Freitag, 17.11.2017
StartseiteInformationen am MorgenTerrorangst bei Londoner Juden wächst05.02.2015

AntisemitismusTerrorangst bei Londoner Juden wächst

Nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazin "Charlie Hebdo" wurden die Sicherheitsmaßnahmen in der jüdischen Gemeinde in London weiter verschärft. Der Pariser Anschlag hat manche Ängste bestätigt, aber die Gemeinde zusammengeschweißt.

Von Jochen Spengler

Ein Polizeiauto fährt an einer Gruppe von Juden vorbei. (imago)
Londons jüdische Gemeinde ist nach Jerusalem und New York die drittgrößte der Welt. (imago)
Weiterführende Information

Antisemitismus - Studie: Juden sehen keine Zukunft in Großbritannien
(Deutschlandfunk, Europa heute, 04.02.2015)

Französische Juden - Aus Angst nach Israel
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 18.01.2015)

Cilly Kugelmann zu Antisemitismus - "In den Kreisen, in denen ich verkehre, hat niemand Angst"
(Deutschlandradio Kultur, Tacheles, 24.01.2015)

Finchley Road, Nordwestlondon. Zwei strenge Wachleute kontrollieren den Rucksack. Nein – bitte keine Tonaufnahmen, keine Fotos.

Das neue Jüdische Gemeindezentrum JW3 liegt einige Dutzend Meter von der Straße entfernt. Aus Sicherheitsgründen. Seit 16 Monaten ist JW3 laut Eigenwerbung der neue Postcode für Jüdisches Leben. Doch das wird seit Paris streng abgeschirmt. Der Manager gestattet keine Interviews oder Umfragen. Aus Sicherheitsgründen.

"Antisemitismus, das gab es ja immer. Das ging nie weg. In Frankreich ist es doch schlimmer als in England. Aber mehr hat man Angst vor Terror, islamistischem Terror und man weiß, das kann man nicht hundert Prozent vermeiden. Da hat man Angst, meine Gemeinde hat Angst. "

Terrorangriffe schweißt Gemeinde enger zusammen

3.000 Menschen gehören zur Gemeinde von Rabbi Jonathan Wittenberg, der die Synagoge New North London leitet. Der 57-Jährige mit Kippa und weißem Vollbart hat in sein gemütliches Backsteinhaus in Finchley eingeladen. Er serviert Tee.

Ist das Gemeinschaftsgefühl größer geworden?

"Das Gemeinschaftsgefühlt war immer stark und groß und ist so jetzt. "

Ein anderes Gefühl als in der Nazi-Zeit

Und dann erzählt der freundliche, hagere Mann mit den eindringlichen Augen unter buschig- schwarzen Brauen von seinem Großvater Georg Salzberger, der bis 1937 Rabbi in der Frankfurter Westend-Synagoge war. Vor fünf Jahren hat der Enkel das ewige Licht von Frankfurt im Rucksack nach Finchley in seine Synagoge getragen - zu Fuß, den Rhein stromabwärts entlang.

"Ich finde nicht, dass alles umsonst war und wir jetzt wieder in den 1930er-Jahren leben. Es ist anders. Mein Mutter sagt sogar, sie hat jetzt sogar mehr Angst als damals. Ich hab die Idee, sie meint, dass die Welt moralisch unsicherer ist. "

Heute wappne man sich als Gemeinde. Dazu gehörten Begegnungen mit Muslimen, Erlebnisberichte aus Frankreich und – die enge Zusammenarbeit mit dem Community Security Trust.

"Dieser Trust spielt eine große und wichtige Rolle. Wenn die jüdische Gemeinde irgendetwas macht, sind sie da und sie sind doch gut. "

Aufbruch. Wir sind in einer halben Stunde mit dem CST verabredet, und Rabbi Wittenberg verschenkt zum Abschied ein Buch über seine Pilgerreise am Rhein. "Walking with the Light" heißt es.

Das Eckcafé Orli in Hendon ist zu Fuß erreichbar und halb gefüllt. Der Gesprächspartner noch nicht da, aber an einem Tisch rührt Valerie in ihrem Cappuccino. Die 38-Jährige ist in London geboren:

"Ich fühle mich sicher hier, aber ich bin besorgt. Wegen dem was in Paris geschehen ist. Auch hier könnte etwas passieren – jederzeit – unerwartet. "

Valerie hat drei Jahre in Israel gelebt und später in New York. Ein Freund starb im World Trade Center am 11. September 2001; zwei Jahre später wurden Familienmitglieder von einem Selbstmordattentäter in Israel in den Tod gerissen. Hat sie selbst schon Antisemitismus erlebt?

"Nein, ich persönlich noch nicht. Gut- manchmal, wenn man Samstags zur Synagoge unterwegs ist, überholt schon mal ein Auto und jemand brüllt etwas Beleidigendes – aber nur so kleine Vorfälle."

Lockenschopf Sebastian ist zwei und das jüngste ihrer drei Kinder.

Paris hat Bedrohungsangst bestätigt

"Mein Sohn kam neulich aus der Schule und erzählte, dass sie nun üben, sich unter den Tischen zu verstecken. Für alle Fälle. Und ich habe E-Mails vom CST bekommen, dass es zusätzliche Sicherheit für die Synagoge und die Schulen gibt. "

Dave Rich ist eingetroffen. Er ist Vizedirektor beim Community Security Trust – ein ruhiger Mittvierziger mit vollem Haar und ohne Kippa. Er hat das Café als Treffpunkt vorgeschlagen; aus Sicherheitsgründen empfängt er nicht gern Journalisten im Stiftungsgebäude,

"Für uns hat Paris die Einschätzung der Bedrohung nicht verändert, sondern bestätigt. Es gibt die Bedrohung und deswegen kümmern wir uns schon seit Jahren um Sicherheit. "

CST-Mitabeiter patrouillieren durch jüdische Wohngebiete und schützen gemeinsam mit der Polizei 300 Synagogen und 120 Schulen. Der Rat des CST war gefragt beim Bau des JW3-Zentrums. Und man betreibt eine Hotline, um antisemitische Vorfälle zu melden.

Antisemitismusfälle haben sich verdoppelt

"Die Lage in Großbritannien ist besser in anderen westeuropäischen Ländern. Aber natürlich gibt es Antisemitismus und Zwischenfälle. "

Und ihre Zahl hat sich laut neuester CST-Statistik 2014 auf über 1100 mehr als verdoppelt – ein Negativrekord - mit ausgelöst durch den Gaza-Krieg. Die Hauptaufgabe des CST aber ist es, die jüdische Gemeinde vor Terroranschlägen zu schützen.

"Dafür arbeiten wir – es Terroristen so schwer wie nur möglich zu machen, die jüdische Gemeinschaft anzugreifen. "

Nur durch Zufall wurden vor drei Jahren die Pläne von Islamisten aufgedeckt, den Londoner Stadtteil Golder's Green anzugreifen. Friedlich reihen sich hier Bagel-Bäckereien, koschere Restaurants und Supermärkte mit hebräischen Schriftzeichen aneinander – Jossi, ein gläubiger Jude, hat seinen Sohn gerade von der Schule abgeholt.

"Die Welt lässt sich nicht kontrollieren"

"Ich fühle mich weniger sicher seit den Ereignissen von Paris. "
Gibt er zu. Jossi arbeitet in der Nähe als Verkäufer; er ist 34, verheiratet und hat vier Kinder. Hat er schon einmal an Auswanderung gedacht?

"Überhaupt nicht. Wir müssen unser Leben leben, natürlich so sicher wie möglich. Aber wir dürfen solche Ereignisse nicht unser Leben bestimmen lassen. Wir versuchen unser Bestes, aber den Rest überlassen wir Gott. Wir können die Welt nicht kontrollieren."

So ähnlich drückt es auch Betty aus, eine ältere gebeugte Dame weit jenseits der 80, die vom Einkauf kommt.

"Die Menschen sind ängstlicher jetzt, aber das hat keinen Sinn. Wir müssen einfach weitermachen. Und hier ist es besser als irgendwo anders. Ich wollte nirgendwo anders leben. "

290.000 Juden leben in Großbritannien und Londons jüdische Gemeinde ist nach Jerusalem und New York die drittgrößte der Welt. Heute hat die Sicherheitsstiftung der Jüdischen Gemeinde (CST) in ihrem jährlichen Report mitgeteilt, dass die Zahl der in Großbritannien registrierten Vorfälle 2014 so hoch war wie noch nie. Sie hat sich auf 1168 mehr als verdoppelt, darunter 81 Fälle körperlicher Gewalt. 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk