Freitag, 17.11.2017
StartseiteDlf-MagazinKritik an Gedenk-Inschrift19.10.2017

Anschlags-Mahnmal am BreitscheidplatzKritik an Gedenk-Inschrift

Wie gedenkt man auf angemessene Weise der zwölf Todesopfer des Terroranschlags am Breitscheidplatz? Ein 15 Meter langer Riss soll durch die dortigen Treppenstufen gehen. Aber um die Nennung oder Nichtnennung des Terrormotivs auf der Gedenktafel gibt es Streit.

Von Claudia van Laak

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Opfergedenken am Berliner Breitscheidplatz 2017 (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
Derzeit herrscht am Berliner Breitscheidplatz noch wildes Gedenken. Bald soll es hier ein fest installiertes Mahnmal geben - bei dem der Teufel im Detail steckt (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
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Mittags um 13 Uhr an der Gedächtniskirche, die Glocken laden wie jeden Werktag zum Friedensgebet ein. 20 Betonpoller schirmen den Breitscheidplatz von der Budapester Straße im Zentrum West-Berlins ab – an dieser Stelle war der vom Terroristen Anis Amri gelenkte LKW auf den Weihnachtsmarkt gerast.

Am Anschlagsort eine improvisierte Gedenkstätte – zwei weiße Kreuze, hunderte von Kerzen, frische Blumen, jemand hat mit roten Buchstaben "Warum?" auf ein Schild geschrieben. Eine Wanduhr zeigt die Zeit des Anschlags: 20:03 Uhr. Immer wieder bleiben Touristen und Berliner stehen, halten kurz inne:

"Das ist jetzt Zufall, dass wir hier vorbeikommen, und ich versuchte einfach ein paar Minuten für mich zu finden, und hoffe, dass so etwas an anderer Stelle auf dieser Welt nie wieder passiert."

"Wir können es, glaube ich, nicht ausschließen, dass sich Dinge wie diese wiederholen. Fürchterliche Zeit, in der wir da zu Hause sind. Ich empfinde es schon wichtig, dass daran erinnert wird, dass so etwas Schlimmes passiert ist."

Doch wie erinnert man daran auf eine würdige Art und Weise? Der improvisierte Gedenkort vor der Gedächtniskirche muss in Kürze weichen, Platz machen für ein offizielles Zeichen. Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche:

"Es muss für Menschen, die darauf stoßen, verständlich sein, es muss klar das Gedenken an die Menschen, die an diesem Abend ums Leben gekommen sind, in den Vordergrund stellen, und darf das auch nicht in irgendeiner Weise instrumentalisieren. Und zugleich muss es aber auch auf den Platz und zur besonderen Architektur der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche passen."

Nichts Imposantes – "Der Wunsch war etwas Würdiges"

Am Anschlagsort wird kein imposantes Denkmal errichtet – die Jury hat sich für einen einerseits zurückhaltenden, andererseits eindringlichen Entwurf entschieden. Ein 15 Meter langer Riss wird die Treppenstufen vor der Gedächtniskirche durchziehen – Staatssekretärin Sawsan Chebli:

"Der Wunsch war, etwas Würdiges zu gestalten. Ich finde, das ist uns, jedenfalls zunächst einmal im Entwurf, doch sehr gelungen."

Der Riss durch den Breitscheidplatz wird gefüllt – mit einer goldfarbenen Legierung – erläutert Pablo von Frankenberg vom Architekturbüro HG Merz. Symbolisch gesprochen: der Riss durch die Gesellschaft wird wieder gekittet.

"Dass sich die Angehörigen der Opfer, aber genauso die gesamte Gesellschaft hier in Deutschland oder auch weltweit sich damit beschäftigen kann, was an diesem Ort passiert ist, und worum es uns eigentlich gehen sollte in einer offenen Gesellschaft, die wir sind."

"Mich erinnert das Ganze auch an die Stolpersteine, die wir in Berlin und an vielen anderen Orten haben zum Gedenken an Menschen jüdischer Herkunft, die in der Nazizeit umgebracht worden sind. Das ist ja auch so: Der eine nimmt es wahr, hält inne, der andere nimmt es nicht wahr, geht weiter. Und so darf auch mit so einem Ort umgegangen werden",

…ergänzt Pfarrer Martin Germer. Die Namen aller zwölf Todesopfer werden zu lesen sein, außerdem die Inschrift: "Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen."

Ist das Wort islamistisch auf Gedenktafel entscheidend ...

An dieser Inschrift nun entzündet sich die Debatte. Als erstes preschte die AfD vor. Der Umstand eines islamistischen Anschlags werde anscheinend aus politischer Korrektheit unterschlagen, dies grenze an Geschichtsfälschung, ließ sich die AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus vernehmen. Die CDU sieht es ähnlich – Burkhard Dregger, der Vorsitzende des Amri-Untersuchungsausschusses, sagt es so:

"Ich finde es immer schön, wenn wir auch Zeichen des friedlichen Zusammenlebens formulieren. Aber das ist in Deutschland sowieso unstreitig. Ich würde mir eher wünschen, dass man zum Ausdruck bringt, dass man zusammensteht gegen die Gefahren des islamistischen Terrorismus."

Warum wird nicht klar die Ursache des Anschlags benannt? Es war ja nicht irgendein Terroranschlag – so suggeriert es die Inschrift – es war ein islamistischer. Der Attentäter Anis Amri war bis zuletzt in Kontakt mit führenden Vertretern des IS. Staatssekretärin Chebli antwortet ausweichend.

"Im Laufe der Zeit könnte man ja auch noch einmal überlegen, ob man noch einmal eine Tafel oder ähnliches hat. Das würde ich gar nicht ausschließen."

... oder genau das falsche Signal?

Der Pfarrer der Gedächtniskirche Martin Germer verteidigt das geplante Mahnmal und dessen Inschrift. Es sei überflüssig, den Islamismus dort direkt zu benennen.

"Dass die das womöglich noch als Triumph sehen würden, wenn das auch dokumentiert wird. Gleichzeitig denke ich, dass es in der allgemeinen Öffentlichkeit eine große begriffliche Unklarheit gibt. Und die Gefahr besteht, dass das Wort islamistisch denn doch von vielen dem Islam im Ganzen oder dem Islam in Deutschland zugerechnet würde."

Und das sei genau das falsche Signal – meint der Pfarrer der  Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin.

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