anschlag am Zahltag

Vor 20 Jahren explodierte ein Sprengsatz in der Berliner Diskothek "La Belle"

Es war einer der schwersten Anschläge, der je auf deutschem Boden gegen US-Amerikaner begangen wurde: das Attentat auf die West-Berliner Diskothek "La Belle". Die Diskothek war bekannt dafür, ein Stammlokal der in Berlin stationierten GIs zu sein. Durch das Attentat vom 5. April 1986 starben drei Menschen. Die Tat ging auf das Konto des libyschen Geheimdienstes.

Von Andreas Baum

Die Diskothek "La Belle" nach dem Anschlag. (AP Archiv)
Die Diskothek "La Belle" nach dem Anschlag. (AP Archiv)

An diesem Freitag soll die Stimmung besonders gut gewesen sein, wie immer, wenn die GIs "pay-day" hatten - Zahltag. Gegen Mitternacht drängten sich 500 Gäste in der stickigen Luft, tanzten zu Funk und Soul. Das "La Belle" soll anders gewesen sein als die anderen modernen und gestylten Discos im West-Berlin der 80er Jahre. Es wirkte eher bieder: grob gemusterte Tapeten, plüschige Sessel, eine veraltete Light-Show. Es war eben nicht cool, und deshalb war es so beliebt.

"Im La Belle redeten die Leute noch miteinander","

erinnert sich später der italienische Besitzer Enzo Dinuno.

""Egal ob US-Soldat, Deutscher, Türke oder Araber. Das Motto war: Have a good time."

Gegen 1.45 Uhr riss eine gewaltige Explosion ein Loch in den Betonfußboden. Drei Kilo Plastiksprengstoff, am Rand der Tanzfläche deponiert, töteten in der Nacht vom 5. auf den 6. April 1986 im "La Belle" einen GI und eine türkischstämmige Berlinerin. Ein weiterer Soldat starb später an den Folgen der Tat. 28 Menschen wurden schwer verletzt, 250 Gästen platzte das Trommelfell.

"In dem Moment, als es Puff gemacht hat, hab ich mich im Keller wiedergefunden und ich dachte, ich wäre tot. Ich bin hochgekommen, hab nur ein Chaos gesehen, hab geguckt, wie die Leute so schnell wie möglich rauszubefördern. Weil da haben Leute rumgelegen und – Arme und Beine abgerissen. Es war wirklich schlimm."

"Überall Leute und Blut, und beim Laufen hab ich so einen Draht aus dem Fuß hängen gehabt, den hab ich mir alleine rausgerissen, also ich hab erst gar nicht richtig nachvollziehen können, was überhaupt war. Ich stand bestimmt unter Schock."

Schon am Tag nach dem Anschlag konnte US-Präsident Ronald Reagan den Schuldigen klar ausmachen. Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi soll das Attentat angeordnet haben, um die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe zu rächen. Die Vergeltung ließ nicht lange auf sich warten. Am 15. April 1986 griffen US-amerikanische Kampfflugzeuge Tripolis an. 36 Zivilisten wurden getötet, darunter eine Adoptivtochter des Revolutionsführers. Trotz mangelnder Beweise unterstützte Bundeskanzler Helmut Kohl das Bombardement.

"Es liegen jetzt beweisfähige, nachrichtendienstliche Quellen vor, dass das libysche Volksbüro in Ost-Berlin für den Terroranschlag auf die West-Berliner Diskothek Verantwortung trägt, bei dem es zwei Tote und mehr Verletzte gab als bei dem amerikanischen Angriff in Libyen. Wir werden nicht dulden, dass unsere amerikanischen Freunde und Alliierten aus unserem Land hinausgebombt werden."

Die juristische Aufarbeitung des Attentates dagegen kam jahrelang nicht voran. Erst nach dem Fall der Mauer und nachdem Agenten wie Akten der DDR-Staatssicherheit in die Hände des Westens fielen, änderte sich das. Der ermittelnde Staatsanwalt Detlev Mehlis bekam nun Hinweise darauf, dass das Attentat tatsächlich von Ost-Berlin aus geplant worden war.

"Der Ansatzpunkt war, dass sich ein recht hoher Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit dem Bundesnachrichtendienst anvertraute und in seinen Angaben auch Hinweise einmal auf Erkenntnisse der Ost-Berliner Behörden zum Anschlag gab und zum anderen darauf hinwies, dass man Näheres natürlich Akten entnehmen könne, und das war sozusagen der Einstieg."

Die Stasi hatte zwei Inoffizielle Mitarbeiter in die Gruppe der Täter eingeschleust. Verhindert hat sie das Attentat nicht. Aus den Akten der Stasi ergibt sich allerdings auch eine Verwicklung westlicher Geheimdienste, die bis heute unaufgeklärt ist. Demnach soll die CIA durch einen Doppelagenten ebenfalls über die Anschlagsvorbereitungen unterrichtet gewesen sein. Im Dezember 1992 wurde eine erste Anklage erhoben, der erste "La Belle"-Prozess platzte 1993. 1997 wurde der Prozess erneut aufgerollt. Im November 2001 verurteilte das Berliner Landgericht vier Täter.

"Die Deutsche Verena Schanaa erhält wegen dreifachen Mordes 14 Jahre Gefängnis. Der Palästinenser Yassir Schraidi wird wegen Beihilfe ebenfalls zu 14 Jahren verurteilt. Die beiden Angeklagten Musbah Eter sowie Ali Schanaa müssen für zwölf Jahre ins Gefängnis. Die deutsche Angeklagte Andrea Häußler wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen."

Libyen hat seine Verwicklung in den Anschlag auf das "La Belle" niemals zugegeben. Es gibt allerdings ein indirektes Schuldeingeständnis. Im Jahr 2004 erklärte sich Tripolis bereit, 35 Millionen US-Dollar Entschädigung an die Opfer des Attentates zu zahlen.

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