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StartseiteMarkt und Medien"Auch die seriösen Medien haben Grund zur Selbstkritik"02.08.2014

Antisemitismus und Islamophobie"Auch die seriösen Medien haben Grund zur Selbstkritik"

In Deutschland wird über Antisemitismus diskutiert, aber auch über Islamophobie. Der Gaza-Krieg hat in Öffentlichkeit und Medien verstörende Töne lauter werden lassen. Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler in Erfurt, sagte im DLF, dass auch seriöse Medien in dieser Debatte Nachholbedarf haben.

Kai Hafez im Gespräch mit Brigitte Baetz

Ein Bild des Hamas-Führers Ismail Hanija steht zwischen den Trümmern seines von israelischen Raketen zerstörten Hauses. (picture-alliance/ dpa / EPA / Oliver Weiken)
Der Gaza-Krieg hat auch in den Medien eine neue Debatte über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland ausgelöst. (picture-alliance/ dpa / EPA / Oliver Weiken)
Weiterführende Information

Rabiate Bürgerlichkeit und Angst vor dem Islam (Deutschlandfunk, Hintergrund, 14.07.2013)

Von Ausgrenzung bis zur Brandstiftung (Deutschlandfunk, Hintergrund, 26.01.2012)

Brigitte Baetz: Nicolaus Fest, der stellvertretende Chefredakteur der "Bild am Sonntag" verstörte am letzten Wochenende mit einem Kommentar, in dem er den Islam als Integrationshindernis bezeichnete. Am Tag zuvor hatte die Bild-Zeitung eine große Kampagne gegen Antisemitismus in Deutschland initiiert. Herr Professor Hafez, ist das symptomatisch für die Berichterstattung in Deutschland, dass es bezüglich Islam und Israel immer nur pro oder contra gibt?

Kai Hafez: Also wir sind im Moment so in Zeiten verbreiteter Kriege im Nahen Osten, im Irak und Palästina, und das ist schon auffällig, dass über die Jahre gerade in solchen Zeiten immer wieder so kulturbedingte Debatten bei uns geführt werden. Der Islam gilt dann plötzlich als böse, die Zeitschrift "Cicero" titelt entsprechend und stellt diese Frage, "ist der Islam böse", obwohl wir eigentlich wissen müssten, dass im Arabischen Frühling Muslime auch für mehr als Terror, sondern auch für Demokratie und positive Werte unterwegs waren. Und genauso ist es umgekehrt, Antisemitismus in Zeiten des Krieges in Israel. Natürlich hat es entsprechende Äußerungen gegeben, auf der anderen Seite wissen wir natürlich auch, dass man Israel kritisieren können muss.

Also es ist schon etwas bezeichnend, dass wir in Deutschland immer wieder kulturell orientierte Debatten über Islam und Judentum in Zeiten führen, wo man eigentlich eine politische Analyse oder sogar Kriegskritik führen müsste. Das hat unterschiedliche Ursachen, ist aber über die Jahre immer wieder zu beobachten, dass wir sozusagen Scheindebatten führen, abdriften in kulturalistische Fragen. Der Islam hat nun mal in Deutschland kein gutes Ansehen, Islamophobie-Raten sind relativ hoch, und in Sachen Antisemitismus ist man natürlich auch begründeterweise sehr sensibel in Deutschland. Das führt wohl dazu, dass hier eine gewisse Anfälligkeit meines Erachtens auch für Scheindebatten zum falschen Zeitpunkt geführt werden. Das sind wichtige Themen, aber in Kriegszeiten gibt es doch andere Aspekte, die man hier erörtern sollte.

Hafez: Deutschland fehlt der Diskurs über internationale Fragen

Baetz: Das heißt, Sie haben den Eindruck, dass man da die Begrifflichkeiten nicht sauber genug trennt, zum Beispiel zwischen Israelkritik und Antisemitismus?

Hafez: Absolut. Ich meine, Israel zu kritisieren wegen irgendwelcher politischen Aktivitäten, sogar klarzumachen, dass es natürlich einen jüdisch-fundamentalistischen Siedlungskomplex gibt, der Teil des Problems ist, sollte möglich sein, ohne dass man dafür des Antisemitismus bezichtigt wird. Das ist sicherlich nicht immer sauber getrennt, auch Islam kann man natürlich nicht so als Kollektivbegriff benutzen, Muslime stehen für alles auf der Welt, von negativen terroristischen Aktivitäten bis hin zu Freiheitskämpfen und positiven Orientierungen. Das alles lässt sich nicht auf diese reduzierten Formeln Islam oder Judentum reduzieren. Es geht hier um politische Problematiken in den Ländern, die ganz unterschiedliche Ursachen haben und die eigentlich meines Erachtens hier an völlig falschem Ort debattiert werden. Das hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass man in Deutschland immer noch nicht daran gewöhnt ist, dass Deutschland natürlich ein internationaler politischer Akteur ist. Vor vielen Jahren schon hat die berühmte Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann mal von einer fehlenden außenpolitischen Debatte in Deutschland gesprochen – ich denke, dass das in Teilen immer noch richtig ist. Wir beschäftigen uns sehr gerne in Zeiten, wo es um internationale politische Zusammenhänge geht, mit Kulturfragen, statt Deutschland und andere Länder vielleicht als politische Akteure zu verorten und uns der wesentlichen praktischen Probleme, die mit Politik zu tun haben, zu widmen. Das ist ein Abdriften meines Erachtens in Scheindebatten zur Unzeit, und wir versäumen es dabei, die eigentlichen Probleme zu erörtern.

Hafez: Viele Onlinemedien sperren schon die Kommentarfunktion

Baetz: Was mir auffiel, dass in fast sämtlichen Onlineausgaben der Zeitungen beispielsweise die Kommentarfunktion bezüglich Nahostkonflikt, bezüglich Antisemitismusdebatte geschlossen ist. Halten Sie das für richtig, müssten die Zeitungen oder die Onlinemedien da eine Debatte nicht doch zulassen, auch wenn's schwierig ist?

Hafez: Na ja, wie gesagt, Antisemitismus ist ein bedeutsames Thema, über das natürlich zu debattieren ist, die Frage ist natürlich, ob es im Nahostkonflikt wirklich die tragende Rolle spielt. Hier sind zwei Völker, Staaten oder Quasistaaten miteinander in einem Konflikt. Antisemitismus ist hier eine von vielen Komponenten, und natürlich hat man zu solchen Kriegszeiten immer wieder so die Tendenz, dass gerade die Freunde Israelis das Thema Antisemitismus bedienen, in Zeiten, wo ihr eigener Staat einen massiven Krieg führt. Das ist für Medien möglicherweise eine Überforderung, und ich finde es durchaus richtig, dieser Tendenz zu solchen Scheindebatten im Moment nicht den Raum zu geben, den vielleicht einige Interessenten haben an dieser Stelle. Insofern ist hier auch ein Verweigern der Diskussion durchaus eine mögliche Kommunikationsstrategie. Es gibt mittlerweile auch kritische Stimmen innerhalb der Medien, die Sie in seriösen Presseerzeugnissen lesen können, die das mit großer Skepsis sehen, ähnlich wie ich argumentieren und meinen, dass hier die falschen Debatten zur Unzeit geführt werden. Insofern ist es auch Teil des Journalismus, sich Debatten nicht aufdrängen zu lassen, sondern die wesentlichen Themen und Argumente auch in einer Autonomie und Selbstständigkeit zu verhandeln, die man sich, glaube ich, auch nicht von häufig ja unbekannten und anonymen Akteuren im Internet aufdrängen lassen sollte.

"Wir haben in Deutschland tatsächlich ein Problem mit Islamophobie"

Baetz: Meine letzte Frage vielleicht noch mal zum Thema Islam: Die Publizistin Bettina Gaus hat in einem Kommentar in der "TAZ" die These aufgestellt, dass Nicolaus Fest von der "Bild"-Zeitung, von der "Bild am Sonntag" eigentlich nur deutlicher ausgesprochen habe, was eigentlich auch in "FAZ" und "SZ" immer geschrieben wird. Sehen Sie das ähnlich?

Hafez: Wir haben in Deutschland tatsächlich ein Problem mit Islamophobie, eine sehr, sehr reduzierte Wahrnehmung des Islam und der Muslime, die von über 50 Prozent unserer Bevölkerung pauschal als nicht integrationsfähig bezeichnet werden. Und es gibt sehr viele Stimmgeber in den öffentlichen Medien, die das bedienen, die so ähnliche kulturalistische Thesen immer wieder anheizen: Der Islam ist böse, der Islam ist nicht integrationsfähig. Das ist denkbar pauschal, wird aber immer noch ernsthaft verhandelt. Dinge, die wir beim Antisemitismus zumindest in der breiten Öffentlichkeit längst ad acta gelegt haben, dass wir die Juden sozusagen kollektiv mit irgendwelchen Bildern besetzen, werden beim Islam immer noch seriös verhandelt. Und das ist in der Tat auch ein Problem des politischen Feuilletons, der seriösen Medien, und hier ist Selbstkritik durchaus am Platz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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