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StartseiteEine WeltAufbau oder Abzug05.09.2009

Aufbau oder Abzug

Debatte um Afghanistan-Strategie in den USA

Weder die internationale Schutztruppe noch die jüngsten Wahlen haben Afghanistan Stabilität gebracht. In den USA wird diskutiert, ob statt zusätzlicher Soldaten nicht der Abzug das Gebot der nächsten Jahre sei.

Von Klaus Remme

Frauen vor einem Wahllokal in Kabul im August 2009. (AP)
Frauen vor einem Wahllokal in Kabul im August 2009. (AP)

Präsident Barack Obama war erst wenige Tage im Amt, da titelte Newsweek Anfang Februar: "Afghanistan – Obamas Vietnam". Ein halbes Jahr später sieht sich Obama vor schwierigen Entscheidungen. Im März hat er seine neue Gesamtstrategie für Afghanistan und Pakistan verkündet, er hat zusätzliche Truppen geschickt, er hat das militärische Kommando vor Ort ausgetauscht. Doch die Lage vor Ort verschlechtert sich dramatisch. Andrew Wilder ist Professor an der Tufts Universität, seit über 20 Jahren arbeitet er in der Region, hat vor sieben Jahren ein unabhängiges Forschungsinstitut in Kabul gegründet:

"Wir nähern uns der quasi Anarchie, die ursprünglich zur Machtergreifung der Taliban geführt hat."

Barack Obama ist in diesen Tagen in Camp David, im Gepäck hat er den Lagebericht seines neuen Oberkommandierenden General McChrystal. Andrew Wilder meint, es gibt keine wirklich guten Optionen für den Präsidenten. Verteidigungsminister Robert Gates will denn auch nichts von einem Strategiewechsel wissen:

"Der Bericht soll helfen, die März-Strategie des Präsidenten umzusetzen, keine neue zu entwickeln."

Im Prinzip fordert der Verteidigungsminister mehr Geduld. Noch sei die Truppenverstärkung noch nicht einmal abgeschlossen. Sowohl die internationalen Partner als auch die Amerikaner haben ihre Truppen in den vergangenen 15 Monaten verdoppelt, unterstreicht Gates. Erst jetzt sind wir in der Lage, die neue Strategie umzusetzen, so Gates.

Doch die Uhr tickt und sie tickt nicht in Afghanistan, sie tickt in Washington, in London, in Ottawa und auch in Berlin. Die steigende Zahl der US-Opfer in Afghanistan steht in direktem Verhältnis zur wachsenden Kriegsmüdigkeit der Amerikaner. Seit acht Jahren kämpfen sie in Afghanistan. Noch nie war die Zahl der Todesopfer so hoch wie jetzt. In einer CNN Umfrage im April waren 46 Prozent der Befragten gegen den Krieg, im Juli 54 und zurzeit 57 Prozent. Diese Zahlen stehen für den Zeitdruck, den Generalstabschef Admiral Mike Mullen gar nicht erst abstreitet. Er sei nach wie vor sehr besorgt, die Zeit arbeite gegen die Amerikaner so Mullen an der Seite des Verteidigungsministers.

Und möglicherweise liegt die Lösung nicht einmal in zusätzlichen Soldaten, selbst wenn General McChrystal den Schutz der Bevölkerung und zivile Hilfe stärker berücksichtigt. Ohne eine glaubwürdige Regierung in Kabul sei den Afghanen kein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, meint Andrew Wilder von der Tufts Universität. Die jüngsten Wahlen haben das Vertrauen in Demokratie aber keinesfalls gestärkt. Wilder meint, ein zwei Jahre noch, dann sei die Geduld der internationalen Gemeinschaft am Ende:

"Es wird noch einen weiteren Versuch geben, die Lage mit zusätzlichen Truppen und verstärktem Druck auf die Regierung herumzureißen, doch alle Beteiligten wissen, mehr als ein oder zwei Jahre hat man nicht."

Nicht viel Zeit angesichts der Ergebnisse in den zurückliegenden acht Jahren. Barack Obama hat den Krieg in Afghanistan im Gegensatz zum Irak-Krieg immer verteidigt, ihn als notwendigen Krieg bezeichnet, geht es doch seiner Ansicht darum, El Kaida, zu zerschlagen, die Drahtzieher des 11. September unschädlich zu machen.

Doch die Terroristen sitzen längst nicht mehr in Afghanistan, sie operieren auf der anderen Seite der Grenze, in Pakistan. Der amerikanische Präsident hat mit seiner sogenannten AFPAK Strategie diese beiden Krisenherde zwar namentlich verbunden. Verglichen mit der Lage in Afghanistan wäre ein politischer Kollaps der Atommacht Pakistan die ungleich größere Gefahr für Washington, doch wie diesem Risiko durch den US-Feldzug in Afghanistan erfolgreich begegnet werden kann, ist für viele Amerikaner zunehmend fraglich.

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