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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Aufgewachsen in tiefer innerer Zerrissenheit27.08.2007

Aufgewachsen in tiefer innerer Zerrissenheit

"Kind L 364" ist eine Lebensborn-Familiengeschichte

Im Februar 1938 wurde das Kind L 364 im Lebensborn-Heim Steinhöring in Bayern geboren und bekam den Namen Heilwig Hadwiga. Sie musste selbst erst Großmutter werden, bis sie sich dem ganzen Ausmaß des familiengeschichtlichen Debakels stellen und der Autorin von Verdrängung, Verstummen und Schuldgefühlen erzählen konnte. Karin Beindorff hat das Buch gelesen.

Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)
Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)

Biographisches aus der Zeit des Nationalsozialismus hat Konjunktur. Nicht immer erfährt der Leser dabei Neues oder Wissenswertes, oft spürt man hinter dem scheinbar neutralen Bericht die ideologische Absicht, stehen Rechtfertigung oder Verharmlosung im Vordergrund oder es wird schlicht aus dramatisierter Erinnerung Kapital geschlagen.

Dorothee Schmitz-Kösters Lebensborn-Familiengeschichte hebt sich von dieser Art Literatur erfreulich ab, denn sie wahrt die Distanz der nüchternen Beobachterin und ergänzt und konterkariert die Berichte ihrer Protagonisten durch historische Recherche.

Die Geschichte des Kindes L 364 erstreckt sich über drei Generationen. Heilwig Weger, die Hauptfigur musste selbst erst Großmutter werden, bis sie sich dem ganzen Ausmaß des familiengeschichtlichen Debakels stellen und der Autorin von Verdrängung, Verstummen und Schuldgefühlen erzählen konnte.

Im Februar 1938 wurde das Kind L 364 im Lebensborn-Heim Steinhöring in Bayern geboren und bekam den Namen Heilwig Hadwiga. Ihre Mutter Eleonore hatte bereits zwei Kinder von ihrem verstorbenen Mann Ernst Rüdiger von Brüning. Sie wollte ihrer und der klassenbewussten Familie von Brüning die Schande einer unehelichen Geburt ersparen. Mit Heilwigs Vater hatte die Witwe eine Beziehung begonnen, ohne zu ahnen, dass der bereits ein verheirateter Familienvater war. Als sie - schon schwanger - davon erfuhr, trennte sie sich. Ausgerechnet eine jüdische Freundin, Grete Bloch, vermittelte ihr die Möglichkeit, in dem SS-Heim diskret zu entbinden. Wenig später nahm Eleonore das Kind dennoch in ihrer Familie auf.

Steinhöring war das älteste der von der SS eingerichteten Lebensborn-Heime. Sie waren Teil des rassistischen Erblehre-Programms der NSDAP. Auch wenn hier nicht, wie ein hartnäckiges Vorurteil behauptet, schwarzgewandete SS-Germanen mit nordischen Blondinen gekreuzt wurden, so dienten die sorgfältig nach Ahnenpass ausgewählten allein stehenden Mütter dem Nazi-Rasseprogramm zur Schaffung einer sog. erbgesunden arischen Elite. Nicht überraschend kam deshalb der Reichsführer SS, Heinrich Himmler hin und wieder zur Inspektion. In Steinhöring fiel ihm Eleonore von Brüning auf und fortan kümmerte er sich persönlich um die kleine Heilwig ebenso, wie um die desaströse Finanzlage der Mutter, der der Ehemann einen Berg Schulden hinterlassen hatte. Mehr noch, Himmler fädelte die Beziehung zwischen seinem engsten Mitarbeiter, dem SS Obergruppenführer und Waffen SS General Oswald Pohl und der nun dreifachen Mutter ein. Die Tochter Heilwig:

"Da hat er wohl im Geiste gedacht ...
... Kräutergarten für die SS"

Eleonore, die schon früh in die NSDAP eingetreten war, schwärmte nun für Himmler und schrieb ihm dankbare und devote Briefe.

Im Dezember 1942 wurde Eleonore von Brüning Pohls Frau, der kurz darauf auch ihr uneheliches Lebensborn-Kind Heilwig adoptierte. Das kleine Mädchen, das von seinem leiblichen Vater nichts wusste - er taucht nicht einmal in den Geburtsunterlagen auf - glaubte fortan, dass Pohl sein Vater sei. Vom Familiengut Brünings-Au in Bayern zog die Pohl-Familie nun auf das nach biologisch-dynamischen Anbaumethoden geführte SS-Mustergut Comthurey nach Mecklenburg. Da Oswald Pohl auch über den Arbeitseinsatz von KZ Häftlingen herrschte, bediente sich Ehefrau Eleonore offenbar ohne Skrupel zahlreicher Häftlinge in Haus und Hof. Heilwig und ihre Halbgeschwister wuchsen einige Jahre zwischen ihnen auf.

Schmitz-Köster beschreibt diese Phase im Leben des Kindes Heilwig aus verschiedenen Perspektiven. Sie zitiert KZ-Häftlinge, die Eleonore Pohl und ihren Hofstaat erlebt haben und nutzt historische Quellen, die das Erlebte und Erzählte in ein anderes, umfassenderes und häufig korrigierendes Licht rücken.

Als die Rote Armee nur noch wenige Kilometer vor Comthurey stand, flüchtete die Familie zurück ins bayrische Brünings-Au. Oswald Pohl hielt sich zunächst versteckt, wurde aber 1946 als einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher verhaftet. Seine Frau Eleonore, wie so viele Deutsche, erklärte nun alle Unbill, die sie als Profiteurin der gescheiterten Naziherrschaft erfuhr, mit dem üblichen Gebaren von Siegern gegenüber den Besiegten. Die Kriegsverbrechen und die Massenmorde wurden ignoriert, geleugnet und als Propaganda abgetan. Doch als Angehörige eines prominenten Nazi-Führers bekam die Familie jetzt auch den aggressiven Opportunismus gewendeter Zeitgenossen zu spüren. Und Heilwig wurde ein bequemes, weil junges und ahnungsloses Opfer.

Mutter Eleonore, ganz treue Offiziers-Gattin, hielt auch weiterhin zu ihrem Mann, der - seinerseits mit seinen Taten vor Gericht konfrontiert - keinerlei Reue erkennen ließ. Sie versuchte mit Hilfe von Anwälten seine Hinrichtung abzuwenden, sechsmal kündigte man ihr seinen Tod an, beim letzten Mal, im Juni 1951, wurde das Urteil dann tatsächlich vollstreckt. Heilwig, nun dreizehn Jahre alt, und von Pohl immer väterlich liebevoll behandelt, erfuhr davon auf schockierende Weise.

Für Heilwig begann ein Leben, dessen Bedingungen sie kaum durchschauen konnte und das sie in schwere Krisen stürzte. Sie sollte erwachsen werden zwischen ihrer unbelehrbaren und dominanten Mutter, einer Großmutter, die sie wegen ihrer unehelichen Geburt unausgesprochen immer ablehnte und einer jüngeren geistig behinderten Schwester aus der Ehe ihrer Mutter mit Pohl. Zudem zehrte an ihr die Ungewissheit, wer eigentlich ihr leiblicher Vater ist. Schwer erkrankt, dem Tode nahe verlangte sie von ihrer Mutter den Namen ihres Vaters und lernte ihn mit 19 Jahren endlich kennen.

Sie, die nach allem, was sie erlebt hatte, nie eine eigene Familie gründen wollte, traf einen Mann, der ihre Lebensborn-Herkunft und den Adoptivvater aus den Reihen führender Nazis akzeptieren konnte und heiratete ihn. Drei Kinder bekam das Paar, denen die Mutter kaum etwas aus ihrer Vergangenheit erzählen wollte. Doch nach und nach erfuhren die beiden älteren Söhne von der Geschichte ihrer Mutter und Großmutter. Ein schmerzhafter Prozess der Konfrontation und Selbstaufklärung mit vielen Verletzungen setzte ein, der bis heute andauert und die Familie nicht loslässt.

Die Autorin von Kind L 364 schildert diesen Prozess, an dem die Familienmitglieder sie teilhaben ließen, ebenso mit Anteilnahme wie mit objektivierender Distanz. Sie enthält sich psychologischer Spekulationen und lässt Fragen offen, da wo die Antworten tatsächlich kaum möglich sind. So zum Beispiel konstatiert sie nur, dass Eleonore Pohl nach dem Krieg nie über ihre Schuld sprach, Himmler und Pohl weiter verehrte und später, alt und schwer krank Selbstmord beging.

Heilwig Weger, auch das wird nicht verschwiegen, hat ihre Zerrissenheit auch heute nicht ganz überwinden können. Durch einen ihrer Söhne habe sie gelernt, Grauen vor dem Adoptivvater Oswald Pohl zu empfinden, der sie so beeinflusst habe. Manchmal aber, sagt sie, graue ihr vor ihr selbst. Ohne auch nur im geringsten das mörderische des Nazi-Alltags zu beschönigen, gelingt es dem Buch, Respekt vor einer Frau zu wecken, die schwer an ihrer Kindheit unter der Obhut der SS trägt.

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Karin Beindorff über Dorothee Schmitz-Köster: "Kind L 364. Eine Lebensborn-Familiengeschichte." Der Band ist bei Rowohlt Berlin erschienen, umfasst 288 Seiten und kostet 19.90 Euro.

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