• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:10 Uhr Sport am Samstag
StartseiteTag für Tag"Religion ist etwas Wildes"29.07.2016

Armin Nassehi"Religion ist etwas Wildes"

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi ist Sohn einer katholisch sozialisierten Schwäbin und eines Iraners. Er hat sich als junger Mann für die Taufe entschieden. Heute bezeichnet er sich als Kultur-Katholik. Er hadert immer wieder mit der Religion. Denn "sie kann sehr gefährlich sein."

Von Burkhard Schäfers

(dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Der deutsche Soziologe Armin Nassehi (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Mehr zum Thema

Hans Joas Mut zu öffentlich erkennbarer Religiosität, Teil 1

Güner Yasemin Balci Suche nach einem liberalen Islam, Teil 2

Werner Tiki Küstenmacher "Das Gottesbild weitet sich", Teil 3

Adriana Altaras "Es wird immer komplizierter mit der Religion", Teil 4

In dieser Woche gehen wir der Frage nach: Inwiefern prägt Religion das eigene Leben, Entscheiden und Handeln? Ist sie Privatsache, beziehungsweise welche Funktion nimmt sie im öffentlichen Raum ein? Wir haben uns dem Thema 'Religion und Identität' biographisch angenähert - also über Menschen, die über das Thema nachdenken.

In seinem Arbeitszimmer, schräg rechts vom Schreibtisch, hängt das Abendmahls-Gemälde von Leonardo da Vinci. Nicht unbedingt naheliegend am Institut für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo Armin Nassehi als Professor forscht und lehrt. Politik, Kultur, Wissen sind seine Felder. Und Religion, die er einerseits aus der Makroperspektive analysiert. Die aber auch ein Teil seiner Identität ist.

"Ich bin sehr affizierbar durch religiöse Kommunikation, zum Beispiel durch religiöse Musik. Ich mache auch selber Musik und da spielt geistliche Musik eine ganz große Rolle. Und das ist was, was mich auch selber zum Klingen bringt, das gebe ich schon zu."

Das Muslimische spielte in der Familie keine Rolle

Armin Nassehi ist Katholik, er ließ sich allerdings erst mit 18 taufen. Aufgewachsen ist der 56-Jährige mit verschiedenen Kulturen: Die Mutter stammt aus einer traditionellen katholischen Familie. Der Vater ist gebürtiger Iraner und kam Mitte der 50er-Jahre zum Studium nach Deutschland. Seine Kindheit verbrachte Nassehi in München, Landshut, Gelsenkirchen – und drei Jahre lang in Teheran.

"Was das Religiöse anging, spielte das Muslimische in unserer Familie überhaupt gar keine Rolle. Mein Vater war nicht praktizierend, meine Mutter eigentlich auch nicht. Sie kommt aus einer wirklich sehr konservativen katholischen Familie. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich nirgendwo rein gezwungen, haben alle Freiheiten gelassen. Ich war lange in katholischen Jugendgruppen, Katholische Studierende Jugend, bin auch viel zur Kirche gegangen als Jugendlicher, und habe mich dann mit 18 tatsächlich taufen lassen."

Religiös, nicht unmusikalisch, aber kein frommer Mensch

Er sei – mit Max Weber gesprochen – religiös nicht unmusikalisch, aber kein frommer Mensch, sagt Nassehi. Und bezeichnet sich selbst als "intellektualisiert katholisch".

"Rein formal gesehen bin ich katholisch. Ich sage normalerweise, um mich vom Kulturprotestantischen abzugrenzen, dass ich ein Kulturkatholik bin. Ich würde von mir selber sagen, dass für mein Denken interessanterweise das Katholische durchaus eine Rolle spielt."

Gerade im deutschsprachigen Raum sieht der Soziologe bedeutende Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Formen des Denkens. Er werde skeptisch, wenn jemand die Dinge eindeutig auf Entscheidungen zurückführe.

"Die Idee des Kulturprotestantischen ist schon eine sehr kantische Idee. In einerseits Selbstdistanzierung, andererseits starker Selbstbezüglichkeit gute Gründe für alles liefern zu können und zu glauben, dass man in einer Gründe-Welt lebt. Der Katholik lebt, wie Max Weber so schön sagt, ethisch von der Hand in den Mund. Und er lebt auch im Alltag sehr viel stärker über Praktiken, Habitualisierungen, Ästhetisierungen, über Gewohnheiten. Es ist vielleicht ein Denken, das stärker an der Schwäche der Menschen ansetzt als an deren Stärke. Und das halte ich sowohl persönlich als auch analytisch für eine sehr wichtige Kategorie."

Religion als etwas Unbestimmtes

So ganz will er sich nicht mit dieser Sache namens Religion gemein machen, da ist Armin Nassehi vielleicht zu sehr Wissenschaftler. Wiewohl er überhaupt den Begriff religiöse Identität für problematisch hält: Das klinge sehr substanziell, obwohl man es doch mit etwas ziemlich Unbestimmtem zu tun habe.

"Religion ist etwas Wildes. Religion hat es mit unsichtbaren Gegenständen zu tun. Religion kann unfassbare Forderungen stellen. Religion ist übrigens auch nicht immer gut. Das kann wirklich sehr gefährlich sein. Das erleben wir ja in Konflikten, wo religiöse Identitäten oder religiöse Ansprüche als Ressourcen verwendet werden. Wir denken dabei nur noch an den Islam – das hat es in der christlichen Tradition natürlich auch gegeben."

Was also ist die Antwort auf religiösen Fundamentalismus? Religion ins Private verlagern? Der Weg in die säkularisierte Gesellschaft?

"Konkrete Menschen, Individuen können auf Religion verzichten. Gesellschaften haben das bislang noch nie gemacht. Für mich ist das ein interessanter Gedanke zu sagen, dass religiöse Kommunikation bestimmte Funktionen hat, die notwendig sind. Man kann empirisch feststellen: Sie scheint nicht zu verschwinden, die Religion. Es verschwindet konfessionelle Bindungskraft, Kirchlichkeit, Wissen, aber Religiosität, religiöse Motive, Praktiken, die verschwinden nicht."

Vielleicht auch deshalb, weil Fragen bleiben, auf die die Gesellschaft bislang keine eindeutigen Antworten gefunden hat: Wann beginnt menschliches Leben? Wie weit darf die moderne Medizin gehen? In welchen Fällen sollte Sterbehilfe erlaubt sein? Nassehi nennt das die Unbestimmtheit von Situationen, und der Religion falle dabei die Funktion zu:

"So etwas wie Unbestimmtheitskommunikation zu ermöglichen und gleichzeitig die Unbestimmtheit nicht wegzuarbeiten. Unbestimmtheit gibt es ja in allen Bereichen der Gesellschaft, aber man muss sie nicht wegarbeiten, sondern kann sie als die eigentliche Botschaft formulieren. Und wie wir diese Funktion in einer Gesellschaft retten, in der wir nicht 80 oder 90 Prozent der Bevölkerung immer schon in konfessionellen Organisationen haben: Ich glaube das ist der Problemaufriss, mit dem wir heutzutage zu tun haben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk