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Aufruf zur Bescheidenheit

Béatrice Durand: "La nouvelle idéologie francaise (Die neue französische Ideologie)"

Von Hans Woller

Durand fragt: Stellen ein paar Hundert Frauen, die die Burka tragen, wirklich eine Gefahr für die altgediente Republik dar?
Durand fragt: Stellen ein paar Hundert Frauen, die die Burka tragen, wirklich eine Gefahr für die altgediente Republik dar? (picture alliance / dpa)

Béatrice Durand widmet sich dem Phänomen des französischen Patriotismus. Egal ob im linken oder rechten politischen Lager – so Durands Beobachtung – die Franzosen bekennen sich unreflektiert und viel zu selbstgefällig zu ihrer Republik.

Es ist kein Zufall, dass dieser Essay von einer Französin geschrieben wurde, die seit Langem im Ausland lebt und vielleicht deswegen die Fähigkeit mitbringt, über den französischen Tellerrand hinaus zu blicken und Töne anzuschlagen, wie man sie in Frankreich bisher kaum zu hören bekam.

In ihrer Streitschrift mit dem Titel " La nouvelle idéologie française" - zu deutsch "Die Neue Französische Ideologie" - zieht Beatrice Durand gegen einen, ihrer Meinung nach, steril gewordenen republikanischen Diskurs ins Feld. Dieser republikanische Diskurs sagt im Großen und Ganzen: Die Republik ist eins und unteilbar, wer auf ihrem Territorium geboren ist, ist Franzose und respektiert die Werte dieser Republik. Diese stets beschworenen, aber schlecht definierten Werte sind die Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben. Beatrice Durand schreibt:

Die Recyclingaktion der republikanischen Tradition nährt einen konservativen, ja reaktionären Konsens, reaktionär im eigentlichen Sinn des Wortes. Der neorepublikanische Diskurs ist eine Reaktion auf sämtliche Ängste, die durch die Globalisierung, durch die Präsenz des Islam und die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft hervorgerufen werden.

Dieser republikanische Diskurs impliziert, dass religiöse, kulturelle und ethnische Differenzen gehörigst hinten anzustellen, ja zu verstecken sind. Beatrice Durand führt das aus am Beispiel der jahrelangen Kopftuchdebatte, die auch Frankreich beherrscht und unterstreicht dabei das Paradox, dass man gerade in diesem Punkt Diskretion fordere in einer Zeit, da in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen "Outing" und "Sich – Darstellen" positiv besetzt sind.

Dabei widerstrebt Beatrice Durand auch das fast religiöse Pochen auf die Prinzipien der Laizität, als gälte es immer noch, den französischen Staat, wie Ende des 19. Jahrhunderts, vom Einfluss der katholischen Kirche zu befreien.

Und die Autorin beklagt die für den Außenstehenden in der Tat oft unerklärliche Ängstlichkeit Frankreichs im Umgang mit anderen Kulturen und Religionen. Ein Dogma des republikanischen Diskurses lautet seit den 90er-Jahren: Der "Communautarisme", also die Parallelgesellschaften, die angeblich entstünden, seien für die Republik eine ernsthafte Bedrohung. Durand schreibt:

Die Zugehörigkeit zu einer partikularen Gemeinschaft wird automatisch als Konkurrenz für die Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft empfunden. Frankreichs Gesellschaft erlebt die öffentliche Darstellung partikularer Zugehörigkeiten als Bedrohung für ihre eigene Kohäsion.

Die Autorin fragt: Stellen ein paar Hundert Frauen, die die Burka tragen, wirklich eine Gefahr für die altgediente Republik dar? Verrät diese Republik nicht vielmehr ihre eigenen Prinzipien, wenn sie Frauen das Tragen des Kopftuchs und der Burka verbietet? Ist jedes Abweichen vom etablierten republikanischen Diskurs wirklich gleich eine Gefahr für das Zusammenleben im Land? Und wie verunsichert muss eigentlich ein Land sein, um einen derartigen Diskurs hochzuhalten, der impliziert, dass Vielfalt Zerfall bedeutet? Die Strenge der republikanischen Dogmen Frankreichs kommt, so Beatrice Durand, zum Beispiel auch im Umgang mit Minderheitensprachen zum Ausdruck.

Vielleicht mit Ausnahme Spaniens unter Franco hat kein anderes europäisches Land so viel Energie darauf verwandt wie Frankreich, um seine Regionalsprachen auszulöschen.

Und schließlich kritisiert Beatrice Durand auch eine gewisse Engstirnigkeit, die dem republikanischen Diskurs eigen ist, weil er sich einzig und allein auf die Nation beschränkt, unfähig ist, in größeren Kategorien zu denken, gleichzeitig aber den Anspruch erhebt, universelle Gültigkeit zu haben. Ihr Résumé:

Der reaktionäre oder zumindest defensive Charakter unseres Neo-Republikanismus drückt sich aus in einem Hang zur Autorität und in der gebetsmühlenartigen Gewohnheit, Werte zu beschwören. Dabei ist er unfähig, diese Werte klar zu definieren oder sie glaubwürdig zu vermitteln. Die republikanische Idee a la française dient in ihren aggressiven Varianten als ideologisches Fundament für einen versteckten Chauvinismus und einen Nationalismus, der seinen Namen nicht nennen will. Diese republikanische Idee unterstützt eine autoritäre und nostalgische Konzeption der Schule. Sie bekämpft Unrecht und Diskriminierungen nur halbherzig, verwendet aber viel Energie darauf, ihr Versagen und ihre Tatenlosigkeit zu rechtfertigen, indem sie ständig den Respekt vor den hochheiligen Werten der Republik beschwört.

Anders als in Deutschland hat der Essay der in Deutschland lebenden Französin in den Feuilletons ihres Heimatlandes bislang keinerlei Beachtung gefunden. Eigentlich schade, denn diese freche Streitschrift hätte einen Beitrag leisten können, die Gewissheiten derer in Frankreich zu erschüttern, die wie von der Kanzel herab die Werte der Republik und die Prinzipien der Laizität predigen, ohne zu merken, dass damit allein so manches aktuelle Problem nicht mehr zu lösen ist.


Béatrice Durand: "La nouvelle idéologie francaise (Die neue französische Ideologie)"
Editions Stock
234 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-2-234-06486-7

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