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Auch Tiere haben Kultur

Ausstellung in Zürich rüttelt an einem Dogma

Von Thomas Wagner

Mit "Long Calls" vertreiben die Männchen ihre Konkurrenten.
Mit "Long Calls" vertreiben die Männchen ihre Konkurrenten. (AP)

Was Tier und Mensch trenne, lasse sich mit dem Wörtchen Kultur umschreiben, lautet eine gängige These. Nun aber stellt die Ausstellung "Kultur bei Tieren?" im Anthropologischen Museum der Universität Zürich diese Doktrin in Frage. Dort hat man zum Beispiel herausgefunden, dass ein Affe das Waschen von Socken ohne Dressur nachahmen und damit eine kulturelle Handlung weitergeben kann.

Am Anfang war – ein Stein. Ein an einer Kante scharf geschliffener Steinbrocken, rund zweieinhalb Millionen Jahre alt, gilt als frühestes Kulturzeugnis der Menschheit.

"Ja, das ist die so genannte ‚Oldowei-Kultur’. Das geht zurück auf die Fundstelle in der Oldowei-Schlucht, wo man diese ganz frühen Kulturen gefunden hat. Wie gesagt: Ganz einfache Geröllwerkzeuge, die mit wenigen Schlägen eine scharfe Kante zeigen."

Fasziniert blickt Dr. Peter Schmid, Kurator am Anthropologischen Museum der Universität Zürich, auf den vermeintlich unscheinbaren Gesteinsbrocken hinter einer Glasvitrine. Er diente offenbar dazu, erlegtes Wild zu zerteilen und gilt dabei als ältestes Dokument menschliche Ernährungskultur – vorausgesetzt, man macht sich den Kulturbegriff der Anthropologen zueigen:

"Für uns ist natürlich der biologische Kulturbegriff maßgeblich. Das sind Innovationen, die weitergegeben werden, also Erfindungen, die dann in einer Gruppe weitergegeben werden. Und das finden wir nicht nur bei Menschen, sondern wir können das auch bei Affen feststellen."

Und damit begeht der Züricher Anthropologe Peter Schmid so etwas wie einen Tabubruch: Denn wenn Affen in der Lage sind, Erfindungen, Innovationen weiterzugeben, den Umgang mit solchen Innovationen zu erlernen, dann trifft der biologische Kulturbegriff auch auf sie zu. Das heißt aber auch: Kultur wäre damit keine ausschließlich menschliche Angelegenheit, sondern eine überaus tierische noch dazu.

"Man könnte meinen, dieses Orang Utan–Weibchen wäscht Socken aufgrund eine Dressur. Sie tut es jedoch aus eigener Initiative. Sie hat andere dabei beobachtet und ahmt sie nach."

Auf einem Video, den sich die Besucher der Ausstellung auf Knopfdruck ansehen können, erscheinen Bilder des englischen Forschers Professor Richard Attenborough, der Orang Utans im Camp Liki auf Borneo besucht. Das Besondere dabei: Diese Orang Utans lebten über Jahre hinweg in Gefangenschaft zusammen mit Menschen, wurden danach aber wieder freigelassen. Und nun zeigt sich: Vom Menschen haben sie sich so einiges abgeguckt, was für ihr eigenes Leben überhaupt keinen Sinn macht, was sie jedoch aus einem inneren Nachahmungstrieb immer und immer wieder wiederholen:

"Ja, das ist eben etwas sehr wichtiges für die Kultur, für die Weitergabe der Kultur. Das ist natürlich das Imitieren sehr wichtig. Und das sehen wir bereits bei diesen Formen: Wir können sehen, wie ein Orang zum Beispiel einen Knoten löst, aber ganz eindrücklich ist diese Orang–Dame, die immer wieder einen Socken ins Wasser bringt, mit Seife da bearbeitet, dann wieder auswringt – es ist ganz klar, wenn man das Tier beobachtet: Es wäscht einen Socken, obwohl das Tier nie einen Socken trägt. Aber offenbar hat das Tier von den Menschen eine Tätigkeit gesehen, kopiert und macht das jetzt einfach nach, imitiert das. Und das zeigt, wie eben die Tiere verschiedene Tätigkeiten des Menschen weitergeben können. Und das ist ein wesentliches Element von Innovation, von Weitergeben von Erfindungen."

Damit erfüllen die Orang Utans aber, so Kurator Peter Schmid, exakt den Kulturbegriff. Darum, sagen er und seine Wissenschaftler, sei Kultur eben keine Eigenheit des Menschen an sich. Vielmehr erstrecke sich Kultur auch auf hoch entwickelte Tierarten wie beispielsweise Affen. Dafür zeigt die Ausstellung eine Fülle von Belegen.

"Sie sehen hier einen Wurzelstrunk mit Vertiefungen. Und das sind jetzt Elemente, die von Christoph Bösch im Wald an der Elfenbeinküste gesehen wurde. Das Verhalten wurde da beobachtet, dass die Tiere harte Nüsse, die sie mit den Zähnen nicht öffnen können, mit Werkzeugen öffnen. Sie nehmen Steine, die nehmen Äste und schlagen diese Äste, diese Nüsse auf. Und dabei benutzen sie immer wieder die gleichen Werkzeuge. Wir haben hier diesen Amboss, diese Vertiefungen."

Der Umgang mit diesen Werkzeugen ist den Affen aber nicht angeboren.

"Das ist eine Tätigkeit, die die Tiere zuerst lernen müssen. Und Sie sehen hier auch, warum die Jungtiere beginnen, die ersten Versuche durchzuführen. Aber es geht meistens etwa acht bis zehn Jahre, bis ein Tier das richtig beherrscht. Das wird einfach durch Kopieren, durch Nachahmen, durch Imitieren gemacht."

Dieser Prozess des Lernens sei, so die Züricher Wissenschaftler, ganz klar eine Kulturtechnik. Dass Kultur viel mit Affen zu tun hat, belegt die Ausstellung noch an einer anderen Stelle: sogenannte ‚Long-Calls’. So nennen die Experten Rufe männlicher Tiere, die mutmaßlich zur Vertreibung anderer Männchen eingesetzt werden. Auch diese Form der Kommunikation ist ein Stück Kultur, meint Kurator Peter Schmid:

"Sicher, die Tiere verständigen sich. Wir wissen, dass sie so eine Lautsprache haben. Sie haben für ganz bestimmte Vorkommnisse Sprache. Sie können zum Beispiel warnen. Man hat da Versuche gemacht, indem man solche Laute aufgenommen hat und sie dann abgespielt hat und die Reaktion der Gruppe angeschaut hat. Und man sieht dann sofort, wenn der Warnruf auf ‚Schlange’ ertönt, rennen die Tiere in die Bäume. Und wenn der Warnruf ‚Raubvogel’ ertönt, dann schauen sie in den Himmel. Das sind ganz bestimmt Sprachen, die natürlich noch ein wenig komplexer sein können. Aber es ist schwierig zu verstehen. Und das sind die Forschungselemente, die heute sehr intensiv untersucht werden."

Dies nicht zuletzt deshalb, um auch dem Geheimnis der Entstehung der menschlichen Sprache auf die Spur zu kommen. Professor Carel von Schaik vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich hält es für möglich, dass sich die menschliche Sprache, eine der wichtigsten Grundlagen menschlich-kulturellen Handelns, aus nichts anderem als einer Art ‚Tierlautsprache’ entwickelt hat.

"Woher kommt die Sprache? Es kann sehr gut sein, dass Sprache etwas damit zu tun hat, dass wir unsere kulturellen Varianten, also diese Innovationen, die wir weitergeben, immer komplexer werden. Und die Entwicklung der Sprache hat etwas damit zu tun, dass wir diese Innovationen immer besser und effizienter weiter geben, dass unsere Kinder schneller und einfacher darin instruiert werden darin, was man dieser Population so an Fähigkeiten haben kann."

womit der Züricher Wissenschaftler den wesentlichen Unterschied zwischen der Kultur der Tiere und der des Menschen anspricht: Tiere sind zwar zur Weitergabe von Innovationen in der Lage und damit kulturell handelnde Lebewesen. Dem Menschen gelingt es aber viel schneller, von Generation zu Generation die weitergegebenen Innovationen zu verbessern, zu verfeinern und miteinander zu verknüpfen. Darauf basiert die typisch menschliche Kulturleistung, meint Peter Schmid:

"In erster Linie ist beim Menschen die Kultur kumulativ. Das heißt: Wir können die verschiedenen Elemente zusammensetzen. Und wir können Erkenntnisse festhalten. Ich meine, im Mittelalter waren wir noch nicht in der Lage, auf den Mond zu fliegen. Und das können wir heute."

... während sich Orang Utans heute noch der haargenau gleichen Werkzeuge bedienen wie im Mittelalter und Jahrtausende zuvor. Hier ist keine oder allenfalls nur eine sehr langsame kulturelle Fortentwicklung erkennbar. Und noch eines unterscheidet die kumulative Kultur des Menschen von der Kultur der Affen: Die Verwendung von abstrakten Symbolen.

"... diese Symbolsprachen, die sich vor etwa 30 000 Jahren entwickelt hat. Da haben wir die ersten Hinweise, da haben wir die ersten Kleinkunstwerke. Die sind ja nicht irgendwie als Werkzeuge zu deuten. Es sind Verzierungen, aber sie haben eine Bedeutung. Was es für eine Bedeutung haben, das wissen wir heute nicht. Es sind Symbole. Und diese Symbole sind das, was uns von den Tieren unterscheidet. Und diese Symbole haben dann zu den 25 Symbolen geführt, die uns erlauben, unser Wissen festzuhalten. Also die Buchstaben sind ja auch Symbole."

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