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Auf Sand gebaut

Hanns Zischler: "Berlin ist zu groß für Berlin", Galiani-Verlag

Seit rund 40 Jahren wohnt der Schauspieler und Publizist Hanns Zischler in Berlin. In seinem neuen Buch macht er die Leser mit Geist und Geschichte einer Stadt vertraut, die so oft zerstört und wieder aufgebaut wurde wie keine andere in Deutschland.

Von Michaela Schmitz

Dekonstruktion einer Stadt: der Schauspieler und Autor Hanns Zischler (Henrik Jordan)
Dekonstruktion einer Stadt: der Schauspieler und Autor Hanns Zischler (Henrik Jordan)
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In der Tradition der Berlin-Flaneure

Man glaubt, wir bedienen uns der Sprache. Tatsächlich ist es die Sprache, die unser Denken bestimmt. Man meint, wir bewohnen Gebäude und Stadträume. In Wahrheit bewohnen Häuser und Städte uns. Sprechen wir über Häuser, Straßen und Plätze, sind wir mit unserem eigenen Ordnungssystem konfrontiert. Umgekehrt beherrschen Regeln der Planung und Konstruktion unser Denken. Wie sehr, das zeigt der Schauspieler und Publizist Hanns Zischler in seinem Buch "Berlin ist zu groß für Berlin"; einer bunten, oft rätselhaften Collage aus Essays, historischen Grafiken, Archivdokumenten und Fotos zu symptomatischen Aspekten Berliner Stadtentwicklung. Texte stehen gleichrangig neben Bildern. Seine Dokumente beschreiben einen Ort aus mehreren zeitlichen und räumlichen Perspektiven gleichzeitig. Die Bedeutungen überlagern sich während der Lektüre.

Dem ersten Text vorangestellt ist eine Zeichnung mit Blick über West-Berlin Mitte der sechziger Jahre. Ein weltmännisch gekleideter Mann lehnt sich betont lässig in das imaginäre Panoramafenster und schaut, dem Betrachter den Rücken zugewandt, über das scheinbar harmonische Stadtbild.

Was zeitlich hinter und räumlich unter dem Mann liegt, so ließe sich seine Haltung auch lesen, kann ihm den Buckel herunterrutschen. (…) Hinter ihm erhob sich und hätte aufragen sollen die sogenannte "Wehrtechnische Fakultät", ein monströses Bauwerk der Nazis, Ouvertüre für eine noch wahnhaftere Universität. (…) Unter ihm liegt das gewesene Berlin: die Trümmer, der Abraum, der Schutt, die materielle Hinterlassenschaft des Luftkrieges, die Hälfte der zerstörten Stadt.

Auf der Ruine des Nazi-Baus luden 22 Jahre lang über 800 Laster täglich bis zu 7000 Kubikmeter Kriegstrümmer ab. Später wurde die 114 Meter hohe Schutthalde bepflanzt. Seitdem wird der Teufelsberg als Freizeitgelände genutzt. Während des Kalten Krieges errichteten die US-Streitkräfte auf dem Gipfel eine militärische Abhöranlage. Das leere Kuppelgebäude steht noch heute. Ein Berg ist eben oft mehr als nur ein Berg. Unter scheinbar eindeutigen Ortsnamen liegen nicht selten viele Schichten von Bedeutungen verborgen. Und diese Vergangenheit lässt sich nicht so einfach begraben. Die Grasnarbe darauf bleibt immer dünn.

Doch wer die Macht hat, Räume zu definieren und Häuser zu bauen, abzureißen oder zuzuschütten, der hat die aktuelle Bedeutungshoheit. Kaiser Wilhelm II. spielte diese Macht aus. Wie besessen ließ er Gebäude abreißen und neue bauen. Ein Beispiel ist das Naturkundemuseum. Im Berliner Tagblatt vom 3. Dezember 1889 wird besonders das konsequente neuartige Ordnungssystem der zoologischen Sammlung mit Hunderttausenden nummerierter Exemplare gelobt. Sammeln, katalogisieren, typisieren – alles zum Ruhm des Kaiserreichs; eine unmissverständliche Demonstration kaiserlicher Macht.

Dazu gehört auch 1893 der Abriss des alten und Bau eines pompösen neuen Doms. Was in der "kalten Wüste Berlins" seit der Gründerzeit hochgezogen und ins Breite gedehnt wurde, gehe mit einer grotesken und gefährlichen Einseitigkeit der Planungshoheit einher, urteilt Zischler. Der Abrisslust entspreche ein imperialistischer Ausdehnungshunger und eine monumentale Wesenlosigkeit.

Groß-Berlin (…) war immer auch eine Illusion, eine Fata Morgana über märkischem Sand und Sumpf. Die rasche, ja maßlose Expansion war notgedrungen verbunden mit einer geradezu habituellen Zerstörungslust, beide wurden durch die geologische Beschaffenheit und die Morphologie des Urstromtals paradoxerweise begünstigt, denn Sand und Sumpf und schlafende Dünen sind eigentlich ein denkbar schlechter Siedlungsboden.

Die Idee von Groß-Berlin gründe letzten Endes auf nichts als Sand, Lehm und Wasser, urteilt Zischler. Auch wenn die architektonischen Faustschläge der Gründerzeit und des Nationalsozialismus in den sandigen Boden Berlins diese Wahrheit mit aller Gewalt zu bekämpfen suchen.

Die Sympathie des Autors gilt dagegen jenen Menschen und Bewegungen, die diese diktatorischen Systeme zu unterlaufen verstehen. Einer dieser Menschen ist der Stadtwanderer Oskar Huth. Der Instrumentenbauer und Grafiker "unterläuft" die nationalsozialistische Überwachungsmaschinerie im wahrsten Sinne des Wortes. Er taucht mit selbst gefälschten Papieren unter. Und obwohl der komplette städtische Raum Berlins von den Nazis kontrolliert wird, findet Huth Wege, um andere Illegale mit von ihm gefälschten Lebensmittelmarken zu versorgen – ausschließlich zu Fuß und jenseits öffentlicher Straßen. Jahrelang "unterläuft" er damit erfolgreich die geografische Terror-Nomenklatur der Nazis. Eine architektonische Gewaltherrschaft, die auch heute noch in Berlin überall präsent ist. Zum Beispiel im nationalsozialistischen Monumentalgebäude Flughafen Tempelhof. Hanns Zischler schlägt den Bau eines Gegen-Denkmals vor:

Der Tatlin-Turm von 1920, eine nie realisierte architektonische Utopie (…) könnte dem Vakuum des Areals den Horror austreiben. Tatlins Entwurf symbolisiert eine Geste triumphaler und bedenkenswerter Vergeblichkeit.

Der für die dritte Internationale entworfene 400 Meter hohe Turm mit Konferenzräumen, Radiosender und Restaurant bildet eine Doppelspirale. Zylinder, Pyramide und Halbkugel im Inneren sollten sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen. Mit seiner Auflösung klassischer Konstruktionsregeln, der Durchlässigkeit von Innen und Außen, der Multifunktionalität und Mehrperspektivität in dauernder Bewegung würde der Tatlin-Turm die architektonische Machtdemonstration Tempelhofs regelrecht dekonstruieren.

Genau das ist es, worum es Hanns Zischler in seinem Buch "Berlin ist zu groß für Berlin" geht: um Dekonstruktion. Er liest die Topografie der Stadt ganz im Sinne des französischen Philosophen der Dekonstruktion Jacques Derrida als Text. Zischler analysiert die Bedeutung von Orten auf der Suche nach dem, was ausgespart wird. Jede Befragung der Ursprünge des normativen Apparates zeigt, dass es keine "wahre" Bedeutung gibt. Letztlich ist alles auf Sand gebaut, Berlin eine Stadt auf "grundlosem Boden".

Zischlers Collage ist ein gelungenes, aber auch sehr anspruchsvolles poetisch-dokumentarisches Werkbuch zwischen Architekturgeschichte, Literatur und Philosophie. Es gibt keine Antworten. Es stellt Fragen. Der Leser kann und soll die prinzipiell unabschließbare dekonstruktivistische Analyse selbst weiter verfolgen. Zum Beispiel mit eigenen Ideen, wie aus den in Berlin vorherrschenden funktionalen "Straßenzusammenstößen" zweckfreie multifunktionale offene Plätze werden könnten. Solche, wie sie sich Kinder mit ihren Spielen auf der Straße täglich neu erobern.

Das Spiel, dem der Autor das Coverfoto und einen Essay widmet, ist schließlich die radikalste Form der Dekonstruktion. Und nicht zufällig eine von Hanns Zischlers Passionen.

Hanns Zischler: Berlin ist zu groß für Berlin.
Galiani Verlag 2013. 176 Seiten, 24,99 Euro

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