• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherHäufig regiert der Kompromiss23.02.2015

ArtenschutzHäufig regiert der Kompromiss

Gerade in dicht besiedelten Regionen konkurriert der Natur- und Artenschutz mit vielen anderen Ansprüchen an die Nutzung einer Fläche. Schützenswerte Tiere wie Fledermäuse, Rotmilane oder Feldhamster sind bei vielen Bauvorhaben im Weg. Dann müssen Interessen ausgeglichen und Kompromisse gefunden werden.

Von Daniela Siebert

Eine Fledermaus der Art Großes Mausohr wird am 04.09.2012 von einem NABU-Mitglied in einem als Naturschutzgebiet vorgesehenen Abschnitt bei Elbingerode (Landkreis Harz) in der Hand gehalten. Ausgerüstet mit Lampen und Schreibblock gehen jährlich Naturschützer in Sachsen-Anhalt nachts los um Fledermäuse zu zählen und zu beringen. Von den 21 in Sachsen-Anhalt nachgewiesenen Fledermausarten kommen im Harz 12 Arten der streng geschützten Säugetiere vor. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Fledermäuse sind bei Gebäudedämmungen oft im Weg. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Weiterführende Informationen

Ökologie - Artenschutz im eigenen Garten
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 11.06.2014)

Falsche Prioritäten beim Artenschutz
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 23.04.2013)

Töpfer: Artenschutz ist kein Luxusproblem
(Deutschlandfunk, Interview mit Klaus Töpfer, 02.03.2013)

So klingt sie, die Knoblauchkröte, wenn der Biologe Norbert Schneeweiß sie imitiert. Sie ist eines von hunderten heimischen Tieren, die auf der Roten Liste stehen und ist stark gefährdet. Den meisten von uns ist allerdings schwer zu vermitteln, warum die unscheinbare häßliche Kröte wirklich ein Verlust wäre. Norbert Schneeweiß von der Brandenburger Naturschutzstation Rhinluch versucht das trotzdem täglich so gut es eben geht: "Klar sind natürlich Knoblauchkröten nicht die Sympathieträger wie ein Pandabär. Logisch. Aber schützenswert, weil ein Froschkonzert zum Beispiel was ganz Tolles ist." Eine solche Begeisterung ist allerdings nicht massentauglich und das ist ein Problem für den Artenschutz. Besonders bei unbekannten und wenig possierlichen Arten.

Lebensräume erhalten

Häufiger als Knoblauchkröten machen derzeit Zauneidechsen von sich reden. Denn auch sie sind besonders stark geschützt, leben aber beispielsweise gerne an Stellen, wo wir Menschen Eisenbahnschienen verlegen, sandige Waldwege asphaltieren oder Schallschutzwände neben Straßen stellen. Schneeweiß: "Dann muss der Bauherr sich überlegen, wie er die Tiere ohne dass ihnen wirklich Leid geschieht, oder auch der Lebensraum zerstört wird, auf der Baufläche weiterbehält, wie er also seinen Bau so arrangiert, dass der Lebensraum der Zauneidechsen erhalten bleibt.  Und zur allergrößten Not, muss er sich drum kümmern, dass irgendwo eine Ersatzfläche gefunden wird, wo man dann im Ernstfall diese Population auch umsiedelt."

Auch andere geschützte Tiere rufen bei Bauprojekten immer wieder Konflikte hervor, bestätigt Peer Cyriacks von der Deutschen Wildtier Stiftung. Dazu gehört Rotmilan versus Windrad, Fledermaus versus Gebäudedämmung, Juchtenkäfer versus Baumfällung und Feldhamster versus Straßenbau. Es gebe da ein grundsätzliches Kommunikationsproblem, so Cyriacks, denn eigentlich geniesse der Artenschutz eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Sofern er nur auf dem Papier stehe, oder es um Elefanten und Panda-Bären weit weg gehe. Artenschutz sei aber auch für andere Tiere entscheidend: "Wenn es keine Artenschützer gibt, die sich um Tiere kümmern, dann leben wir bald auf einem riesigen Parkplatz, auf dem es nur noch Blaumeisen, Dohlen und Saatkrähen gibt und dann haben wir einen stummen Frühling und spätestens dann fällt auch dem überzeugtesten Großstadtbewohner auf, dass irgendwas falsch ist", sagt Schneeweiß.

Hochrangiger Schutz für Tiere

Rein theoretisch ist der Artenschutz auch juristisch gut aufgestellt. Das Bundesnaturschutzgesetz und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie etwa bieten hochrangigen Schutz für die Tiere. Doch in der Praxis zeigen sich diverse Probleme. In Berlin beispielsweise seien vor allem Zauneidechsen, die Vögel Steinschmätzer, Brachpieper sowie Neuntöter immer wieder Bauprojekten im Weg, sagt der Berliner NABU-Vorsitzende Rainer Altenkamp: "Das Problem ist: Sie können solche Tiere eigentlich nur schützen, indem sie alternative Flächen zur Verfügung stellen. Diese alternativen Flächen sind aber de facto nicht da. Weil man müsste große unbebaute Flächen innerhalb Berlins haben und die lassen sich schwer ausweisen. Es läuft also in jedem einzelnen dieser Bauvorhaben darauf hinaus, dass man wenn es irgend geht, versuchen muss, einen Teil der Fläche einfach zu erhalten."

Sprich an Ort und Stelle kleiner zu bauen. Dazu kommt Personalmangel in den Landesumweltämtern und anderen Naturschutzbehörden, beobachtet Norbert Schneeweiß: "Die Personaldecke ist viel zu dünn, als der Vielzahl von Vorhaben wirklich fachgerecht begegnen zu können und die Folgen davon sind Fehlentscheidungen, sind Baufeld freimachen ohne die artenschutzrechtlichen Konsequenzen dem Gesetz entsprechend wahrzunehmen und überhaupt mitzubekommen."

Bauverzögerungen und Kompromisse

Unterm Strich führe der Artenschutz meistens bloß zu Bauverzögerungen und einem Kompromiss, bilanziert Peer Cyriacks: "Das ist sozusagen der Klassiker: dass der Artenschutz zwar berücksichtigt wird, aber nur in den allerseltensten Fällen ist es tatsächlich so, dass Bauvorhaben - Gebäude, Autobahnen, Tunnel, Windenergieanlagen - tatsächlich auch gestoppt werden. Zu 95 Prozent der Fälle gibt es dieses Bauprojekt dann doch, aber dass Arten Bauvorhaben verhindern, kommt nur in den allerseltensten Fällen vor."

Mit Sorge sehen die Artenschützer im Übrigen, dass ihr Anliegen immer wieder missbraucht wird, um unliebsame Baumaßnahmen zu verhindern oder zu verzögern. Manchmal sei beispielsweise der Schutz von Fledermäusen nur ein Vorwand von Anwohnern, die ein Windrad ablehnen. Das bringe dann aber auch den Artenschutz dort in Misskredit, wo er wirklich angebracht ist, weil tatsächlich seltene Tiere bedroht werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk