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StartseiteForschung aktuellWarum der Verlust großer Tiere die Ökosysteme gefährdet 27.10.2015

Artensterben Warum der Verlust großer Tiere die Ökosysteme gefährdet

Ob vor ein paar tausend Jahren Mammut und Säbelzahntiger oder heute Elefant und Nashorn: Weltweit sind die großen Tiere auf dem Rückzug. Das hat anscheinend unerwartete Folgen für die Ökosysteme: Sie werden weniger fruchtbar.

Von Dagmar Röhrlich

(epa / Tia Goldenberg)
Wächter des lebendigen Bodens: Durch ihren Kot schaffen große Tiere, die lange Distanzen überwinden, viele Nährstoffe von einem Ort zum anderen. (epa / Tia Goldenberg)

Das südamerikanische Riesenfaultier Megatherium americanum war so groß wie ein Elefant, und in Eurasien jagte einst Homotherium, eine löwengroße Säbelzahnkatze: Es ist nicht lange her, da lebten auf allen Kontinenten Tiere, die mehr als 100 oder gar 1.000 Kilogramm auf eine Waage gebracht hätten. Viele dieser Arten verschwanden erst vor wenigen tausend Jahren, am Ende der jüngsten Eiszeit:

"Wir wissen wirklich nicht viel darüber, welche ökologischen Folgen ihr Aussterben hatte. Einer der stärksten Effekte betrifft jedoch die Verbreitung von Nährstoffen an Land und im Meer. Große Tiere fressen eine Menge, haben große Mägen und lange Beine: Weil sie zwischen Nahrungsaufnahme und dem Absetzen des Kots große Distanzen zurücklegen, schaffen sie viele Nährstoffe von Punkt A nach Punkt B. Kleinere Tiere bewegen sich einfach nicht weit genug, um einen deutlichen Effekt auf die Nährstoffverteilung zu haben."

Obwohl von den meisten Angehörigen der Megafauna nur die fossilen Knochen geblieben seien, lasse sich daraus gut abschätzen, wie viel sie gefressen und welche Strecken sie zurückgelegt hätten, erklärt der Ökologe Chris Doughty von der University of Oxford:

"Man kann diese Informationen dann in ein recht einfaches Modell einfließen lassen und sehen, welchen Wirkung sie auf den Nährstoff-Fluss hatten."

Traditionell konzentrieren sich Wissenschaftler bei Nährstoffkreisläufen auf die Beiträge von Verwitterung, Bakterien, Phytoplankton und Pflanzen. Tiere spielen in ihren Modellen keine große Rolle. Heute mag das auch annähernd gerechtfertigt sein, so Doughty. Aber wenn es die Megafauna noch gäbe, sähe die Bilanz anders aus:

"Wir haben berechnet, ob die Erde heute mit den großen Tieren fruchtbarer wäre: Und - ja, das wäre sie, weil diese "Riesen" so effizient Nährstoffe von Gebieten mit hohen Konzentrationen in solche mit niedrigem Nährstoffangebot transportieren."

Die Analysen belegen: Durch das Verschwinden der Megafauna nahm der Nährstoff-Fluss an Land um rund sechs Prozent ab. Noch stärker sind die Effekte auf den Transport vom Meer an Land:

"Zwar ist keine der großen Walarten ausgestorben, aber die Populationen sind heute zwischen 60 und 90 Prozent kleiner als vor 300 Jahren. Wale fressen große Mengen im tieferen Wasser und kommen zum Atmen an die Oberfläche. Dort setzen sie auch ihren Kot ab, der Dünger liefert für das Plankton, das wiederum Fische und Seevögel nährt. Seevögel und Fischarten wie Lachs oder Aal schaffen diese Nährstoffe auf die Kontinente, wo sie über Düngung und Fäkalien von anderen Tieren weiter verbreitet werden."

Durch den Rückgang der Walpopulationen sank der Nährstofftransport vom Meer an Land allgemein um zehn Prozent, bei Phosphaten sogar mehr als 20 Prozent, so die Schätzung der Forscher. Das Schwächeln "tierischer" Nährstoff-Pumpen schade also auch Landwirtschaft und Fischerei. Selbst auf einer dicht bevölkerten Erde könnte die Wiederansiedlung großer Wildtiere Vorteile bringen, urteilt Jens-Christian Svenning von der Universität Aarhus.

"Es gibt eine recht lange Tradition bei der Wiedereinführung lokal ausgestorbener Arten, aber dabei geht es darum, diese Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Uns geht es darum, in einem Ökosystem die Funktionen der verlorenen Megafauna neu zu besetzen, etwa den Nährstofftransport."

Als im sogenannten "Pleistozän-Park" in Sibirien Elche, Moschusochsen und Wisente angesiedelt wurden, um die eiszeitliche Megafauna zu simulieren, wurde das Ökosystem deutlich produktiver. Ließe man die Walpopulation wieder anwachsen und die Zahl der Vogelkolonien, verbesserte das die globale Phosphatpumpe deutlich. Sogar in der Landwirtschaft lässt sich etwas erreichen, wenn Kühe, Schafe, Pferde oder Schweine größere Weideflächen erhalten, auf denen sich mehrere Arten frei bewegen können.

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